Standort Polen Warschau sucht Neustart für die Wirtschaft

Autor Stéphane Itasse

Polens Wirtschaft wächst im europäischen Vergleich weiterhin gut: Im vergangenen Jahr legte das BIP laut Eurostat um 3,6 % zu, was den siebten Platz in der EU bedeutet. Die Regierung sieht die längerfristigen Trends jedoch mit Sorgen, weshalb sie gegensteuern will.

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Noch wächst Polens Wirtschaft, doch schwächere Tendenzen veranlassen die Regierung zum Handeln.
Noch wächst Polens Wirtschaft, doch schwächere Tendenzen veranlassen die Regierung zum Handeln.
(Bild: Siemens)

Nach Angaben des polnischen Statistikamts GUS lag das Wirtschaftswachstum 2014 noch bei 3,3 % im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings schwächte es sich im zweiten Quartal 2016 (neueste verfügbare Zahlen) wieder auf 3,1 % ab. In diesem Zeitraum erreichte die Industrieproduktion einen Indexwert von 107,3 nach 103,8 im Vorquartal. Einen kräftigen Anstieg gab es bei den GUS-Zahlen zum Geschäftsklima in der Industrie: Von –1,1 Punkten im Schlussquartal 2015 stieg es auf 4,9 Punkte im ersten Quartal 2016 und weiter auf 5,2 Punkte im zweiten Quartal.

Langfristiger Wirtschaftstrend in Polen beunruhigt die Regierung

Das Unternehmensklima im Allgemeinen blieb nach einer Analyse der polnischen Zentralbank (Narodowy Bank Polski – NBP) auch im zweiten Quartal 2016 gut, obwohl eine Umfrage einen leichten Rückgang der Geschäftserwartungen zeigte. Allerdings planten die Unternehmen mehr entwicklungsorientierte Aktivitäten als noch vor einem Jahr, weshalb die NBP diesen Rückgang für eine kurzfristige Erscheinung hält. Die Freigabe von Mitteln aus dem neuen EU-Finanzrahmen soll zudem einen signifikanten Einfluss auf den Ausbau der Produktionskapazitäten haben und somit die Erholung vorantreiben.

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Längerfristig betrachtet verlangsamt sich das BIP-Wachstum aber immer mehr, wie das polnische Wirtschaftsministerium analysiert hat. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate sank von 5,2 % in den Jahren von 2004 bis 2008 auf nur noch 2,9 % für den Zeitraum von 2009 bis 2014. Das Ministerium nennt dafür eine Reihe von Gründen: Zum einen sind billige Arbeitskräfte in Polen nicht mehr so einfach verfügbar, hier hat das Wirtschaftswachstum auch die Löhne und Gehälter mit nach oben getrieben. Hinzu kommen eine negative demografische Entwicklung und ein geringes Produktivitätswachstum.

Hinter Letzterem steht eine schwache Investitionsentwicklung. Die Bruttoanlageinvestitionen erreichten 2015 ein Fünftel des BIP-Wertes, das ist in der Region Mittel- und Osteuropa der drittniedrigste Wert nach Slowenien und Kroatien. Und der Trend ist negativ: Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums lag dieser Wert 2014 um satte drei Prozentpunkte unter dem Stand von 2008.

Entwicklungsprogramm soll der Wirtschaft neuen Schub geben

Damit will sich die Regierung in Warschau nicht abfinden. Genau 100 Tage nach ihrem Amtsantritt hat Entwicklungsminister Mateusz Morawiecki ein Entwicklungsprogramm vorgestellt. Ziele des „Plans zur verantwortungsvollen Entwicklung“ sind die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit der polnischen Wirtschaft und einheimischer Unternehmen sowie ein höherer Lebensstandard der Menschen.

Um diese Ziele zu erreichen, setzt das Entwicklungsministerium nach eigenen Angaben auf fünf Säulen:

  • Reindustrialisierung,
  • Entwicklung innovativer Unternehmen,
  • Aufbau eines Kapitalstocks in den Unternehmen,
  • deren globale Expansion sowie
  • soziale und regionale Entwicklung.

Im Einzelnen soll die Reindustrialisierung nach den Plänen des Entwicklungsministerium auf Innovation, Digitalisierung und fortschrittlicher Automatisierung basieren. Um innovative Unternehmen zu entwickeln, soll auch der technische Grad der Produkte „made in Poland“ steigen – unter diesem Aspekt hat die verlängerte Werkbank ausgedient. Kleine und mittlere Unternehmen sollen zudem von Änderungen bei den rechtlichen Rahmenbedingungen profitieren, damit sie ihr Potenzial besser ausschöpfen und ihren Umsatz steigern können.

Damit sich die Unternehmen weiter entwickeln können, will die Regierung in Warschau zudem finanzielle Ressourcen mobilisieren, um die Investitionen in Polen zu erhöhen. Darüber hinaus plant sie, die Unternehmen bei der Erschließung neuer, vor allem schnell wachsender Märkte zu unterstützen.

Wirtschaft soll sich sozial und regional ausgewogen entwickeln

Bei der sozialen und regionalen Entwicklung schließlich will Warschau auf den sozialen Zusammenhalt achten. Dazu gehören laut Mitteilung des Ministeriums ein hohes Beschäftigungsniveau und eine gute Qualität der Arbeitsplätze. Regional sollen auch die ländlichen Gebiete und kleineren Städte berücksichtigt werden. Ziel sei, dass jeder vom Wachstum profitiere, unabhängig vom Wohnort.

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