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Was bei dieser Strategie erfahrene Anwender zunächst verwundern wird, ist, dass während der Serienfertigung im Alltag an jedem Montagearbeitsplatz eine ungewohnt breite Streuung der Drehmomente vorliegen wird. Bei der herkömmlichen Vorgehensweise würden dabei sehr viele Werte als Fehlverschraubungen beurteilt.
Das ist jetzt anders: Das Schraubergebnis ist in allen Fällen in Ordnung. Denn das Drehmoment war immer schon eine „Krücke“, die wenig über die wahre Klemmkraft aussagte. Mit dem neuen Gradientenanzugsverfahren stimmt nun die Klemmkraft. Nur spielt das Drehmoment als Steuergröße keine Rolle mehr – wenngleich es zur Kontrolle immer noch mit erhoben wird.
Problemlose Schraubmontage auch durch unterschiedliche Materialwiderstände
Ein weiterer Vorteil dieses Verfahrens zeigt sich bei der Montage in Holz: Anwender können ein und dieselbe Schraube beliebig oft anziehen und wieder herausdrehen, ohne dass sie sich tiefer ins Material einarbeitet. Auch Astansätze im Holz werden problemlos überwunden: Das Werkzeug schaltet erst ab, wenn die Schraube restlos versenkt ist. Ein Anwendungsbeispiel ist die Montage mächtiger Leimbinder, die als Tragwerke im Hallenbau miteinander verschraubt werden müssen.
Das Gradientenverfahren erleichtert die Montage grundsätzlich überall dort, wo sich während des Anziehens der Einschraubwiderstand ändert oder häufig wechselnde Reibwerte zu erwarten sind. Das ist auch der Fall, wenn zum Beispiel Gussteile angebohrt und dann beschichtet werden. Einige Sacklöcher werden dabei beschichtet, andere nicht. Die Folge sind sehr unterschiedliche Reibwerte.
Neues Verfahren zur Schraubmontage sichert Schrauben in Sacklöchern ein Produktleben lang
Diese Varianz der Lackierung ist produktionstechnisch naheliegend und kann optisch durchaus tolerabel sein, wenn die Bohrungen im später nicht sichtbaren Bereich liegen. Trotzdem müssen alle Schrauben in den Sacklöchern ein Produktleben lang halten. Mit dem Gradientenverfahren ist das sichergestellt.
Unterschiedliche Reibwerte können sich auch in der Elektronikfertigung ergeben, wenn etwa an einem Bauteil mehrere Schrauben anzuziehen sind, von denen einige mit einer Wärmeleitpaste versehen werden. Diese zieht sich in das Gewinde und führt dort zu anderen Widerständen als ohne Paste.
Bislang musste die Werkerin oder der Werker mit zwei verschiedenen Programmen arbeiten, wenn nicht gar mit zwei verschiedenen Werkzeugen. Bei Verwendung der Gradientenstrategie kann nun mit einem Schrauber in einem Rutsch durchmontiert werden, ohne auch nur umzuschalten.
Scher- und Torsionskräfte führten zu Setzerscheinungen
Einer der ersten Anwender des Verfahrens ist der Büromöbelhersteller Wilkhahn in Bad Münder. Sein neuer Bürostuhl namens „ON“ stellte Konstrukteure wie Schraubtechniker vor große Herausforderungen. Denn der Stuhl geht mit jeder Körperbewegung mit und stützt seinen Besitzer in jeder Arbeitshaltung, heißt es bei Wilkhahn. Seine besondere Beweglichkeit verdankt der Stuhl den sogenannten Hüftgelenk- und Kniegelenkschrauben.
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