ERP im Maschinenbau Die Königsdisziplin
Stücklistenverwaltung, Materialbedarfsplanung, Kostenrechnung: Begriffe, die vor allem der Maschinen- und Anlagenbau in die Unternehmenssoftware eingebracht hat. Noch immer aber scheitert jedes...
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Mit Begriffen wie Stücklisten, Materialbedarfsplanung oder Kostenrechnung kommt ERP im Grunde genommen aus der Fertigungsindustrie. „ERP ist eigentlich die Königsdisziplin des Maschinen- und Anlagenbaus“, sagt Dr. Eric Scherer, Geschäftsführer der in Zürich ansässigen i2s Consulting GmbH, und Initiator der ERP-Zufriedenheitsanalyse. Die ERP-Anbieterlandschaft ist laut Scherer eine der vielfältigsten am Markt. Im Maschinen- und Anlagenbau mit seinen höchst komplexen Anwendungen gilt es denn auch, bei der Auswahl eines ERP-Systems gut vorbereitet und informiert zu sein. Grund genug für die Veranstalter der jährlich in unterschiedlichen Städten Deutschlands stattfindenden „ERP-Days“, sich in diesem Jahr der Branche Maschinen- und Anlagenbau zu widmen. Laut Dr. Scherer gibt es für diesen Industriezweig etwa 50 bis 80 ERP-Anbieter mit speziellen Branchenlösungen. Maschinenbau ist ERP-erfahrenste BrancheAnhand der ERP-Zufriedenheitsstudie zeigt sich, dass der Durchdringungsgrad von ERP in der Fertigungsindustrie weltweit am höchs-ten ist. „Der Maschinen- und Anlagenbau ist die ERP-erfahrenste Branche“, so Scherer. Nach Meinung des ERP-Auswahlexperten gehen heute dennoch rund 20% aller ERP-Projekte „katastrophal“ aus. Und das trotz der unbestritten hohen Branchenkompetenz der Anbieter. Trotz der komplexen Anforderungen dieser Branche liege bei den Top Ten der Branchenlösungen die funktionale Abdeckung mit Softwarestandards bei fast 90%. So mag es nicht verwundern, wenn Scherer rät, nicht nur nach bloßen Funktionen zu schielen. „Die Funktionalität hat eine eher geringe Varianzbreite und ist immer weniger Entscheidungskriterium, in der Ergonomie beispielsweise unterscheiden sich die Systeme und weisen eine recht hohe Varianz aus.“ Echte Herausforderungen für branchenorientierte Anbieter seien heute unter anderem die Mehrstandortfähigkeit, die Konnektivität, außerdem Sprachen und Lokalisierung an rechtliche Anforderungen. Fertigungsunternehmen, in deren Endprodukte Komponenten aus den unterschiedlichsten Ländern einfließen, haben einen dementsprechend hohen Koordinationsbedarf. „Die vier Punkte Lieferzeit, Termintreue, Qualität und Preis spielen eine Rolle“, meint Peter Dibbern, Leiter Marketing Communications der PSI AG, Berlin. Das Softwarehaus bietet in seinem Produkt Psipenta.com ein Modul, damit ein Fertigungsunternehmen seine Geschäftsperformance steigern kann. Das Modul arbeitet mit Messgrößen, mit denen die Leistungsfähigkeit des Unternehmens bestimmt werden kann. Mit zwei Regelkreisen lassen sich zum Beispiel die Bestände und Durchlaufzeiten steuern. „Es ist notwendig, die Disziplin auch in die Produktionsebene zu bringen, dass Rückstände gemeldet werden, um diese Regelkreise mit Leben zu erfüllen“, erläutert Karl Tröger, Leiter Produktmarketing bei PSI, die Vorgehensweise. Bei einem Kunden, dessen Aufträge zu 60% mit einer Verzögerung von vier Tagen bearbeitet wurden, war das Ziel vorgegeben, 80% der Aufträge termingerecht auszuführen. Nach sechs Monaten war mit Hilfe der Regelmechanismen die technische Durchlaufzeit so weit reduziert, dass sie heute sogar unterhalb der Marktvorgaben liegt.Zu den Anforderungen an ERP-Systeme für den Maschinen- und Anlagenbau zählt mehr denn je die Mehrsprachenfähigkeit und das Begleiten des Unternehmens an ferne Standorte. Spezifische lokale Anforderungen, kulturelle Besonderheiten und unterschiedliche Zeitzonen gilt es zu beherrschen. Ein Beispiel für eine erfolgreiche ERP-Einführung an einem Produktionsstandort in China gibt die Jakob Müller AG aus Frick in der Schweiz. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Schmaltextilienmaschinenbau. In Suzhou, etwa zwei Autostunden südlich von Shanghai, stellen rund 180 Mitarbeiter eine Vielfalt an Bandwebmaschinen her. Als Unternehmenssoftware nutzt Jakob Müller die ERP-Komplettlösung Oxaion des Ettlinger Softwarehauses Oxaion AG. Betrieben wird die Lösung auf einem IBM-Server i-Series am Firmensitz im schweizerischen Frick. Die internationalen Standorte sind über ein VPN (Virtual Private Network) angebunden. Vor etwa zwei Jahren führten die Schweizer das Oxaion-System in Suzhou ein. Dazu wurde die ERP-Software zunächst von den lokalen Revisoren des Unternehmens geprüft und für China-tauglich befunden. Lokale Anforderungen sind zu erfüllenBei der Einführung galt es dann vor allem, lokale Anforderungen zu erfüllen. So werden beispielsweise Kunden- und Lieferantenpapiere im ERP-System gedruckt und der offizielle Mehrwertsteuer-Beleg mit einem von der Regierung gelieferten Programm erstellt. Mehr als 20 Anwender arbeiten in China mit der Lösung. Eingesetzt werden dabei die gleichen Stammdaten, die auch die anderen Tochtergesellschaften weltweit verwenden.Erfolgreiche ERP-Projekte können ein guter Maßstab für Interessenten sein. Referenzprojekte sind allemal eine Entscheidungshilfe bei der Auswahl, die vielfach der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen gleicht. Der ERP-Experte Dr. Eric Scherer formuliert seinen Leitsatz für die ERP-Auswahl so: „Es gibt stets zwei passende Systeme. Zwischen diesen muss man sich entscheiden.“ Scherer empfiehlt, sich auch einmal mit dem zweitbesten zu begnügen. Der Grund: „Der funktionale Unterschied ist gering, oft nur marginal, der Preisunterschied jedoch kann erheblich sein.“ Sich mit der weiteren Bewertung von Dritt-Lösungen zu beschäftigen, sei pure Zeitverschwendung. Ein probates Mittel, die beiden in Frage kommenden Softwarelösungen aus der Vielzahl der am Markt verfügbaren rasch herauszufinden: Man erstelle zunächst ein Grobpflichtenheft und definiere „Killer-Kriterien“.Ein anderes, durchaus zu überwindendes Problem sind die Insel-Lösungen. Sie existieren nach wie vor in den Unternehmen „meist da, wo es nicht so richtig funktioniert“, meint Scherer. Einige Inseln sind verschwunden, andere halten sich hartnäckig. So haben vor fünf Jahren viele ERP-Anbieter Funktionen für Kundenmanagement und Vertrieb (Oberbegriff CRM: Customer Relationship Management) noch als Inseln zugekauft, heute ist CRM häufig integriert verfügbar. CAD/CAM-Systeme hingegen sind immer noch nicht durchgängig integriert. Scherer zieht einen Vergleich mit der Lebensmittelbranche: „Das Mindesthaltbarkeitsdatum von ERP-Inseln ist längst abgelaufen, nur hat der Lebensmittelkontrolleur dies noch nicht beanstandet, einen solchen gibt es am ERP-Markt noch nicht.“Zu guter Letzt gibt der Experte noch einen wichtigen Tipp: Formulare und Auswertungen möglichst nicht an letzter Stelle im Pflichtenheft berücksichtigen. „Es werden oft keine Regeln und Vereinbarungen für den Umgang mit kundenspezifischen Formularen getroffen. Das ist ein Loch im Vertrag mit ERP-Anbietern, das es zu stopfen gilt“, so Scherer. Dr. Eric Scherer, Geschäftsführer der Züricher i2s Consulting GmbH: „Der Maschinen- und Anlagenbau ist die ERP-erfahrenste Branche.“