Wirtschaft Warum die USA auch künftig Hochtechnologie aus Deutschland brauchen

Autor / Redakteur: Georg Schmitz-Weiss / Robert Horn

Strafzölle und Abschottung? Die aktuelle Politik der USA droht, mit Protektionismus das Gefüge des Welthandels zu belasten. Dabei ist die Nation auch unter Donald Trump mehr denn je auf deutsche Maschinenbauer angewiesen.

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(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Jüngst besuchte eine größere Investorengruppe aus den USA ein namhaftes, hochspezialisiertes Getriebebauunternehmen im Thüringischen. Selbst dem „Spiegel“ war dies einen Bericht wert – sind bei diesem Besuch doch die Unterschiede nicht nur zur amerikanischen Politik im allgemeinen, sondern besonders jene der Investitionstätigkeiten und der dafür zugrunde liegenden Intentionen und Finanzierungsmodelle mehr als deutlich geworden.

Denn das thüringische Erfolgsunternehmen wollte eigentlich viele Millionen Dollar schwerpunktmäßig vor Ort in den USA investieren und sich zur technischen Ausstattung des neuen Werkes mit dortiger Produktions- und Maschinentechnologie eindecken – unter anderem auch, um Transportkosten aus Europa sowie Zölle zu vermeiden. Das ging schief und das Ergebnis überraschte nur einen nicht: Ulrich Ackermann vom VDMA, dort als Abteilungsleiter Außenhandel für die Deutsche Maschinenbauindustrie tätig.

Qualitativ nicht genügend

Denn die für den Werksaufbau benötigte maschinelle Ausstattung in Form von Spezialdrehmaschinen, Tieflochbohrmaschinen und Superfinish-Maschinen war in den USA schlichtweg nicht verfügbar beziehungsweise vom technologischen Leistungsstand her ungeeignet.

Die dort angebotene Technik war dem deutschen Unternehmenschef zufolge auf erstaunlich niedrigem Niveau bei zugleich signifikant höheren Anschaffungskosten. Schließlich wurde – entgegen der Planung des Investitionsvorhabens – der notwendige Maschinenpark in Deutschland zugekauft und in die USA transportiert – einschließlich einer speziellen Automatisierungstechnikanlage aus Österreich.

Dieser Vorgang öffnet den Blick für verschiedene Zusammenhänge sowohl der neuen wie der alten amerikanischen Wirtschaftspolitik und dem entsprechenden Investitions- und Transaktionsverhalten amerikanischer Unternehmen ganz allgemein. Und ergibt fast zwangsläufig ein Plädoyer für die weiter wachsende Relevanz des Deutschen Maschinenbaus vor allem im Ausland. Denn hier überschneiden sich Ursache und Wirkung im direkten Vergleich.

„America first“ als sture Parole

Nicht nur Donald Trump hat mit seinen vielleicht als „patriotisch“ zu bezeichnenden Absichten einen alten Irrtum wiederbelebt, der schon in England vor Jahrzehnten die Abwärtsspirale der eigenen Wirtschaft beschleunigte: Während man im Königreich „Buy British“ im Dauereinsatz selbst noch auf Bierdeckeln zu lesen bekam, derweil die damit noch absetzbaren Produkte weiter an Qualität verloren, möchte auch Donald Trump dem ungeachtet damit punkten, den Amerikanern wieder ausschließlich heimische Produkte in den Warenkorb zu legen.

Die letzten Wochen und Monate sind voll mit entsprechenden Statements aus dem Weißen Haus, die besonders im Ausland für Unsicherheit und Irritation sorgten. In der oftmals vereinfachenden Sprache der Politik nicht nur aus dem Hause Trump heißt das dann so: „Kaufe amerikanische Produkte und stelle amerikanische Arbeitskräfte ein!“ Dass eine solche Logik noch nie aufging, steht auf einem anderen Blatt. Wer Humor hat, mag sich diesbezüglich an den Niedergang der britischen Autoindustrie erinnern.

Der gute Ruf deutscher Produkte

Umgekehrt sind die Abhängigkeiten der USA vom Ausland und in einer längst arbeitsteiligen Weltwirtschaft größer, als es nationale Schutzraumbemühungen mit ein paar lautstarken Federstrichen aufzulösen vermögen. So stellen auch die USA bei weitem nicht mehr alles her, was das Land zum Betrieb der eigenen Industrie und dem Erhalt der Innovationskraft braucht.

An dieser Stelle taucht der deutsche Maschinenbau auf, denn der ist auch und besonders in Amerika hochgeschätzt nicht nur allein des klassischen Qualitätsmerkmals „Made In Germany“ wegen , sondern auch und besonders wegen des enormen Innovationsgrades, der die eigenen Produkte der USA „ oft um Längen schlägt“, wie es Peter Fischermann, Direktor der AKF Bank in Wuppertal und zuständig für den Bereich Industriefinanz unlängst beim Pressegespräch äußerte.

Und wie wenig der eigene Markt auf US-Maschinenbauprodukte setzt, zeigt die Statistik. Der Marktanteil heimischer Hersteller ging hier von 81 auf 63 % zurück. Knapp ein Drittel (Tendenz steigend) kommt also weiterhin aus dem Ausland, mehrheitlich aus China, Mexiko und Deutschland; also von genau jenen, denen der amerikanische Präsident schwere Zeiten in den USA versprochen hat.

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Enormes Gefälle in der amerikanischen Industrie

Dass man dem indes sehr gelassen entgegensehen sollte, macht eine andere Betrachtung deutlich. Die seit Jahren schleichende Deindustrialisierung der USA hat neben zahlreichen Betriebspleiten, Schließungen, Betriebsaufgaben und Abwanderungen längst zu einem Mangel an Schlüsseltechnologien geführt. Trumps Abschottungsdrohung an jene Länder also, die viel in die USA exportieren, würde demnach nicht nur die Exporteure, sondern sehr unmittelbar auch die USA treffen. Denn der eigene Maschinenmarkt der USA teilt sich, so Ulrich Ackermann vom VDMA, „in einen vor Hightech geradezu strotzenden Teil und einen anderen, der mehr aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhundert zu stammen scheint.“

Zum einen bestaunt man auf manchen Messen in Deutschland einige Technologiewunder, zum anderen zeigt man dort oftmals Dinge, die in Europa längst nicht mehr zulässig oder gebräuchlich sind und für Kopfschütteln sorgen.

Investitionen auf kurzfristigen Erfolg getrimmt

Woran aber liegt es eigentlich, dass die USA bei den ehemals von Ihnen selbst forcierten Technologien augenscheinlich ins Hintertreffen geraten sind? Eine der Ursachen davon erläutert Peter Fischermann von der AKF Bank: „Amerikanische Unternehmen investieren völlig anders als deutsche Unternehmen. Der deutsche Unternehmer geht von der langfristigen Investition aus, die sich nicht übernächste Woche schon gerechnet haben muss. Auch wir als Bank, die besonders im mittelständischen Maschinenbau sehr viele Investitionen mit präzisen Programmen und maßgeschneiderten Konzepten finanziert, denken in erheblich größeren Zeiträumen und den Zeitzusammenhängen der Innovationszyklen. Das liegt einfach daran, dass wir uns intensiv mit den Technologien selbst auseinandersetzen und genau beobachten, welche Trends sich am Horizont der Märkte abzeichnen. Und dass auch Geduld und Vertrauen mit zum Geschäftsmodell gehören.“

Demgegenüber, und das betonen die Experten einmütig, ist Amerika traditionell getrieben von eher kurzfristigen Gewinnerwartungen; ergo vom zügigen ROI und schnellen Profit. Da verkürzen sich die Erwartungen in neue Produkte auf die reine Betrachtung der schnellen Refinanzierung einer Investition. Ob Banken oder produzierendes Gewerbe: Quartalszahlen – in Deutschland längst kritischer hinterfragt und lange nicht mehr alleinentscheidendes Erfolgskriterium – bestimmen nach wie vor das Erfolgsdenken amerikanischen Managements.

Die langfristige Investition, der lange Atem den man besonders für komplexe technische Entwicklungen, ist ist in den USA bei weitem nicht so ausgeprägt wie hier, wo auch die Lebenszyklen von Produkten längerfristig geplant werden. Einer der Inhalte von „Made in Germany“ ist genau das: die Kontinuität in akribischen Entwicklungsprozessen.

Schnell vs. grünlich

„Der deutsche Maschinenbau verdient viel Geld – aber nicht das schnelle Geld“, wie der verstorbene Otto Wolff von Amerongen einmal treffsicher sagte. Dazu Peter Fischermann von der AKF Bank: „Das spiegelt sich eben auch im Verhalten der US-amerikanischen Banken, die Investitionen ganz anders angehen und bewerten, als wir hier in Deutschland. Einerseits bewundert man unsere Solidität in solchen Dingen, die Genauigkeit und Berechenbarkeit, unsere Gründlichkeit bei Rentabilitätsberechnungen; andererseits geht es denen drüben eben nie schnell genug. Das mag manchmal durchaus Vorteile haben, andererseits ist klar, dass hier oft sehr kurzatmig gehandelt wird. Und, was ich ganz persönlich meine ist noch folgendes: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich amerikanische Banken so intensiv mit den Plänen der finanzierenden Unternehmen beschäftigen, wie wir das hier tun.“

Wie aber endete nun die Betriebsbesichtigung der US-Delegation bei den Thüringern? Natürlich war man beeindruckt von der Leistungsfähigkeit; vom „state of the art“ des Unternehmens. Dunkle Wolken am Exporthorizont zu vermuten sei aber verfrüht. Die USA brauchen den deutschen Maschinenbau. Vielleicht sogar mehr als sie ahnen. Vernunft hat immer eine Chance, sich durchzusetzen. Derzeit gibt die Welt diesbezüglich zwar ein anderes Bild von sich ab, aber Peter Fischermann bleibt optimistisch: „Letztlich entscheidet doch die Besonnenheit. Und das ist ja auch ein bisschen Tugend Made in Germany!“

* Georg Schmitz-Weiss ist freier Autor aus Hilden

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