Porträt Der Herr der Blitze

Redakteur: Frank Jablonski

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Nikola Tesla im Alter von 34 Jahren.
Nikola Tesla im Alter von 34 Jahren.
(Bild: Wikimedia Commons)

Diese Luxuskarosse wäre wohl auch nach seinem Geschmack gewesen. Ein Roadster wie das Model S, der blitzartig beschleunigt, mit viel Leder ausgestattet ist und vor allem: angetrieben wird von einem Elektromotor und vollgepackt ist mit innovativer Systemtechnik. Die Rede ist von Nikola Tesla und den nach ihm benannten Elektroflitzern. Um es vorwegzunehmen, nein, Tesla hat nicht auch noch das Automobil und die Lithium-Ionen-Technik erfunden. Ansonsten aber eine ganze Menge.

Das Leben von Nikola Tesla – voller Gegensätze und Widersprüche – beginnt am 10. Juli 1856 an der kroatischen Militärgrenze im Kaiserreich Österreich. Es ist eine harte Zeit, geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa. Gerade erst wurde der Krimkrieg mit dem Frieden von Paris beendet und neue Allianzen und Ordnungen quer über den Kontinent werden geschmiedet. Es ist aber auch eine Zeit, die von visionären Vorstellungen und hochtrabenden Plänen geprägt ist. Ein Beispiel: In Teslas Geburtsjahr veröffentlicht der Franzose Thomé de Gamond ein akribisch ausgearbeitetes Konzept, den Ärmelkanal für eine Schienenverbindung zu untertunneln. Es ist auch das Jahr, in dem Werner von Siemens den Zylinderinduktor erfindet, den Kern eines Magnet-Induktions-Zeigertelegrafen und Meilenstein in der damaligen Kommunikationstechnik.

Erfinder-Vorbild steht in der Küche

Doch um Erfinder zu treffen, muss der junge Tesla nicht weit schauen. Seine Mutter Georgina findet neben dem Großziehen der fünf Kinder im Pfarrhaus der St.-Peter-und-Paul-Kirche von Smiljan bei Gospić noch Zeit, nicht nur die Familie zu versorgen, sondern auch nützliche Küchengeräte zu erfinden. Auch wenn der Vater Milutin, serbisch-orthodoxer Priester, sich eher mit Literatur und Poesie beschäftigt, schaut sich der Junge doch von ihm ein methodisches Vorgehen sowie seine Konsequenz ab. Täglich werden mathematische und sprachliche Übungen abgehalten, was dazu führt, dass Nikola acht Sprachen spricht und seine Vorstellungsgabe technisch unterfüttert wird.

So legen Vater und Mutter unwissentlich schon früh die Grundlagen für den späteren Berufswunsch Teslas, der so gar nicht zu den Vorstellungen des Vaters passt. Immerhin war es zu dieser Zeit noch gang und gäbe, in die (priesterlichen) Fußstapfen des Vaters zu treten. Erst eine schwere Cholera-Erkrankung Nikolas erweicht den Vater und er billigt dem 17-Jährigen schließlich das ersehnte Ingenieurstudium zu, wenn er denn nur das Fieber überlebe!

Doch statt der heilen Welt, die sich in den ersten Semestern andeutet, folgt der große Knall. Während er im ersten Maschinenbau-Studienjahr an der Technischen Universität Graz nicht nur beste Noten, sondern auch doppelt so viele Prüfungen wie vorgeschrieben vorweist, tauscht er ab 1875 das nächtelange Bücherstudium gegen Kartenspiel, Billard und Schach. Statt zu studieren, zieht er durch einschlägige Lokale. Den Tiefpunkt erreicht er im Todesjahr seines Vaters, 1879, in dem er von der örtlichen Polizei der Stadt verwiesen wird.

Erst Jahre später sollte die Anstellung bei seinem späteren Intimfeind den Studienabbrecher Tesla wieder auf die technisch-kreative Bahn führen. Ein Onkel bringt ihn 1881 bei einer europäischen Vertretung von Thomas Alva Edison unter. Als Zeichner im Bereich der Telegrafentechnik wird er zwar schlecht bezahlt, findet aber wieder Geschmack an technischen Entwicklungen. Sein unsteter Geist wandert zurück zu einer Idee, die er bereits Jahre zuvor erfolglos seinem Physikprofessor unterbreitet hatte: elektrischer Strom, der, statt in nur eine Richtung zu fließen, periodisch und in steter Wiederholung seine Richtung ändert – Wechselstrom. Nur diese Art von Strom kann transformiert werden, um die mit hohen Spannungen und niedrigen Stromstärken verbundenen hohen Verluste beim Stromtransport über größere Entfernungen zu verringern. Der Grund, warum Edison seine Kraftwerke störend, aber verbrauchernah mitten in der Stadt errichten musste.

Um mit der Idee des Wechselstroms und des dazugehörigen Wechselstrommotors weiterzukommen, entschließt sich der 28-Jährige, zum Firmenchef nach New York zu ziehen. Doch Tesla ist zu blauäugig. Statt sein technisches Prinzip umzustellen, zieht ihn der Ältere mit den Worten über den Tisch: „Sie verstehen unseren amerikanischen Humor nicht so recht!“, und lässt Tesla für sich arbeiten, ohne die abgesprochene Entlohnung zu bezahlen.

Jetzt fließen die Patentanmeldungen

Dieses Mal stürzt Tesla jedoch nicht ab. Er hält sich als Bauarbeiter über Wasser, sucht sich Mitstreiter und gründet eine eigene Firma. Im Jahr 1886 meldet er seine ersten Patente an, allein 40 für sein Mehrphasen-Wechselstromsystem, Hunderte sollen es insgesamt werden. Auch vom frühen Konkurs des ersten eigenen Unternehmens lässt er sich nicht abhalten und findet in Westinghouse Electric Co zweierlei: einen weiteren Gegenspieler seines Intimfeindes Edison und einen finanziellen Unterstützer zur Verwirklichung des Wechselstromgedankens.

Seinen exzentrischen Lebensstil behielt er zeitlebens bei, wohnte bis zu seinem Tod am 7. Januar 1943 meist in New Yorker Hotels, benutzte Krawatten und Lederhandschuhe maximal eine Woche lang. Der ewige Junggeselle berechnete auch später noch den Inhalt seiner Kaffeetasse oder das Volumen der Mahlzeit, bevor er sie verspeiste.

Wie viele seiner unvollendeten Ideen Wirklichkeit werden? Gern warten wir auf das irdische Nachtlicht, die schaufellose Turbine, das weltweite Radionetz oder den Wettersteuerungsautomaten. Oder die Überlegung, die auch seine Enkel im Bereich der Elektromobilität gut gebrauchen könnten: den Funkturm für drahtlose Stromübertragung – zum Beispiel an Elektroautos.

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