Industrie 4.0 Was der Maschinenbau von Teslas Gigafactory in Grünheide lernen kann

Autor / Redakteur: Daniel Szabo* / Sebastian Human

Der Name zeugt von Selbstbewusstsein und entsprechend hochgesteckt sind auch die Ambitionen: Teslas Gigafactory, die aktuell in Brandenburg entsteht, soll zum Vorzeigeprojekt für die digitalisierte Produktion werden. Dient die Digitalfabrik auch dem deutschen Maschinenbau als Vorbild?

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Gegenwärtig entsteht mit Elon Musks Gigafabrik im brandenburgischen Grünheide eine hochmoderne Industrieproduktion nach Vorbild bereits errichteter Tesla-Werke.
Gegenwärtig entsteht mit Elon Musks Gigafabrik im brandenburgischen Grünheide eine hochmoderne Industrieproduktion nach Vorbild bereits errichteter Tesla-Werke.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Seit einigen Monaten schon schaut die deutsche Öffentlichkeit mit großem Interesse auf den Bau einer Fabrik – Teslas Gigafactory im brandenburgischen Grünheide. Der erste Spatenstich wurde Anfang des Jahres 2020 gesetzt und schon im Juli 2021 soll die Produktion für den Tesla Model Y anlaufen.

Verrückt sagen die einen, genial die anderen. In jedem Fall sorgt der bekannte Bauherr Elon Musk mit dem Projekt dafür, dass eine Branche weiter in den digitalen Fokus rückt, die seit jeher als Herzstück der deutschen Wirtschaft gilt: der Maschinenbau.

Die Gigafactory zeigt auf, welche Möglichkeiten in der Digitalisierung von Fabriken liegen und gibt somit wichtige Impulse und Handlungsempfehlungen für einen Sektor, dem ein Wertschöpfungspotenzial von 23 Milliarden Euro bis 2025 durch den Einsatz digitaler Technologien prognostiziert wird.

Die Zukunft des Maschinenbaus liegt in “AI-powered Manufacturing Efficiency”

Bei Musks Gigafactory geht es vor allem um eins: Effizienz. Auch wenn wir aktuell noch nicht viel über die Technologien wissen, die in der Fabrik in Grünheide zum Einsatz kommen werden, lohnt es sich einen Blick auf die bereits im Betrieb befindlichen Gigafactories zu werfen. So nutzt beispielsweise das Werk im amerikanischen Nevada innovative Herstellungsverfahren, um bei der Batterieproduktion Ausschuss zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und so insgesamt die Produktionskosten zu senken. Das sogenannte Automating intelligently, also die Verschmelzung von Automatisierungsprozessen mit KI-Technologien, prägt die Art und Weise wie in Tesla-Werken produziert wird.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Durch den systematischen Einsatz innovativer und KI-gestützter Technologien können Fertigungsunternehmen große Datenmengen sinnvoll analysieren und damit die Verfügbarkeit ihrer Produktionslinien optimieren. Die Marktchancen, denen Tesla sich bedient, sind enorm, denn die Interpretation großer Datenmengen wird immer effizienter und schneller. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Aufbau von Datenanalysemodellen, die die Grundlage für die automatisierte und effiziente Produktion der Zukunft darstellen.

Mit KI können Unternehmen ihre Produktion auch in lokalen Märkten umsetzen

Die Corona-Pandemie hat insbesondere in der Lockdown-Phase gezeigt, wie verletzlich Wertschöpfungsketten sind. Die Abhängigkeit von internationalen Handelspartnern und Zulieferern hat zu Komplikationen und Einbußen in der Produktion und Verfügbarkeit von Waren geführt. Unternehmen können darauf reagieren, in dem sie ihre Produktionseinheiten wieder näher in die regionalen Märkte verlagern. So werden sie unabhängiger von externen Einflüssen und können ihre Wertschöpfungsketten intakt halten und einen nahtlosen Regelbetrieb und die Versorgung ihrer Kunden garantieren. Mit dem Bau der Gigafactory in Deutschland macht Musk genau das: er bringt die Tesla-Produktion aktiv in die Mitte Europas und damit nah an einen der wichtigsten Wachstumsmärkte für Elektromobilität.

Die Tatsache, dass mit Tesla ein Automobilhersteller seine Produktion nach Deutschland holt, zeigt aber noch einen weiteren Punkt: die Löhne der Beschäftigten sind nicht mehr der entscheidende Faktor bei der Standortentscheidung. Durch mehr Effizienz mit Hilfe von Automatisierungstechnologien können Unternehmen auch in Hochlohnländern produzieren. Eine attraktive Infrastruktur und politische Sicherheit werden zu wertvolleren Standortfaktoren, um sichere Lieferketten zu gewährleisten. Die inländische Automobilproduktion sank von 2018 bis 2019 um 8,9 Prozent. Die Produktion im Ausland stieg um 1,3 Prozent, so der VDA.

Während die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft unsere Wirtschaft die letzten Jahre und Jahrzehnte geprägt hat, zeigt Tesla mit dem Bau der Gigafactory nun, dass die Zukunft eine andere sein kann. Selbst Länder, die früher vornehmlich als Produktionsstandorte bekannt waren, entwickeln sich zunehmend zu Dienstleistungsgesellschaften. Daten der Weltbank aus dem Jahr 2019 zeigen, dass China zunehmend zu einer Dienstleistungsgesellschaft wird, während die industrielle Produktion immer weniger relevant wird.

Die Gigafactory könnte zum Zalando-Moment für das Industrial IoT werden

Seit Beginn der 2010er Jahre haben wir ein massives Aufkommen im Bereich der E-Commerce-Plattformen erlebt, denn 2008 passierte etwas, das für die kommenden Jahre Inspiration für eine ganze Gründergeneration werden sollte: die Gründung von Zalando.

Die Handelsplattform wurde ein Kompass dafür, wo die Reise für erfolgreiche Digitalunternehmen made in Germany hingehen kann. Die Folge: Gründungen im E-Commerce-Bereich wie am Fließband. Seit einigen Jahren sehen wir jedoch eine Trendwende und es scheint, als würde ein neues Kapitel in der Gründerszene aufgeschlagen werden. National und international widmen sich immer häufiger Angel Investoren und Venture-Capital-Fonds forschungsintensiven Deep-Tech-Themen. Ein neues Beispiel dafür ist der kürzlich aufgelegte 200 Millionen Euro schwere Future Industry Ventures Fonds von Redstone und der SBI-Group.

Mit der Gigafactory kommt nun eine Fabrik nach Deutschland, die weltweit zum Modernsten und Fortschrittlichsten gehört, was wir unter dem Begriff Smart Factory beziehungsweise Industrie 4.0 einordnen. Auf 600.000 Quadratmetern wird deutlich, welche Potentiale im Bereich der künstlichen Intelligenz und generell im Einsatz von Software für den Maschinenbau liegen. Für junge Gründerinnen und Gründer und die ganze Start-up Community im Industrial IoT könnte der Bau der Gigafactory Chance und Weckruf sein, ein neues Betriebssystem für die Fabriken der Zukunft made in Germany zu entwickeln und global erfolgreiche Player zu bauen – in Co-Creation mit Start-ups, etablierten Unternehmen, Venture Capital und Forschung. Vielleicht sagen wir in zehn Jahren, dass Teslas Gigafactory der Zalando-Moment für den Maschinenbau war.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Industry of Things erschienen.

* Daniel Szabo ist CEO von Körber Digital.

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