Die wachsende Stückliste
Die Bedarfsverrechnung im SAP-System ist eine Schlüsseltechnik für die Materialdisposition im Maschinen- und Anlagenbau. Das Marktsegment Maschinen- und Anlagenbau ist dadurch gekennzeichnet, dass...
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Die Bedarfsverrechnung im SAP-System ist eine Schlüsseltechnik für die Materialdisposition im Maschinen- und AnlagenbauDas Marktsegment Maschinen- und Anlagenbau ist dadurch gekennzeichnet, dass die Unternehmen speziell im Fall Sonderkonstruktionen ihre Aufträge in Form von Projekten abwickeln. Beispiele für solche Projekte sind unter anderem der Bau von Papiermaschinen oder das Projekt Transrapid. Typisch für solche Projekte sind - ein hoher Auftragswert, - ein hoher Engineering-Anteil, - eine komplexe Produktstruktur und - enge Liefertermine.So hat zum Beispiel eine Papiermaschine einen Auftragswert zwischen 200 bis 400 Mio. Euro, eine Baudauer zwischen eineinhalb bis zwei Jahren, sie ist etwa 10 m breit und zwischen 50 und 100 m lang. Die im Hinblick auf die komplexe Produktstruktur engen Liefertermine zwingen die Unternehmen, bereits mit der Fertigung zu beginnen, auch wenn die Stückliste noch unvollständig ist. Man spricht von der so genannten wachsenden Stückliste.Vereinfachtes Beispiel für MaterialdispositionIn diesem Beitrag werden grafische Techniken genutzt, die bisher im SAP-Umfeld noch neu sind. An Hand eines vereinfachten Beispiels wird aufgezeigt, wie die Probleme der Materialdisposition in dem Marktsegment Maschinen- und An-lagenbau gelöst werden.Für Unternehmen dieses Marktsegments ist die SAP-Bedarfsverrechnung eine Schlüsseltechnik. Sie ermöglicht es, Material für ein Projekt in der richtigen Menge und zum richtigen Termin zu disponieren, obwohl zu Fertigungsbeginn die (Konstruktions-)stückliste noch nicht vollständig vorliegt. Die Geschäftsprozesse, die die Logistik des Maschinen- und Anlagenbaus unterstützen, operieren auf einer informationellen Basis, in der folgende Objekte eine besondere Rolle spielen:- der Kundenauftrag,- der Projektstrukturplan,- die Stückliste und- der Netzplan.Ausgangsbasis für die Projektabwicklung ist der Kundenauftrag. In ihm vereinbaren Auftraggeber und Auftragnehmer Position für Position, welche Leistungen der Auftragnehmer in welcher Menge, zu welchem Termin und zu welchem Preis erbringen muss (Bild 1).Es ist wichtig, dass zu jeder dieser Leistungen eine Materialnummer existiert, damit sie disponiert werden kann. So verursacht zum Beispiel in Bild 1 die Kundenauftragsposition 02 einen Primärbedarf am Material 4711 in der Menge von 1 Stück zum Termin 10. 1. 2003 und übergibt ihn an die Materialbedarfsplanung. Die Einträge (.1, (.2 und (.3 betreffen die so genannte Projektstruktur und werden im nächsten Abschnitt erläutert.Projektstrukturplan zeigt BudgeteinhaltungMit dem Projektstrukturplan überprüft der Projektleiter, ob er mit seinem Projekt ,,in budget" ist. Dieser Plan (Bild 2) gliedert ein Projekt hierarchisch in seine Teilprojekte wie zum Beispiel ,,Engineering", ,,Production" und andere. Die Teilprojekte heißen im SAP-System Projektstrukturplanelemente oder kurz ,,PSP-Elemente":- Sie legen das Budget (,,Topf") für jedes Teilprojekt fest.- Sie sammeln die Kosten für jedes Teilprojekt.- Sie sammeln die Erlöse für ausgewählte Teilprojekte.So legt zum Beispiel das PSP-Element (.2 fest, dass es für das Teilprojekt ,,Production" ein eigenes Budget gibt und dass für dieses Teilprojekt Kosten und Erlöse gesammelt werden. Der Projektstrukturplan ist jedoch nicht nur für das Projektcontrolling von Bedeutung, sondern auch für die Logistik. Seine Elemente werden benötigt, um Stücklisten in unterschiedlichen Projekten voneinander unterscheiden zu können.Projektstücklisten voneinander unterscheidenWährend der Projektstrukturplan das Werkzeug ist, um das Budget für das Projekt und seine Teilprojekte festzulegen, definiert die Stückliste die Erzeugnisstruktur einer Anlage beziehungsweise eines Enderzeugnisses. In Bild 3 setzt sich die Anlage 4711 aus den Vormontagematerialien 4712 und 4713 zusammen, das Vormontagematerial 4712 besteht wiederum aus den Komponenten 4714 und 4715. Im Anlagenbau kommt es jedoch häufig vor, dass es zu einer Materialnummer von Projekt zu Projekt unterschiedliche Stücklisten, so genannte Projektstücklisten gibt. Damit man sie voneinander unterscheiden kann, enthält ihr Schlüsselbegriff zusätzlich die Projektnummer.Im vorliegenden Beispiel bedeutet das, dass die Stückliste für das Material 4712 im Teilprojekt (.2 zwar aus den Komponenten 4714 und 4715 besteht, dass sich das Material 4712 aber in einem anderen Projekt durchaus aus anderen Komponenten zusammensetzen kann. Man spricht von der vielgestaltigen Baugruppe.Typisch für die Projektfertigung ist die ,,wachsende Stückliste": In der Regel muss mit der Vormontage einer Anlage begonnen werden, bevor die Stückliste vollständig vorliegt, weil an-sonsten die Fertigung die Liefertermine nicht einhalten kann. Während die Vormontage läuft, gewinnt die Konstruktion Zeit, um die fehlenden Stücklistenpositionen bis hin zum Enderzeugnis beziehungsweise der Anlage zu ergänzen. So wird im Beispiel mit der Vormontage begonnen, obwohl die Stückliste zum Material 4711 fehlt und nur die Projektstücklisten für die Materialien 4712 und 4713 existieren. Wie SAP/R3 die damit verbundenen dispositiven Probleme löst, wird im Folgebeitrag (siehe Kasten) erläutert.