Die deutsche Industrie befürchtet, dass Russland den Gashahn zudrehen wird. Deshalb handeln viele Unternehmen bereits, um darauf vorbereitet zu sein.
Nord Stream 1 wird seit heute umfangreich gewartet. Das geschieht jedes Jahr. Doch diemal befürchten einige, dass danach dennoch kein weiteres Gas mehr aus Russland nach Deutschland strömt. Hier eine Einschätzung zur Lage, wenn der Gashahn zugedreht würde.
(Bild: P. Langkilt)
Derzeit sei die Gasversorgung in Deutschland noch stabil. Bei einer Mangellage wäre die Industrie aber als Erste davon betroffen. Als geschützt gelten hingegen private Haushalte, öffentliche Einrichtungen sowie die Gesundheitsbranche. Die deutsche Industrie blickt also nicht ohne Grund voller Sorge auf die mehrtägige Wartung der Pipeline Nord Stream 1, die heute begonnen hat. Diese Wartungsarbeiten müssen jährlich durchgeführt werden. Dann gelange durch die zuletzt wichtigste Verbindung für russisches Erdgas kein Molekül des Energieträgers mehr nach Deutschland. Wirtschaftsminister Robert Habeck befürchtet aber angesichts der Weltlage, dass das für immer so bleiben könnte. Denn das russische Staatsunternehmen Gazprom hatte schon im Juni die Liefermenge an Erdgas von Russland nach Mecklenburg-Vorpommern deutlich gedrosselt. Auch die russischen Gaslieferungen über andere Leitungen nach Deutschland gingen zurück. Und mehrere europäische Staaten bekommen schon gar kein Gas mehr aus Russland. Wie aber soll Deutschland nun ohne Putins Gas über den Winter kommen, wenn die Befürchtungen sich bestätigen? Man denke außerdem an energieintensive Branchen, wie die Chemie- und Pharmaindustrie, die alleine rund 15 Prozent des angelieferten Gases benötigten.
Das südliche Deutschland wird zuerst leiden
Die Preise für Gas sind nach Aussage von Branchenvertretern derzeit atemberaubend hoch. Um lieferfähig zu bleiben, stocke die Chemie- und Pharmaindustrie schon ihre Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem weiter versorgen zu können. Man bereite sich also auf eine Drosselung oder sogar eine Einstellung der Gasimporte vor. Die Unternehmen im Süden und Südosten Deutschlands würden wegen des Systems der Pipelines als Erste leiden. Im Norden und Westen sei die Versorgung mit Gas über die Häfen relativ sicher. Die Folgen großer Ausfälle von Gas beschrieb Martin Brudermüller, Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, so: „Wir müssten am größten Standort Ludwigshafen die Produktion zurückfahren oder ganz stoppen, wenn die Versorgung deutlich und dauerhaft unter 50 Prozent unseres maximalen Erdgasbedarfs sinkt.“
Und beim Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel Europe seien die Chancen, bei der Produktion Gas einzusparen, nur sehr gering. Auch eine Umstellung von Erdgas auf Erdöl oder Kohle sei nicht oder nur in vernachlässigbarem Umfang möglich. Einschränkungen in der Versorgung verringerten die Produktion, was bis zu einer bestimmten Schwelle aber umgesetzt werden könne. Ein Mindestbezug an Gas sei aber unverzichtbar, sonst drohten auch beim Stahlkonzern Stilllegungen und technische Schäden.
Der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck stellt sich derweil darauf ein, die Produktion an seinen europäischen Standorten auch mit einer reduzierten Gasmenge weiter zu steuern. Man könne etwa einige Produktionsprozesse teilweise auch auf flüssige Brennstoffe umstellen, was aber ins Geld gehe. Doch die Versorgung von Patienten und Partnern mit lebenswichtigen Medikamenten und kritischen Produkten muss am Laufen bleiben, so Sprecher von Merck.
Muss man nun Angst haben vor dem Gas-Aus?
Doch wie hoch ist die Gefahr eines Gasengpasses denn nun, fragt sich der Betroffen. Nun, beim Blick auf vor Kurzem veröffentlichte Berechnungen der Bundesnetzagentur könnte man durchaus in Sorge geraten, denn in immerhin drei von sieben Szenarien ergab sich dabei ein Gasmangel im kommenden Winter. Eine jüngere Gemeinschaftsdiagnose von mehreren deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten komme dagegen zu dem Schluss, dass selbst bei einem sofortigen kompletten Stopp von Nord Stream 1 auch im ungünstigsten Fall dieses Jahr kein Gasengpass drohe. Und im kommenden Jahr auch nur in eher ungünstigen Szenarien.
Die Experten haben dafür 1.000 Kombinationen aus 26 Faktoren gerechnet, wie Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) erklärt. Damit kann man die verschiedenen Szenarien simulieren. Beispiele für die Faktoren auf der Angebotsseite sind etwa die Fragen, wie viel Flüssiggas (LNG) über die Niederlande nach Deutschland kommen könnte oder, auf die Verwendungsseite geblickt, wie viel Gas durch andere Energieträger ersetzt werden könnte.
In der Mitte der Prognosen sehen die Forscher nun also keine Gaslücke mehr in diesem oder im kommenden Jahr. Das liege vor allem daran, dass sich die Speicher gefüllt haben. Völlige Entwarnung könnten sie aber nicht geben. Bei einem kompletten Lieferstopp im Juli ergebe sich für kommendes Jahr demnach im schlimmsten der 1.000 Szenarien eine Gaslücke von 157.600 Gigawattstunden. Nimmt man die Nummer 200 der ungünstigsten Szenarien, sind es aber nur noch 23.800 Gigawattstunden, die fehlen würden.
Stand: 08.12.2025
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Noch im April hatten die Forscher deutlich stärkere Auswirkungen eines sofortigen Lieferstopps befürchtet. Zum Zeitpunkt der Berechnungen waren die Gasspeicher übrigens zu 58 Prozent gefüllt. Inzwischen sollen es der Plattform Agsi zufolge etwa 63,4 Prozent sein. Dieser Anstieg führe allerdings nicht zu einer starken Verbesserung der schlimmsten Szenarien.