Betriebsrente Wackelt die dritte Säule der Altersversorgung?

Autor Robert Horn

Jahrelanger Niedrigzins, unzureichende Verbreitung, mangelnde Flexibilität bei den Arbeitgebern und kaum zu bewältigende Pensionsansprüche: Die betriebliche Altersvorsorge kämpft mit zahlreichen Problemen. Wird sie für den Mittelstand unrentabel?

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Die betriebliche Altersvorsorge zählt zu den Lieblingsargumenten vieler Personaler. Dabei führt sie oft bei kleineren und mittleren Unternehmen zu massiven Finanzierungsproblemen.
Die betriebliche Altersvorsorge zählt zu den Lieblingsargumenten vieler Personaler. Dabei führt sie oft bei kleineren und mittleren Unternehmen zu massiven Finanzierungsproblemen.
( © Gabriele Rohde - Fotolia)

Neben gesetzlicher Rente und privater Vorsorge, etwa in Form der Riester-Rente, gilt die betriebliche Altersvorsorge als eine der drei Säulen der Altersversorgung. Jeder Arbeitnehmer hat seit 2002 einen gesetzlichen Anspruch darauf, für Arbeitgeber gilt die betriebliche Altersversorgung (BAV) nach wie vor als eine der wichtigsten Maßnahmen zur Arbeitnehmerbindung. So ist noch 2014 die Nachfrage nach betrieblicher Altersvorsorge im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, meldet Versicherer Generali nach einer aktuellen Umfrage. Dieser Zuwachs resultiert aus dem höheren finanziellen Engagement der Arbeitgeber beim eigenen Betriebsrentenangebot. Trotzdem ist die Verbreitungsrate ernüchternd.

Eingreifen der Politik

Gerade mal 60 % aller Personen, die Anspruch auf eine Betriebsrente haben – in Deutschland waren das 2014 etwa 16,6 Mio. Menschen – nutzen diese Form der Altersabsicherung. Es droht das demografische Ungleichgewicht, dem das Bundesministerium für Arbeit und Soziales jetzt mit der tariflichen betrieblichen Altersvorsorge, der „Nahles-Rente“, gegenzusteuern versucht. Damit soll die betriebliche Altersvorsorge stärker in Tarifverträgen verankert werden und vor allem in kleinen und mittleren Betrieben mehr Anklang finden.

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Bei Politik und Arbeitgebern stößt der Vorschlag derweil auf wenig Gegenliebe: Laut einer von Pensionsberater Longial initiierten Umfrage befürworten gerade mal 26 % der Befragten eine Verlagerung auf die Tarifpartner. Unternehmen fürchten vor allem noch mehr Komplexität, obwohl doch das Gegenteil der richtige Weg wäre: Die Einführung von reinen Beitragszusagen zur Enthaftung der Arbeitgeber sowie eine allgemeine Reduzierung der Komplexität.

„Rund die Hälfte der Befragten sieht im Ministeriums-Vorstoß faktisch die Eröffnung eines weiteren Durchführungsweges, der vor allem noch mehr Komplexität bedeutet“, so Dr. Paulgerd Kolvenbach, Geschäftsführer von Longial. Dass weitere Maßnahmen notwendig sind, um die Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge voranzutreiben, darüber sind sich alle Parteien einig. Doch vor allem das niedrige Zinsniveau bleibt eines der größten Probleme.

Der Niedrigzins als Stolperstein

Der seit Jahren niedrige Zins macht es gerade dem Mittelstand immer schwerer, Pensionszusagen zu finanzieren, sagt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Denn die Gelder, die Unternehmen zum Zweck der betrieblichen Altersvorsorge zurückgelegt haben, werfen immer weniger Rendite ab. Die Folge: Pensionsansprüche müssen immer stärker aus dem laufenden Geschäft bezuschusst werden. Kapital, das so natürlich für Investitionen nicht mehr zur Verfügung steht.

Für den Mittelstand wird die Belastung von Jahr zu Jahr deutlicher: Denn der Referenzzins, der in der Bilanz der Mittelständler genutzte Durchschnittszins, passt sich nur schrittweise nach unten an. Lag der Referenzzins im Jahr 2008 noch bei 5,25 %, so ist er Ende 2014 auf 4,54 % gesunken. Das hat spürbare Auswirkungen: Insgesamt mussten kleine und mittlere Unternehmen seit 2008 zusätzliche Rückstellungen in Höhe von 1,2 Mrd. Euro bilden – davon 580 Mio. Euro allein im letzten Jahr, so der DIHK in Berlin.

Pensionsfonds enttäuschen

Nicht nur für Arbeitgeber, auch für Arbeitnehmer ist die betriebliche Altersvorsorge derzeit nicht das attraktivste Modell, um fürs Alter vorzusorgen: Abschlusskosten, Inflationsrate und Verwaltungskosten sorgen dafür, dass mit der klassischen betrieblichen Altersvorsorge kaum noch positive Renditen zu holen sind. Zu den meistverbreiteten Formen zählen neben Direktversicherungen und Direktzusagen die Pensionskassen. Aber auch dabei wirken sich die Niedrigzinsen negativ aus: Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung schwächeln die rund 30 Pensionsfonds in Deutschland nahezu ausnahmslos (siehe Grafik).

Nach Zahlen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht haben die Fonds von 2006 bis 2010 im Schnitt gerade mal eine Rendite von 2,75 % erzielt. Günter Pochmann, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, der die Zahlen im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung auswertete, meint dazu: „Insgesamt muss das Ergebnis der Kapitalanlagen für Rechnung und Risiko der Arbeitnehmer und Arbeitgeber enttäuschen.“

Arbeitgeberwechsel ist keine gute Idee

Gerade bei der Generation Y dürfte das für einen bitteren Beigeschmack sorgen: Jobhopping, also das häufige Wechseln des Arbeitsplatzes, ist heute fester Bestandteil der Arbeitswelt junger Arbeitnehmer, kaum jemand bleibt sein Leben lang bei ein und demselben Arbeitgeber. Das Problem: Erworbene Ansprüche auf eine betriebliche Altersvorsorge greifen aktuell erst nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit. Wer früher geht, muss oft empfindliche Einbußen in Kauf nehmen. Denn oft bieten Unternehmen unterschiedliche Arten der Betriebsrente an, neue Verträge mit oft niedrigeren garantierten Zinsen müssen geschlossen werden. Zudem werden pro Vertrag Vermittlerprovisionen fällig. Zusätzlich steigt mit jedem Jobwechsel auch das Eintrittsalter und damit steigen die zu entrichtenden Beiträge.

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Deutschland braucht die betriebliche Altersvorsorge, das diktiert allein schon der demografische Wandel. Das Ziel muss sein, ein attraktives Modell zu schaffen, das die dynamische Arbeitswelt junger Arbeitnehmer genauso berücksichtigt wie die Bedürfnisse der Arbeitgeber nach mehr Flexibilität und weniger Komplexität.

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