Recht Warum einheitliche Industriestandards so wichtig sind

Ein Gastbeitrag von José A. Campos Nave

Die EU will nationale Normen vereinheitlichen. Dadurch soll unter anderem die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden – insbesondere im Vergleich zu China.

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Eine DIN-Norm existiert in Deutschland zum Beispiel für Schrauben.
Eine DIN-Norm existiert in Deutschland zum Beispiel für Schrauben.
(Bild: © Picture by JOGI - stock.adobe.com)

Wie bedeutend allgemein international anerkannte Normen sein können, beschreibt das Beispiel, wie einfach es doch wäre, wenn jedes neue Mobiltelefon über ein einheitliches Ladegerät verfügen würde. Bislang sind Netzteile für Mobiltelefone in der Europäischen Union noch nicht standardisiert. Eine entsprechende europäische Richtlinie für einheitliche Ladegeräte für mobile „Gadgets“ wurde von der Europäischen Kommission bereits formuliert, die allerdings noch vom europäischen Parlament beschlossen werden muss.

Ein einheitlicher Industriestandard für Ladegeräte könnte Produzenten den Weg ebnen, neue Produktentwicklungen nachhaltig im europäischen, aber auch auf dem Weltmarkt zu positionieren. Zudem ist denkbar, dass bei Anwendung von Standards weniger Elektroschrott aufgrund einer reduzierten Menge an ungewollten beziehungsweise ungenutzten Ladegeräten zu einer erheblichen Ressourcenschonung und zugleich zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft beitragen kann. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission besitzt jeder Verbraucher durchschnittlich drei Netzteile, von denen er allerdings nur zwei nutzt.

Während die ersten Videorekorder Anfang der 1960er-Jahre auf den weltweiten Markt gelangten, hatte sich nur wenige Jahre später (1976) das VHS-Format als Aufzeichnungs- und Wiedergabesystem für Videorekorder als Industriestandard durchgesetzt. Konsequenterweise wurden für eine lange Zeit schwerpunktmäßig Videorecorder verkauft, die Kassetten mit dem VHS-Format abspielen konnten. Weitere Beispiele sind der „WLAN“-Standard“ oder „Windows“ von Microsoft.

Dies macht deutlich, dass derjenige, der Standards setzt, mitbestimmen kann, welche Produkte erfolgreich auf den Markt gebracht werden. Zugleich können die Produkte eines Herstellers/Entwicklers mit jenen unterschiedlichen Produkten anderer Hersteller kompatibel gemacht werden, wie unter anderem Datenformate oder einheitliche Messungen für die passgerechten Formate von Ordnern oder Schränken.

Vergleichbarkeit über Landesgrenzen hinweg

Das „Deutsche Institut für Normung e.V.“, das für die Normung in Deutschland zuständig ist, legt die Standards für Deutschland fest (DIN-Norm) und somit welchen Anspruch, beispielsweise Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, erfüllen müssen. Diese Standards beeinflussen zugleich auch jene auf europäischer sowie globaler Ebene. Folgende Bezeichnungen stehen für:

  • „DIN EN ISO-Norm“: eine international anerkannte Vereinheitlichung;
  • „DIN EN“: eine europäische Norm;
  • „DIN-Norm“: einen deutschen Standard: für materielle Güter normiert, aber auch Dienstleistungen, wie Tauchkurse oder Einstellungstests im Personalwesen. Diese sind qualifizierte Empfehlungen auf freiwilliger Basis, beispielsweise für ein Papierformat (DIN A0 bis DIN A4) oder Schrauben, die sowohl in Deutschland als auch in Europa und weltweit Gültigkeit haben.

In Deutschland gibt es bereits mehr als 34.000 gültige DIN-Normen in den unterschiedlichsten Gebieten, die insbesondere für die Bereiche Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau, Automobilbau, Umweltschutz, Baubranche und Handwerk bedeutend sind. Beispiele sind unter anderem die Schnuller-Norm (mindestens zwei Löcher im Schild), klar definierte Schuhgrößen, die Festlegung einheitlicher Papiergrößen (DIN-A0 bis DIN-A4) und die Kompatibilität von Elektrostecker mit Steckdosen in anderen Ländern.

Sehr viele Erzeugnisse und Produkte des alltäglichen Bedarfs sowie Dienstleistungen entsprechen heutzutage bestimmten marktgerechten Standards, die erheblich dazu beitragen, den globalen Handel, die Wirtschaft und die Industrie zu fördern. Sie dienen aber auch unter anderem der Qualitätssicherung und den Produktinnovationen.

Insbesondere für den Industriesektor können sich DIN-Normen als sehr nützlich erweisen, um Produkte wie Nahrungsmittel, Textilien oder Bauteile in gleicher Weise herstellen zu können, ohne dabei auf unterschiedliche Normierungen in anderen Ländern zu stoßen. Für den Unternehmer resultiert zudem der Vorteil, seine Prozesse und Verfahren entsprechend anzupassen oder gar zu beschleunigen. Seitdem in den 1960er-Jahren die Einführung eines standardisierten einheitlichen Containers erfolgte, können Container aus Asien auf deutsche Frachter und Züge problemlos umgeladen werden.

Ebenso können Standards eine Voraussetzung für die Digitalisierung der industriellen Fertigung (Industrie 4.0) sein. Damit wird deutlich, dass einheitliche Produktionsstandards schließlich die Herstellung und den Verkauf von Produkten vereinfachen.

Dies macht deutlich, dass Normen den Unternehmen einen deutlichen Vorteil verschaffen, wenn sie sich diese zu Nutze machen, sie anwenden oder gar mitgestalten. Denn sie profitieren dadurch von reibungslosen Arbeits- und sicheren Betriebsabläufen sowie hohen Qualitätsstandards.

Ein Instrument für Zukunftsmärkte

Die Europäische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, die nationalen Normen in der EU (DIN EN) zu vereinheitlichen. Davon verspricht sie sich, dass die weltweite Anerkennung europäischer Industriestandards positiven Einfluss auf die europäischen Exporte und auf die Wettbewerbsfähigkeit hat. Ohne das Vorhandensein einheitlicher Standards, die jedoch in hohem Maße sehr viele Produkte und Dienstleistungen mitbestimmen, könnte die globale Wirtschaft in der EU eingeschränkt werden. Höhere Entwicklungskosten mit Auftragsrückgängen könnten zudem die Folge sein.

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Dabei geht es nicht nur um Produkte wie Stecker für Ladegeräte oder Schuhgrößen, sondern insbesondere auch um zukünftige Märkte wie das Internet, Künstliche Intelligenz, Impfstoffe, die Produktion von „grünem Wasserstoff“ oder Standards für den Mobilfunk. Schließlich liefern Normen ein Instrument für die weitere Entwicklung des technischen Fortschritts.

Hinzu kommt, dass ein Normungsverfahren in Europa oftmals einen hohen Zeitaufwand beansprucht. Demnach bedarf es einer deutlichen Beschleunigung für solche Verfahren und Prozesse in der EU, etwa im Bergbausektor (Umwelt- und Arbeitsstandards) sowie normierte Sicherheitsvorkehrungen für technische Geräte. Ansonsten bestehe die Befürchtung, dass die europäischen Länder den Anschluss verlieren könnten und sich zukünftig sogar nach den Standards anderer, vor allem Länder wie China, orientieren müssen.

Schließlich liegt der Fokus der Europäischen Kommission darauf, dass sich Europa im Wettbewerb um einheitliche Industriestandards stärker gegen den zunehmend größeren Einfluss Chinas auf den globalen Märkten durchsetzen muss. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Volksrepublik China vor wenigen Monaten eine neue Normungsstrategie eingeführt habe und sich zudem darum bemühe, eigene Standards im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ sowie über Handelsvereinbarungen in andere asiatische und afrikanische Staaten zu exportieren.

Ausblick

Im globalen Wettbewerb um einheitliche Industriestandards müssen Deutschland und die europäischen Länder die sich abzeichnende und zunehmende Dominanz von China im Blick behalten, beobachten und entsprechend reagieren. Eine sachgerechte Industriepolitik für Europa muss darauf bedacht sein, eigene Standards zu entwickeln und entsprechend auf diesen Standard ausgerichtete Produkte zu konzipieren, um diese auf den Weltmärkten abzusetzen. Die nationalen Normierungsstrategien anderer Staaten gilt es hierbei kontinuierlich nach deren Marktrelevanz zu bewerten.

* Dr José A. Campos Nave ist geschäftsführender Partner bei der Kanzlei Rödl & Partner in 90491 Nürnberg, Tel: +49 6196 76114702, info‎@‎roedl.com

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