Heilbronn/Ales Press Türkische Pressen unter deutscher Marke gefragt

Autor Stéphane Itasse

Seit dem Jahr 2011 läuft die Kooperation: Die Heilbronn Pressen GmbH lässt einen großen Teil ihrer Aufträge vom türkischen Hersteller Ales Pres in Bursa fertigen. Damit konnte der deutsche Hersteller nach eigenen Angaben kostengünstige und qualitativ hochwertige Produkte anbieten und so im Wettbewerb bestehen.

Anbieter zum Thema

Ein Erfolg der gemeinsamen Kooperation von Heilbronn und Ales Pres ist diese 10.000-kN-Stanzanlage für einen türkischen Kunden.
Ein Erfolg der gemeinsamen Kooperation von Heilbronn und Ales Pres ist diese 10.000-kN-Stanzanlage für einen türkischen Kunden.
(Bild: Heilbronn)

Im Jahr 2011 hatte die Unternehmensgruppe Heilbronn die Hoffnung und das Vertrauen, mit Ales Pres einen Partner gefunden zu haben, der die Fertigung des Produktprogramms zuverlässig und zu einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis übernimmt. Das berichtet Jens Mezger, geschäftsführender Gesellschafter der Gruppe, auf Anfrage von MM
MaschinenMarkt.

Ales Pres hingegen habe damals einen renommierten Partner gesucht mit einem sehr guten, aus langjähriger Erfahrung gewonnenen Know-how im Segment des Pressenbaus. „Dies waren die ausschlaggebenden Gründe für die Entscheidung einer Zusammenarbeit beider Unternehmen“, sagt Mezger. „Die Erwartungen beider Unternehmen waren hoch und die – in der Retroperspektive betrachtet unberech-
tigte – Sorge um die Akzeptanz eines solchen Joint Ventures auf dem Markt war vorhanden.“

Zunächst muss die Sprachbarriere überwunden werden

Mit einem türkischen Unternehmen zusammenzuarbeiten, bedeute natürlich erst einmal, die Sprachbarriere zu überwinden, wie der Heilbronn-Geschäftsführer weiter berichtet: „Englisch als gemeinsame Sprachebene funktioniert nicht immer.“ Hier gelte es, zu improvisieren oder mithilfe eines Übersetzers zu arbeiten. „Wir haben das Glück, einige deutschsprachige Kollegen in der Türkei zu haben, die beide Sprachen fließend beherrschen, das erleichtert die Zusammenarbeit“, sagt Mezger weiter.

Neben der sprachlichen Herausforderung gebe es aber auch kulturelle Herausforderungen, die Toleranz und Verständnis auf beiden Seiten voraussetzten. „Ich glaube, dies muss man sich auch bewusst machen, wenn man ein solches Joint Venture eingeht“, betont Mezger. „Nicht wenige Gemeinschaftsunternehmen scheitern am mangelnden gegenseitigen Verständnis, oft begründet auch in einer Unwissenheit oder Intoleranz. Für dieses gegenseitige Verständnis haben beide Seiten von Beginn an gearbeitet und das hat sich, auch wenn es manchmal gewisse Herausforderungen mit sich gebracht hat, sehr gelohnt.“

Mittlerweile habe sich die Kooperation Heilbronn/Ales herumgesprochen, die Auftragsbücher beider Unternehmen seien gefüllt. „Insbesondere im Bereich der mechanischen und mittlerweile auch hydraulischen Pressen sowie kompletter Stanzanlagen konnten wir unser Auftragsvolumen deutlich steigern“, berichtet Mezger.

Klare Arbeitsteilung ist vereinbart

Dabei verfolgen die beiden Unternehmen eine klare Arbeitsteilung: Die Detailkonstruktion der Anlagen findet primär in der Türkei statt, jedoch mit Unterstützung deutscher Kollegen im Bereich von Neuentwicklungen. Die Produktion der Neuanlagen erfolgt, bis auf wenige Produkte für Nischenmärkte, in der Türkei, das Retrofit von bestehenden Anlagen sowie die Fertigung von Ersatzteilen weiterhin bei Heilbronn in Deutschland. Vertrieb, Angebotserstellung und Service für Europa erfolgen ausschließlich und weiterhin durch Heilbronn, für die Türkei und angrenzende nichteuropäische Länder durch Ales.

„In erster Linie ging es uns mit der Kooperation natürlich darum, die bestehenden Märkte mit attraktiveren Lösungen versorgen zu können – was wir auch erreicht haben. Wir haben aber natürlich insbesondere in der Türkei durch den Namen Heilbronn neue Kunden gewonnen“, erläutert der Heilbronn-
Geschäftsführer. Erst kürzlich hätten die beiden
Kooperationspartner gemeinsam eine 10.000-kN-
Stanzanlage für einen türkischen Kunden in Istanbul gefertigt und ausgeliefert. Anlagen dieser Größe habe Ales vor der Zusammenarbeit mit Heilbronn nicht gebaut. „Aber auch in vielen weiteren Ländern Europas wie Ungarn oder Tschechien – und natürlich Deutschland – haben sich die positiven Erfahrungen mit dem Joint Venture herumgesprochen, hier ist die Nachfrage nach unseren Produkten deutlich gestiegen“, sagt Mezger.

Dass es für beide Unternehmen aufwärts geht, ist auch für Außenstehende sichtbar: Sowohl in Deutschland als auch in der Türkei sind die Kooperationspartner derzeit dabei, sich zu vergrößern. In Heilbronn entsteht ein komplett neues Firmengebäude auf einem aufstrebenden, wenige Kilometer entfernten und neu erschlossenen Technologiegelände. Und in Bursa werden ebenfalls in den kommenden Monaten ein neues Firmengebäude beziehungsweise vergrößerte Produktionsanlagen mit 3500 m² Fertigungsfläche eingeweiht, um der gestiegenen Nachfrage Rechnung tragen zu können.

Die Kooperation bietet noch viel Raum für Erweiterungen

Und auch nach vier gemeinsamen Jahren bietet die Kooperation noch Raum für Erweiterungen: In Kürze kommt ein einheitlicher, integrierter Marktauftritt mit neuem Logo, gemeinsamer Website und einheitlicher Corporate Identity hinzu, wie Mezger berichtet. „Nebst diesen nach außen sehr offensichtlichen Maßnahmen planen wir jedoch auch eine zunehmende Verflechtung der beiden Unternehmen auf gesellschaftsrechtlicher Ebene“, sagt er weiter. Heilbronn und Ales Pres würden mehr und mehr zusammenwachsen.

Die Verlagerung der Produktion sei durchweg positiv aufgenommen worden, wie Mezger weiter erläutert: „Wir haben unsere Kunden zu Beginn der Partnerschaft mit uns Boot geholt und sehr offen die Gründe für die Verlagerung dargelegt. Die anfängliche, jedoch erfreulicherweise nur bei sehr wenigen Kunden vorhandene Skepsis, ob ein türkisches Unternehmen in der gewohnt hohen Qualität und Zuverlässigkeit Pressen bauen kann, ist aufgrund der positiven Erfahrungen sehr schnell verflogen.“ Schließlich hätten die Kunden auch gemerkt, dass sie letztendlich aufgrund des Preis-Leistungs-Verhältnisses diejenigen seien, die davon profitierten.

Für Mezger bedeutet aber so eine Kooperation auch, dass der Erfolg erarbeitet werden muss. Neben den in Deutschland aufgewachsenen Mitarbeitern bei Ales Pres, die beide Sprachen als Muttersprache sprechen und in beiden Kulturen heimisch sind, was das Verständnis zwischen Mitarbeitern und Kulturen fördere, gebe es weitere Aktivitäten. So finden im monatlichen oder zweimonatlichen Turnus Abstimmungsmeetings in Bursa statt. Hinzu kommen Strategiemeetings in Deutschland oder der Türkei auf Leitungs- und Gesellschafterebene und nicht zuletzt ein gemeinsamer Auftritt beider Unternehmen auf sämtlichen wichtigen Messen in Europa. MM

(ID:43260706)