Historische Business-Autos Wölfe im Schafspelz – das fuhren Chefs in den 60ern/70ern/80ern

Redakteur: Thomas Günnel

Sie sind die europäischen Erben der amerikanischen Muscle-Car-Ära: Starke Limousinen im Tarndress. Was in den 60er und 70er Jahren begann, erreichte Mitte der 80er einen Höhepunkt mit BMW M5, Lancia mit Ferrari-Motor oder verblüffend schnellen Schweden und Franzosen.

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250 km/h waren für den BMW M5 mit 286 PS starkem Vierventil-Sechszylinder-Motor eine leichte Übung.
250 km/h waren für den BMW M5 mit 286 PS starkem Vierventil-Sechszylinder-Motor eine leichte Übung.
(Foto: BMW)

Die Briten nennen sie Q-cars nach den waffenstrotzenden Kampfschiffen im Tarnkleid ziviler Handelsschiffe. Auch die Amerikaner haben mit Sleeper (schlafende Agenten) frühzeitig einen eigenen Terminus für muskelstrotzende Vmax-Modelle in unscheinbarem Outfit geprägt. Vielleicht, weil deren Geschichte in den 1950er Jahren mit Autos wie dem Chrysler 300 C ihren Anfang nahm. In den Folgejahrzehnten waren es dann auch äußerlich harmlose Europäer wie BMW 2002 tii, Mercedes 300 SEL 6.3 oder Triumph Dolomite Sprint, die überraschende Tempo-Akzente setzten. Was sich jedoch vor 30 Jahren – mitten in den Diskussionen um Katalysator und Umweltschutz – ereignete, hatte niemand erwartet.

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Hochgerüstete Modelle der Businessclass aller europäischen Nationen erlebten einen nie gekannten Hype. Hier das heiße Startfeld der unverdächtigen, aber schnellen Großserienlimousinen: Aus Deutschland Audi 200 turbo, BMW M 535i, BMW M5 sowie Mercedes-Benz 300 E, aus Frankreich Citroen CX 25 IE GTi Turbo und Renault 25 V6 Turbo, aus Großbritannien Rover Vitesse, aus Italien Lancia Thema 8.32 und aus Schweden Saab 9000 Turbo 16 und Volvo 760 Turbo.

Viertürer mit der Performance eines Porsche

Zugegeben, die Leistungsspreizung bei den Limousinen ist groß, reicht sie doch von 122 kW/168 PS beim Citroen bis 210 kW/286 PS beim BMW M5, aber jeder der großen Vier- oder Fünftürer war Teilnehmer im Vmax-Championat – zumindest in seinem eigenen Land. Weshalb wenig später etwa Mercedes gegen BMW nachrüstete und den 300 E toppte durch 400 E und 500 E mit V8-Power. So viel Platz wie nötig, so viel Power wie möglich, das war die Formel für anspruchsvolle Familien-Limousinen, die vor 30 Jahren Viertürer mit der Performance eines Porsche hervorbrachte. Die meisten europäischen Hersteller der oberen Mittelklasse schickten nun neue Sturm-Spitzen ins Rennen, die erstmals deutlich schneller als 200 km/h waren und vereinzelt sogar die 250-km/h-Marke ins Visier nahmen. Möglich machten das nicht nur stärkere Motoren, sondern auch signifikant bessere cw-Werte, die zudem als willkommenen Nebeneffekt wesentlich niedrigere Verbrauchswerte mitbrachten.

Kein Katalysator – dafür mehr Leistung

Keine Rolle spielte bei all dem, dass legales Tempobolzen 1985 europaweit vor dem Aus schien. Mehrere europäische Länder verschärften in jenem Jahr ihre Geschwindigkeitsbegrenzungen und in Deutschland lief seit Januar auf ausgewählten Autobahnstrecken ein Tempo-100-Großversuch. Es sollte getestet werden, wie sich dadurch der Schadstoffausstoß verändert. Vor den Toren der Frankfurter IAA warnten Spruchbänder vor einem „ökologischen Hiroshima“ und ein alternativer Automobilclub warb am Messeparkplatz um Mitglieder mit der Parole „Mehr Spaß, weg vom Gas“. Was die begeisterten IAA-Besucher wenig beeindruckte und ungetrübt die bis dahin schnellsten Limousinen aller Zeiten feiern ließ. Überdies bevorzugten die tempogierigen Käufer vorläufig weiterhin Modelle ohne Katalysator. Kostete dieser doch nicht nur Aufpreis, sondern auch bis zu 20 Prozent Leistung. Und diese durfte in Deutschland weiterhin ausgefahren werden, entschied doch das Bundeskabinett am 19. November, kein generelles Tempolimit einzuführen.

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