Grossteilebearbeitung XXL-Projekt der Sonderklasse

Redakteur: Anne Richter

Die Bearbeitung von Werkstücken bis 18 m Länge auf drei Tischen sowie die Flexibilität, hauptzeitparallel rüsten zu können, machen die DMU 600 P bei Bunorm zu etwas Besonderem – und nicht zuletzt zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunftssicherung des Schweizer Familienunternehmens.

Firmen zum Thema

Riesige, extrem schwere Bauteile? Für die neue DMU 600 P kein Problem. Allerdings musste bei Bunorm extra eine neue Werkhalle gebaut werden. Denn das neue 5-Achs-Portalbearbeitungszentrum ist rund 41 Meter lang.
Riesige, extrem schwere Bauteile? Für die neue DMU 600 P kein Problem. Allerdings musste bei Bunorm extra eine neue Werkhalle gebaut werden. Denn das neue 5-Achs-Portalbearbeitungszentrum ist rund 41 Meter lang.
(Bild: DMG Mori)

Der Komplexität sind bei dem Maschinenbauer Bunorm aus dem schweizerischen Aarwangen keine Grenzen gesetzt. Ob Einzelteil oder komplette Anlage und anspruchsvolle Baugruppen – Die Bunorm AG ist fast jeder Aufgabe in der Grossteilefertigung gewachsen, und der sich stetig erweiternde Kundenkreis schätzt die Präzision, Pünktlichkeit und Innovationsfreude des 65 Mann starken Unternehmens. Gegründet 1965, stellte das Familienunternehmen zunächst Artikel für die Feuerwehr und den Zivilschutz her. Zunehmend entwickelte sich das Kerngeschäft Richtung Maschinenbau. Mit dem umfangreichen Maschinenpark ist Bunorm heute auf grosse Maschinenbauteile spezialisiert, und die neueste Investition, eine DMU 600 P von DMG Mori, lässt in dieser Hinsicht keine Wünsche mehr offen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Nebenzeiten reduzieren

«Als Lohnfertiger müssen wir schauen, dass wir möglichst viele Spindelstunden hinbekommen, zudem haben wir einen sehr hohen Rüstanteil», erklärt Geschäftsführer Urs Morgenthaler. «Die DMU 600 P ist als Tischmaschine ursprünglich für den Werkzeug- und Formenbau konzipiert worden, wo lange Bearbeitungs- und kurze Rüstzeiten vorherrschen. Bei uns ist es umgekehrt. Einen Löwenanteil an der Bearbeitungszeit macht das Auf- und Abspannen aus. Deswegen brauchten wir ein Konzept, bei dem wir parallel zur Spindelhauptzeit rüsten konnten. Das ist auf einer Gantry-Maschine immer etwas kritisch, da sich das komplette Portal bewegt.»

Die Idee, das Konzept der DMU 600 P auszuweiten und statt einem drei verfahrbare Tische zu verwenden, um wenn nötig hauptzeitparalleles Rüsten oder auch die Bearbeitung grösserer Teile zu ermöglichen, kam dem Team um Morgenthaler bei einem Besuch der EMO im Jahr 2011. Hier stellte DMG Mori die Maschine der Weltöffentlichkeit zum ersten Mal vor. Nach einigen Gesprächen und Treffen war für beide Unternehmen klar: Das ist ein Projekt, das gemeinsam angegangen werden kann und enorm viel Potenzial birgt.

Gute Partnerschaft

«Die sehr gute Zusammenarbeit und der offene Austausch mit Bunorm ist ein ganz wichtiges Thema», erklärt Markus Havrda, Manager XXL für Deckel Maho in Pfronten. «Für DMG Mori ist so ein komplexes Projekt in diesen Dimensionen Neuland, da braucht es schon eine gute Partnerschaft mit dem Kunden. Wir haben gutes Feedback von Bunorm erhalten und viele Gespräche mit Konstrukteuren, der Softwareabteilung und Mitarbeitern an einem Tisch geführt. Auf allen Ebenen war die Kommunikation hervorragend.» Morgenthaler stimmt dem zu und ergänzt: «Wir sind ein kleiner Betrieb, und für so ein Projekt braucht man einen Partner, der mit uns arbeiten kann und seine Ideen und Vorschläge miteinbringt. Man spürte während des gesamten Projektes, da ist ein Hersteller, der etwas Neues macht und nicht nur auf Bewährtes zurückgreift. Ich denke, beide Seiten haben voneinander profitiert, und wir sind begeistert von dem Ergebnis!»

Eigene Halle für ein Millionenprojekt

Bei einem Besuch der Produktionsräume des Unternehmens spürt man diese Begeisterung regelrecht. Seine Eltern konnte der 49-jährige Maschineningenieur, der das Unternehmen bereits in der dritten Generation führt, sogar überzeugen, ihr Haus zu räumen, um Platz für die Neuinvestition zu schaffen. Die nagelneue, eigens für die Maschine gebaute Halle ist blitzsauber, und die mächtigen Portalkräne lassen das enorme Bauteilspektrum, das auf der mittig in der Halle platzierten DMU 600 P bearbeitet werden kann, nur erahnen. Auch die Maschine erhellt die Halle mit ihrem modernen DMG-Mori-Design, das für Morgenthaler mitent­scheidend war bei der Auftragsvergabe. Und der gesamte Investitionsumfang war immerhin mit Kosten von insgesamt 8 Mio. CHF verbunden.

«Neben der Kapazitätserweiterung wollen wir mit der Maschine auch junge Menschen dazu motivieren, bei uns eine Ausbildung zu absolvieren. Dafür sind die modernsten Maschinen wie diese natürlich unerlässlich», so Morgenthaler. Hochmodern ist die Maschine aus Pfronten natürlich – und einzigartig dazu. So, wie sie bei Bunorm nun steht, gibt es sie weltweit kein zweites Mal. Mit drei verfahrbaren Tischen können auf dem 41 m langen Maschinenbett und mithilfe eines Teilapparates Teile bis 18 m Länge und 3 m Durchmesser bearbeitet werden. Jeder der drei Tische erlaubt auch die separate Bearbeitung kleinerer Teile bis 6 m Länge.

«Durch diese Flexibilität sind wir unglaublich produktiv, da die Rüstzeiten gegen null gehen», sagt Morgenthaler. «Viele Teile haben eine maximale Länge von 12 m, da sie dann noch in die normalen Container passen, das heisst, die Kombination zweier Tische für die 12-m-Bearbeitung mit einem Tisch für ein kleineres 6-m-Teil wird den Mehrwert für uns darstellen und am Ende der finanzielle Vorteil sein.»

Grossteilebearbeitung als Alleinstellungsmerkmal

Morgenthaler fügt hinzu, dass die Möglichkeit der Bearbeitung von Teilen bis 18 m Länge ein Alleinstellungsmerkmal für das Familienunternehmen ist, aber auch die volle 5-Achsigkeit und vor allem die flexible Konfiguration mit den verschiedenen Fräsköpfen sorgt für die Abdeckung eines grossen Bearbeitungsspektrums, das sonst keiner in der Schweiz habe. Sowohl die Wechselfräsköpfe mit Hauptspindelantrieb bis 2500 Nm als auch die Köpfe mit Motorspindel bis 28 000 min-1 ermöglichen es, hohe Leistung mit hohen Drehzahlen zu verbinden. Die Köpfe sind an eine integrierte C-Achse gekoppelt und über ein Magazin automatisch einzuwechseln. Neben Vertikal- und Winkelfräsköpfen stehen für die 5-Achs-Simultanbearbeitung Fräsköpfe mit integrierter A- und B-Achse zur Verfügung.

«Die Möglichkeit, Fräsköpfe je nach Bedarf einzuwechseln und auch Winkelfräsköpfe zur Verfügung zu haben, war für uns zentral», so Morgenthaler. Als Beispiel nennt er die moderne Gebäudearchitektur, wo es vorkommen kann, dass der Architekt 12 m lange Profile mit Winkeln versieht, die vorher von dem Unternehmen nicht gefertigt werden konnten. Um den Wechsel von Bearbeitungswerkzeugen bis zu 80 kg und einer Länge von 1000 mm bei einem Durchmesser von 400 mm zu gewährleisten, wurde die DMU 600 P mit einer Werkzeugarena und einem Magazin für 268 Werkzeuge inklusive Roboterhandlingsystem ausgestattet. Ein Doppelgreifer garantiert hier hohe Produktivität durch sehr kurze Werkzeugwechselzeiten in horizontaler und vertikaler Richtung. Als Steuerung kommt die Siemens 840D Solutionline zum Einsatz, wobei die leichte und intuitive Bedienung ein Plus für das Team um Morgenthaler ist.

«Der Grundstein für weiteres Wachstum ist gelegt», freut sich Morgenthaler. «In unserem Geschäft muss man schnell und flexibel reagieren können und für alle Eventualitäten gerüstet sein. Zudem müssen wir offen sein für die Zukunft, denn wir haben keine Standardteile, die uns die Spezifikationen für eine Maschine vorgeben würden. Je grösser unser mögliches Bearbeitungsspektrum, umso besser.»

Produktivitätsplus von über 300 %

Schon heute bearbeitet Bunorm einen Grossauftrag für ein Firmenkonsortium in Hongkong, die die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke als Strassenverbindung zwischen Hongkong, Zhuhai und Macau baut. Bei dem chinesischen Infrastrukturprojekt werden mehrere Brücken, Tunnel und künstliche Inseln am Perlflussdelta errichtet. Aufgrund der Präzision, kurzen Lieferzeiten und Kapazitäten erhielt das Schweizer Unternehmen den Zuschlag für die Herstellung der Seilwinden und Fertigung der Seiltrommeln. Die enormen Kapazitäten der DMU 600 P schaffen zusätzliche Produktivität. Wo früher eine Drehmaschine einen Tag alleine für die Fertigung der Schweisskante brauchte, schafft die DMU 600 P dieselbe Aufgabe mittels 5-Achs-Bearbeitung in zwei Stunden.

«Und auch die Zerspanung der Nuten für die Seilwindungen beträgt nur noch drei Stunden, im Vergleich zu ein bis zwei Tagen Bearbeitungszeit vor der Installation der Universal-Fräsmaschine», freut sich Morgenthaler. Schon am Beispiel dieses Projektes ist abzusehen, dass sich die Investition für Bunorm schnell rentieren wird. «Wenn wir nur 15 % produktiver und schneller sind als der Wettbewerb, dann haben wir als Schweizer Familienbetrieb eine Chance – wir wussten, dass wenn wir diese Investition jetzt nicht tätigen, dann sind wir irgendwann vom Markt verschwunden, die Konkurrenz ist zu hoch. Und wir haben es keine Sekunde bereut und sind absolut überzeugt von dieser Lösung.» <<

(ID:43795690)