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Integration von Flüchtlingen

Wir setzen die Kraft ein, die wir als Verbände haben

| Autor/ Redakteur: Martin Sonneck / Jürgen Schreier

Für die vbw ist die Bewältigung des Flüchtlingsstroms eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der die Wirtschaft ihren Teil beitragen will. Dazu wurde unter anderem das Maßnahmenpaket „Integration durch Ausbildung und Arbeit (IdA)“ geschnürt. Die Details erläutert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer von vbw und bayme vbm im MM-Exklusivinterview.

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Bertram Brossardt: „Die vbw hat eine klare Haltung, die sagt, dass das Leistungsversprechen an Asylbewerber und Flüchtlinge nicht weiter gehen darf, als an jene junge Menschen, die aus unserer Mitte kommen. Dass ist der Maßstab, an dem alle Integrationsmaßnahmen gemessen werden müssen.“
Bertram Brossardt: „Die vbw hat eine klare Haltung, die sagt, dass das Leistungsversprechen an Asylbewerber und Flüchtlinge nicht weiter gehen darf, als an jene junge Menschen, die aus unserer Mitte kommen. Dass ist der Maßstab, an dem alle Integrationsmaßnahmen gemessen werden müssen.“
(Bild: Stefan G. Koenig)

Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. und die bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm haben mit der Bayerischen Staatsregierung, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und den Kammern eine Vereinbarung für Integration durch Arbeit und Ausbildung für Asylbewerber und mit hoher Bleibeperspektive getroffen. Über das Maßnahmenpaket „Integration durch Ausbildung und Arbeit (IdA)“ stellen die Verbände bis Ende 2018 6,7 Mio. Euro zur Verfügung. Für die vbw ist die Bewältigung des Flüchtlingsstroms eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der die Wirtschaft ihren Teil beitragen will. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer von vbw und bayme vbm erläutert die Position des Verbandes.

Herr Brossardt, welches Ziel verfolgt die gemeinsame Vereinbarung „Integration durch Ausbildung und Arbeit“, die Sie mit der bayerischen Staatsregierung, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und den Kammern geschlossen haben?

Brossardt: Das gemeinsame Ziel ist es, bis Ende 2016 20.000 Flüchtlingen einen Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz anzubieten und 60.000 erfolgreiche Arbeitsmarktintegrationen bis Ende 2019 vorzunehmen. Die vbw und bayme vbm investieren 6, 7 Mio. Euro, und das wird ergänzt durch das, was die Staatsregierung und die Agentur für Arbeit für diese Projekte noch zur Verfügung stellen. Damit steht für die Unternehmen eine Vielzahl von Programmen offen, um die Integration zu fördern. Beispielsweise arbeiten wir stark daran, dass die Quantität und Qualität von Sprachförderung auf breiter Basis verbessert werden. Wir setzen bei unserem Maßnahmenpaket die Kraft ein, die wir als Verbände zur Verfügung haben. Mit unseren Projekten werden passgenau für jede Altersgruppe und jede Zielgruppe die richtigen Instrumente bereitgestellt.

Könnte oder sollte die Maßnahme ein Vorbild für andere Länder in Europa sein?

Brossardt: Es gibt Länder innerhalb Europas, die sehr unterschiedliche Erfahrung mit Zuwanderung haben. Stark betroffen war in den letzten Jahren beispielsweise Frankreich, das mehrere Einwanderungswellen aus Nordafrika erlebt hat. Viele Länder in Osteuropa dagegen haben bislang kaum Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen gemacht. Jetzt gilt es, die Balance innerhalb Europa zu finden, jeder muss Verantwortung übernehmen.

Was kann die Wirtschaft bzw. Unternehmen darüber hinaus noch selbst tun, wenn es um die Integration geht? Beispielsweise beim Erlernen der deutschen Sprache?

Brossardt: Die Sprachkompetenz ist sicher das A und O bei der Arbeitsmarktintegration. Wir in Bayern haben da beispielsweise mit unseren etablierten Integrationsklassen ganz gute Ausgangsposition. Bis zum Jahresende werden nun auch genügend Mittel für Sprachförderung über die Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung gestellt. Ein wichtiger Punkt ist, dass Sprachförderung nicht erst am Arbeitsplatz betrieben wird. Sie muss bereits im Vorfeld angegangen werden. Natürlich ist die Sprachförderung dann nach dem Übergang in die sozial-versicherungspflichtige Arbeit weiter zu begleiten. Hier sind verschiedene Modelle vorgesehen, die in Bayern zur Verfügung stehen. Unser Maßnahmenpaket, das wir gerade aufgelegt haben, fokussiert sich stark auf die Sprachförderung.

Sie haben in Vergangenheit schon gesagt, dass die Behauptung, dass die Flüchtlinge die Fachkräftelücke kurzfristig schließen ist, eine Illusion sei. Was geschieht zwischenzeitlich?

Brossardt: Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt muss auf Basis realistischer Erwartungen erfolgen. Langfristig sind vor allem Jugendliche gut in den Arbeitsmarkt integrierbar und können einen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Deutschland und Bayern leisten. Unabhängig von der Flüchtlingsfrage brauchen wir eine gesteuerte Arbeitsmarktintegration, damit wir bestimmte Lücken im Fachkräftebereich schließen können. Die gesetzlichen Vorschriften sind vorhanden. Asylverfahren und reguläre Zuwanderung müssen jetzt parallel laufen und dürfen nicht in einen Topf geworfen werden.

Immer wieder werden Befürchtungen laut, dass weniger fitte junge Menschen bei uns in Konkurrenz treten mit den Neuankömmlingen. Vergessen wir diese?

Brossardt: Die vbw hat hier eine klare Haltung, die sagt, dass das Leistungsversprechen an Asylbewerber und Flüchtlinge nicht weiter gehen darf, als an jene junge Menschen, die aus unserer Mitte kommen. Dass ist der Maßstab, an dem alle Integrationsmaßnahmen gemessen werden müssen. Diesen Gedanken hat der bayerische Ministerpräsident Seehofer nach Abschluss der gemeinsamen Vereinbarung ebenfalls nochmals hervorgehoben.

Was erwarten Sie von der Bundespolitik in dieser Frage?

Brossardt: Wir erwarten eine klare Orientierung für die Wirtschaft und Gesellschaft, welche Maßnahmen geplant sind, um einen ungebremsten Zugang zu vermeiden. Weiterhin geht es um eine Optimierung der Verfahren zur Arbeitsmarktintegration. Aus Verbandssicht sehen wir Handlungsbedarf bei der Feinarbeit, beispielsweise wenn es um die Bearbeitungsdauer von Asylanträgen geht. Der Zugang zur Zeitarbeit muss nach der dreimonatigen Wartezeit ohne Einschränkungen möglich sein. Bei den Integrationskursen muss sichergestellt werden, dass genügend Mittel und Kapazitäten zur Verfügung stehen. Auch die stärkere finanzielle Unterstützung der Länder durch den Bund ist wichtig, um die Arbeitsmarktintegration der geflüchteten Menschen mit hoher Bleibeperspektive zu erleichtern.

Wie aktiv ist die vbw bei der Agentur für Arbeit eingebunden? Was können Sie da bewirken?

Brossardt: Als Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit habe ich die Möglichkeit sozusagen über alle Bänke hinweg zu schauen. Hier geht es darum alle Maßnahmen kritisch zu begleiten: im Schulbereich, zur Sprachförderung oder zur Kompetenzfeststellung sowie die Arbeitsintegration. Es gibt sehr viele Initiativen in Deutschland. Jetzt gilt es, die Erfolgsfaktoren und kritischen Punkte herauszuarbeiten und das Instrumentarium darauf hin zu überprüfen und notwendigenfalls Korrekturen vorzunehmen. Eine klassische Aufgabe des Verwaltungsrates.

Wie steht die vbw zum Vorschlag, den Mindestlohn für Flüchtlinge auszusetzen? Bzw. auch der Befürchtung, dass Flüchtlinge geringer bezahlt werden könnten?

Brossardt: Wir dürfen die verschiedenen Gruppen nicht mit Diskussionen über das mögliche Aussetzen des Mindestlohns gegeneinander ausspielen. Ohne Zweifel wird am Arbeitsmarkt ein höherer Konkurrenzdruck entstehen. Es gilt nach wie vor: Wer eine gute Ausbildung hat und wer gut qualifiziert ist, oder eine Qualifikation nachholt hat, hat auf diesem Arbeitsmarkt die besten Chancen. Bei erwachsenen Flüchtlingen und dem sich abzeichnenden Qualifizierungsstand wird die Arbeitsmarktintegration sicher schwierig. Hier erwarten wir einen Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

* Das Interview führte MM-Korrespondent Martin Sonneck.

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