Industrieroboter ABB Robotics wird Teil der „Physical AI“-Strategie von Softbank

Von Ralf Steck 5 min Lesedauer

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Einerseits wusste man schon seit April, das ABB seine Robotiksparte ausgliedern will, dass das Unternehmen nun aber vom japanischen Softbank-Konzern gekauft wird, war dann doch eine überraschende Wendung. Ich bin gespannt, was aus dem Industrieroboteranbieter ABB Robotics unter dem Dach der Physical AI-Strategie von Softbank wird.

ABB Robotics ist nach Umsatz drittgrößter Hersteller von Industrierobotern weltweit.(Bild:  ABB Robotics)
ABB Robotics ist nach Umsatz drittgrößter Hersteller von Industrierobotern weltweit.
(Bild: ABB Robotics)

Mitte April veröffentlichte ABB die Pressemitteilung „ABB plant Spin-off der Division Robotics als eigenständig kotiertes Unternehmen“, in der bekannt gegeben wurde, dass man die Robotiksparte aus dem ABB-Konzern ausgliedern und an die Börse bringen möchte. Das seltsame Wort „kotieren“ stammt übrigens vom französischen Wort „Cote“, Kurszettel ab.

Drittgrößter Hersteller von Industrierobotern weltweit

Die Division ABB Robotics stand im Jahr 2023 nach weltweitem Umsatz mit 3,3 Milliarden Euro auf Platz drei nach Mitsubishi Electric (10,5 Mill. €) und Kuka Robotics (4 Mill.€, Quelle: Statista). Die Division erreichte seit 2019, als die Divisionen unter dem dezentralisierten Betriebsmodell ABB Way getrennt bilanziert wurden, in den meisten Quartalen zweistellige Margen. Nach einer ungewöhnlich volatilen Marktlage, in der sich das Bestellverhalten nach einer Phase vorgezogener Käufe in Zeiten angespannter Lieferketten normalisierte, hat sich der Markt offensichtlich stabilisiert, was das Auftragswachstum der Division unterstützt hat.

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Die Division ABB Robotics beschäftigt rund 7.000 Mitarbeiter. 2024 erzielte sie einen Umsatz von 2,3 Milliarden US-Dollar und steuerte damit etwa 7 Prozent des Konzernumsatzes von ABB bei. Die operative EBITA-Marge belief sich 2024 auf 12,1 Prozent.

Um die Robotikabteilung ausgliedern zu können, wird die Division Machine Automation, die zusammen mit ABB Robotics derzeit den Geschäftsbereich Robotik & Fertigungsautomation bildet, Teil des Geschäftsbereichs Prozessautomation. Dies bietet nach ABB-Angaben Synergien im Bereich Software/Steuerungstechnologien, dank derer die Divisionen besseren Kundennutzen erzielen dürften. Die Division Machine Automation hat eine Führungsstellung im High-End-Segment von Lösungen auf Basis von SPS, Industrie-PCs, Servoantrieben, industriellen Transportsystemen und Vision und Software inne.

Verkauf an Softbank statt Börsengang

Nun jedoch änderte sich der Plan, am 8. Oktober gab ABB bekannt, dass der ursprünglich beabsichtigte Spin-off des Geschäfts als eigenständige Aktiengesellschaft nicht weiterverfolgt wird. Stattdessen unterzeichnete ABB eine Vereinbarung zum Verkauf ihrer Robotics-Division an die SoftBank Group Corp. für einen Unternehmenswert von 5,375 Milliarden US-Dollar. Sami Atiya, Leiter des Geschäftsbereichs Robotik & Fertigungsautomation sowie Mitglied der Konzernleitung, verlässt das Unternehmen bis Ende 2026. Er wird zum Jahresende 2025 aus der Konzernleitung ausscheiden und die Robotics-Division sowie den Carve-Out-Prozess 2026 als strategischer Berater unterstützen.

Betrachtet man nun den Käufer Softbank Group, mag man sich zunächst einmal die Augen reiben. Laut Wikipedia ist Softbank „ein japanischer Telekommunikations- und Medienkonzern mit Unternehmensbereichen in Breitbandfernsehen, Festnetz-Telekommunikation, E-Commerce, Internet, Robotik, Technologie, Service, Finanzen, Medien und Vermarktung.“ Allerdings verwaltet Softbank auch den weltweit größten Investmentfonds im Bereich Technologie.

In dem weitläufigen Firmenkonglomerat finden sich allerdings einige interessante Unternehmen, die in die richtige Richtung weisen: Schon Anfang 2012 übernahm das Unternehmen große Anteile am französischen Roboterhersteller Aldebaran, inzwischen gehört das Unternehmen zu 95 Prozent dem japanischen Investor. Aldebaran ist unter anderem bekannt für seine kleinen humanoiden Roboter namens Nao bekannt, mit denen seit 2007 die Roboter-Fußballliga RoboCup ausgerichtet wird. Zumindest optisch bekannt ist auch der Serviceroboter Pepper, dessen Produktion 2020 endete.

Besser bekannt für zwei- und vierbeinige Roboter ist Boston Dynamics, das Softbank 2017 von Google beziehungsweise deren Mutterkonzern Alphabet kaufte. 2020 stieg Softbank bei Boston Dynamics wieder aus und verkaufte 80 Prozent des Robotik-Pioniers für etwa 880 Millionen US-Dollar an Hyundai.

Softbank investiert massiv in KI-Unternehmen

Ebenfalls im Jahr 2017 begann Softbank, den Investmentfonds Vision Fund aufzubauen. Dieser investierte insgesamt über 100 Milliarden US-Dollar in KI-Unternehmen. Und nicht zuletzt hat Softbank im aktuellen Jahr ein Joint Venture mit OpenAI, der Firma hinter ChatGPT, gegründet. Das Joint Venture namens SP OpenAI Japan soll das Advanced Enterprise KI-System Cristal Intelligence in die Praxis bringen.

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Cristal Intelligence soll bei SoftBank-Unternehmen eingeführt werden, darunter auch bei Arm Holdings, auf deren Chipdesign ein Großteil aller Smartphone-Chips basiert, ebenso die Apple Desktoprechner seit 2020. SoftBank will jährlich drei Milliarden Dollar investieren, um die OpenAI-Technologie in seinen Geschäftsbereichen einzuführen. Ein weiteres Joint Venture mit Oracle und OpenAI soll unter dem Namen Stargate in den USA eine KI-Infrastruktur aufbauen.

ABB Robotics wird Teil von "Physical AI"-Vision

Softbank-Gründer Masayoshi Son sieht die Zukunft in intelligenten Maschinen, die nicht nur digital, sondern auch physisch agieren können. In diesen Masterplan passt natürlich der renommierte Industrieroboterhersteller ABB Robotics, der im Gegensatz zu den obengenannten Robotikfirmen ein etabliertes Unternehmen ist, dessen Produkte in der Industrie weit verbreitet sind. Die SoftBank-Aktie stieg denn auch nach Bekanntgabe der Übernahme um über elf Prozent.

Vor diesem Hintergrund macht der Deal viel Sinn. KI und Robotik sind so etwas wie zwei Teile eines Puzzles, indem die KI die Steuerung von Robotern revolutioniert. KI-gestützte Visionsysteme und Sensoren ermöglichen es einem Roboterarm, intelligent und gezielt Objekte zu fassen, zu bewegen und abzulegen. Diese Technologien kommen genau jetzt in die praktische Anwendung und mit dem KI-Know-how von Softbank – das weit über die genannten Unternehmen hinausgeht – ist das neue Robotikunternehmen dafür hervorragend aufgestellt.

Eine Vision für 300 Jahre – Genialität oder Hybris?

Softbank-Gründer Masayoshi Son denkt in großen Maßstäben: Auf der Aktionärsversammlung 2010 verkündete er „SoftBank's Next 30-Year Vision“, die nicht nur die nächsten 30 Jahre beschreibt, sondern auch postuliert, dass das Unternehmen 300 Jahre bestehen wird. Softbank soll „the corporate group needed most by people around the world“ werden, und das „durch die Beschleunigung des menschlichen Fortschritts und die Steigerung des Glücks für alle durch die Informationsrevolution.“

Noch ein (übersetztes) Zitat aus dieser Vision: „Die Verwirklichung einer Superintelligenz mit wirklich hochdimensionalen Gefühlen wie ‚Güte‘ und ‚Liebe‘ ist der richtige evolutionäre Weg für Gehirncomputer. Das ist meine Überzeugung. Wir bei der SoftBank Group möchten eine Gesellschaft verwirklichen, in der superintelligente Computer mit Menschen koexistieren, um zu unserem Glück beizutragen, so wie ein Mensch einen anderen glücklich macht oder wie Maschinen uns ein glücklicheres Leben ermöglichen.“

Mir ist nicht wohl dabei, wenn Menschen mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten solche Visionen postulieren – weil sie heute, mit der Macht ihrer Unternehmen, ihrem Einfluss in Wirtschaft und Politik und mit den Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, eben tatsächlich in der Lage sind, solche Visionen umzusetzen.

Man rufe sich nur einmal Elon Musk ins Gedächtnis, der nicht nur die Landeplattformen seiner SpaceX-Raketen aus den Science-Fiction-Romanen von Iain Banks entnimmt. Sondern er arbeitet tatsächlich daran, Science-Fiction-Technologien und -Szenarien umzusetzen. Nur leider sind dabei immer wieder recht dystopische Szenarien.

Damit bestimmen nicht mehr „der Markt“, wir Konsumenten und Regierungen über die Weiterentwicklung der Technologien, die unsere Zukunft prägen, sondern einzelne, teils recht durchgeknallte „Visionäre“ und Milliardäre. So richtig beruhigend finde ich das nicht.

Ein Kommentar von Ralf Steck

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