Innovationsmanagement Der Wittensteinsche Imperativ: „Jeder ist bei uns Innovator!“

Redakteur: Jürgen Schreier

Gut 35 Mio. Euro hat sich die Wittenstein AG ihre neue Innovationsfabrik kosten lassen, auf dass frische Ideen dort sprudeln mögen. Ein ganzheitlicher Ansatz, ersonnen, getrieben und vorgelebt vom Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Manfred Wittenstein. MM Maschinenmarkt sprach mit ihm über sein Verständnis von Innovation und Innovationsmanagement.

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Vordenker aus dem Taubertal: Dr. Manfred Wittenstein, Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens, hat gut 35 Mio. Euro in die neue „Innovationsfabrik“ investiert.
Vordenker aus dem Taubertal: Dr. Manfred Wittenstein, Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens, hat gut 35 Mio. Euro in die neue „Innovationsfabrik“ investiert.
(Bild: Untch)

Herr Wittenstein, ich bin enttäuscht. Ich sehe nirgendwo Bananen-Graffiti an den Wänden. Sie hatten bei der Eröffnung doch versprochen, den Bananen-Sprayer Thomas Baumgärtel an Ihren schönen Taubertaler Muschelkalk zu lassen?

Wittenstein: (schmunzelt) „Das kommt noch in diesem Jahr, aber Thomas Baumgärtel braucht noch ein bisschen Zeit. Das Graffiti-Geschenk war eine tolle Idee von unserem Architekten Dr. Henn. Kunst in einer hochwertigen Form ist immer eine Erweiterung unseres Blickes. Aber gut, dass Sie mich daran erinnern. Das Bananen-Bild könnten wir ja schon einmal aufhängen.“

Graffiti-Künstler, als Gastredner den Philosophen Peter Sloterdijk, der Foto-Wettbewerb Entrepreneur 4.0 mit dem Benetton-Provokateur Oliviero Toscani als Juror – Kunst scheint bei Ihnen wichtige Inspiration für Innovation zu sein?

Wittenstein: „Absolut – Kunst hat die Chance, das Unsichtbare sichtbar zu machen und unsere Sinne zu schärfen. Unser Foto-Wettbewerb Entrepreneur 4.0 zum Beispiel. Das war keine Auftragsarbeit, sondern wir haben junge Künstler gebeten, einen externen Blick auf uns Unternehmer zu werfen. In der Kunst wie in der Ingenieurkunst geht es um permanente Grenzüberschreitung. Dafür müssen wir unsere Sinne wachhalten. Die Kunst ist ein wichtiges Medium dafür.“

Welche Rolle spielt Architektur? Gunter Henn hat die Autostadt in Wolfsburg gebaut. Warum haben Sie sich solch einen Star-Architekten gegönnt?

Wittenstein: Ach, wissen Sie, wir haben uns ja fast acht Jahre mit der Idee auseinandergesetzt, unsere Philosophien anfangs auch mit anderen Architekten diskutiert. Damals hieß das Projekt noch anders – mal „Weltgarten“, auch mal „Produktionsarena“. Aber Dr. Henn war der einzige, der unsere Idee nicht nur aufgenommen, sondern auch mit uns weiterentwickelt hat – zur „Innovationsfabrik“. Henn kann eben Industrie ...

... klingt sehr philosophisch, aber wie verhilft die Architektur konkret zu mehr Innovation?

Wittenstein: Menschen brauchen Nähe. Nähe schafft Begegnungen. Denken braucht Raum. Die Räume hier sind groß, offen, so angelegt, dass ganz schnell Begegnungen stattfinden können. Durch die Clean-Desk-Philosophie, rollende Schreibtische und die rollende Produktion können sich die Mitarbeiter ganz schnell selbst in neuen Arbeitsgruppen zusammensetzen – wir nennen das fluide Organisation. Unsere Mitarbeiter sollen nicht meeten, sondern sich zusammenhocken. Und: Sichtkontakt ist wichtig – und sei es nur, um mal zu winken. Deshalb gibt es überall Glas und den Blick ins Grüne. Das schwebende Besprechungszimmer ist von der Decke abgehängt. Innen sieht das aus wie ein normales Büro – und dennoch fühlt es sich anders an. Das merkt man bereits nach wenigen Monaten seit der Eröffnung: Der Raum ist stets mit Kunden-Terminen ausgebucht.

Die Zukunft bedeute für viele Menschen Angst, haben Sie bei der Eröffnung gesagt – Sie möchten Zukunft aber nicht schicksalhaft erdulden, sondern gestalten. Wie definiert man bei Wittenstein denn die Gestaltung einer echten Innovation? An den späteren Umsatzzahlen?

Wittenstein: Natürlich misst man das später auch bei uns an den Zahlen. Aber das ist zu kurz gedacht. Innovation ist ein permanenter Weg der kleinen Schritte. Es ist wichtig, den Mitarbeitern Mut zu machen, auch die kleinen Dinge anzustoßen: Jeder ist bei uns ein Innovator. Wichtig ist, dass jeder einzelne eine Entwicklung als Fortschritt sieht. Prozesse, Produkte, Services – als Verbesserung für den Kunden. Der Kunde definiert dann, was eine Innovation ist.

Welche Rolle spielt der Unternehmer? Der Philosoph Sloterdijk zitierte den Ökonomen Schumpeter: „Zerstörer und Entdecker“ zugleich müsse der Unternehmer sein. Wie organisieren Sie Zerstörungs- und Entdeckungsprozesse?

Wittenstein: (denkt länger nach) Das ist ein spannendes Thema. Jede Firma hat da ihren eigenen Weg. Aber auch unsere letzte Befragung hat gezeigt, dass es in einem Unternehmen grundsätzlich zwei Gruppen gibt: die Erhalter und die Menschen, die vorangehen. Sie müssen beide Gruppen bedienen. Aber ein Unternehmer muss gerade die Veränderer wie zarte Pflänzchen hegen und pflegen und einen (lacht leise auf) ja, Paradiesgarten um sie herum bauen, damit sie gedeihen können. Als Unternehmer müssen Sie den Willen, etwas zu verändern, schützen, sonst können Sie als Unternehmer keine Innovationen vorantreiben ...

... und den Erhaltern, die den Betrieb am Laufen erhalten, deren Basis zerstören, damit sie nicht zu lange daran klammern, meint Schumpeter doch wohl ...?

Wittenstein: ... ja, man muss auch das Alte aufgeben. Wenn wir eine neue Getriebereihe aufsetzen, dann zerstören wir eine alte. Natürlich kommt das auch bei uns vor. Und natürlich sorgt das dann auch für Ängste. Aber dann muss ich diesen Mitarbeitern frühzeitig erklären – ehrlich, klar und deutlich –, warum wir das tun. Zerstörung braucht eine gute Kommunikation.

Zurück zum Paradiesgarten Innovationsfabrik – 500 Mitarbeiter auf 18.000 Quadratmetern. Wie passen „Innovation“ und „Fabrik“ zusammen und wie muss man sich das vorstellen: 500 Denkarbeiter in Doppelschicht?

Wittenstein: (lacht auf) Nein, nein, so weit sind wir zum Glück noch nicht. Nochmal: Jeder ist bei uns Innovator, nicht nur die Ingenieure in der Entwicklung. Die Mitarbeiter im Vertrieb, im Marketing, in der Produktion – das sind alles Wissensarbeiter. Es wäre ein fataler Fehler, zu glauben, nur Menschen mit akademischer Ausbildung seien wertvolle Menschen für ein Unternehmen. Der Facharbeiter wird unterschätzt, sein Wissen wird viel zu wenig angewendet. Er ist ein echter Mehrwert in Deutschland. Unsere Facharbeiter helfen unseren Ingenieuren mit ihrem handfesten Wissen, sofort Produkte zu fabrizieren ...

... heißt, Sie verstehen Fabrikation vor allem als Umsetzungsprozess? „Innovationsfabrik“ klang so, als sollten hier Innovationen in Massenproduktion entstehen ...

Wittenstein: ... aber es ist doch auch in anderen Fabriken so, etwa in der Automobilindustrie, dass es gerade darauf ankommt, die Anlaufprozesse, das Hochfahren der Produktion zu beherrschen. Unsere Facharbeiter helfen unseren Ingenieuren in Teamarbeit bei uns dabei, Ideen optimal in der Produktion umzusetzen.

Wilfried Schäfer, VDW-Geschäftsführer, hat gesagt, technischer Fortschritt sei kein Selbstzweck. Er werde von globalen gesellschaftlichen Herausforderungen vorangetrieben und müsse in marktfähigen Produkten münden. Welche Megatrends sehen Sie bei Wittenstein?

Wittenstein: Da ist zum einen die Ressourcen-Effizienz – wir müssen mehr aus immer geringeren Ressourcen holen. Die globale Vernetzung – wir leben in einer Welt des multidirektionalen Handelns. Jeder ist alles. Und es gibt sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Das verlangt nach einer sehr guten Vernetzung. Und natürlich das Thema Sicherheit. Technik rückt immer näher an uns heran. Und ein Atomkraftwerk will verständlicherweise niemand in seiner Nähe haben, wenn man dort die Sicherheit der Technik nicht beherrscht.

Warum ist für Wittenstein ausgerechnet Industrie 4.0 eine Antwort auf diese Megatrends?

Wittenstein: Die Vernetzung von virtuellen und realen Welten spielt besonders in der Logistik eine Rolle. Gelingt es dort, Prozesse zu optimieren, sparen wir Ressourcen – an Material, an Kapital. Und zum Thema Sicherheit: Wenn wir im Unternehmen immer mehr Daten nutzen, will man die sicher nicht auf dem Marktplatz bei Google sehen ...

Als „Vater von Industrie 4.0“, wie Sie am Eröffnungstag genannt wurden, können Sie einem Kunden doch bestimmt kinderleicht erklären, welche wirtschaftlichen Vorteile er von autonomen, selbststeuernden, wissensbasierten und sensorgesteuerten Systemen hat?

Wittenstein: (hebt abwehrend die Hände) Das ist ja Unsinn, einen zum Vater einer Bewegung zu machen, nur weil man darüber spricht. Klar kommt aktuell stets sofort die Frage: Was bringt Industrie 4.0? Ein Beispiel aus unserer eigenen „Urbanen Produktion der Zukunft“ in Fellbach verdeutlicht den Nutzen sehr anschaulich: Wie anderswo auch wurden die Milkruns, die Zuführung von Material und Werkstoffen, über einen klassischen Planungsdurchlauf geregelt. Aber dann will der Kunde plötzlich etwas anderes, jemand wird krank oder die Maschine fällt aus – die logistischen Prozesse laufen aber immer noch nach dem einmal festgelegten Plan. Hier haben unsere Mitarbeiter selbst indiziert, den Prozess datengesteuert auf eine situative Strategie umzustellen – auf eine Material-Versorgung nach tatsächlicher Beanspruchung. Damit haben wir fast 30 Prozent an Material-Einsatz gespart.

Die Beratung Arthur D. Little sagt, Industrie 4.0 fokussiere zu stark auf die Produktion. Viel entscheidender für die Wettbewerbssituation von Unternehmen seien Forschung & Entwicklung, Marketing & Aftersales sowie innovative Geschäftsmodelle?

Wittenstein: Natürlich hat Industrie 4.0 mit Marketing und Verkauf weniger zu tun. Aber es ist ja kein Selbstzweck, ein Produkt in schneller Abfolge auf den Markt zu bringen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Wir sind in Deutschland stärker als andere Nationen vom produzierenden Gewerbe abhängig. Es wird für die Wettbewerbssituation von Deutschland entscheidend sein, nicht nur Entwicklung, Prototypen- und Kleinserienbau hier zu behalten, sondern auch die Produktion von Großserien. Deshalb ist Industrie 4.0 für uns ein Kernthema.

Wann ist für Sie die Investition von 35 Millionen in die Innovationsfabrik ein Erfolg gewesen?

Wittenstein: Wir haben das ja nicht für heute gemacht, sondern für die nächsten 20, 30 Jahre. Wenn wir dann auf unserem kleinen Feld der Mechatronik-Anbieter immer noch eines der weltweit führenden Unternehmen sind, wenn man dann immer noch sagt, das ist ein Mekka der intelligenten Antriebssteuerung – dann hat sich das gelohnt. (lacht leise auf) Ja, das Bild mit Mekka passt – wir haben die Innovationsfabrik ja schließlich auch in allen vier Weltreligionen eingeweiht.

The German Mittelstand zeichne auch das German aus, hieß es bei der Einweihung – die Standort-Treue. Ist das Taubertal ein Key-Success-Faktor?

Wittenstein: Nach einer Untersuchung haben wir ja gerade hier in dieser Region die höchste Dichte an Weltmarkt-Führern. Die Provinz wird oft unterschätzt. Kleine Pflanzen kann man hier wohl besser entwickeln als in der Hektik der großen Zentralen. In ländlichen Regionen können Ideen länger reifen, hier kann man sie vielleicht geduldiger und damit langfristiger entwickeln. Wir unterwerfen uns weniger allgemeinen Trends oder einer sich ständig verändernden political correctness. Man kann sich manchmal freier entwickeln in der Provinz.

Aber brauchen gerade Innovationen export-orientierter Industrien nicht auch globale Einflüsse? Ist Innovation nicht eher international als lokal?

Wittenstein: Ganz bestimmt. Ich wollte schon vor 15 Jahren rund um den Globus Innovation betreiben. Aber das hat sich nicht rentiert, da sind wir einen Schritt zurückgegangen. In der jetzigen Unternehmensphase kommt unsere main power aus Deutschland. Aber, das ist nicht unser Zukunftsbild, sondern hängt eher mit unserer Struktur zusammen, dass derzeit nur 25 Prozent unserer Belegschaft im Ausland sind. Wenn wir aber von Deutschland aus Innovationen für andere Märkte machen wollen, müssen wir uns intern anders aufstellen. Ich brauche viel mehr internationale Mitarbeiter, die hier in Deutschland mit unseren anderen Mitarbeitern für ihre Heimatmärkte denken. Da sind auch wir noch nicht gut genug aufgestellt.

Nichts ist schlimmer als ein Innovator, dem nichts einfällt, hat Sloterdijk geunkt. Geben Sie Ihren Mitbewerbern doch mal ein wenig Hoffnung. Auch bei Wittenstein gehen Innovationen mal so richtig in die Hose, oder?

Wittenstein: (schmunzelt) Ja, natürlich, das gehört dazu. Innovation ist mit Risiko behaftet. Sie müssen in ihrer Risiko-Bewertung sicher sein, dass Sie das Risiko ertragen können – und nicht nur heute, sondern über etliche Jahre. Sie brauchen Spielgeld und Spielraum – auch uns hat eine bestimmte System-Entwicklung, die wir in einen Tiefschlaf gesetzt haben, schon mehrere Millionen Euro gekostet. Der Grundgedanke ist nach wie vor gut, aber der Ansatz war falsch. Das Team hatte sich zu sehr auf eine Richtung kapriziert und sich verrannt. Wir hatten zudem ganz bewusst auch den Versuch gewagt, eine Innovation ganz frei, räumlich getrennt auf der grünen Wiese zu stemmen, mussten aber feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Da war rückblickend vielleicht auch ein Fehler: Wir haben in diesem Fall zu viel Freiheit gegeben, manchmal sind enge Rahmen besser. Not macht erfinderisch, diesen Grundsatz haben wir hier nicht ausreichend berücksichtigt. Wir haben gesagt, dieses Team soll keine Not haben – (lacht auf) ja, und da waren wir dann wohl auch zu wenig erfinderisch.

* Das Interview führte MM-Publisher Hans-Jürgen Kuntze.

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