Europa und die Cloud Europa wolkenlos – die Abhängigkeit von monopolähnlichen Strukturen

Ein Gastbeitrag von Markus Merk* 4 min Lesedauer

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Die Möglichkeit, alle Daten in der Cloud abzuspeichern, um zu jeder Zeit von jedem Ort und von jedem Endgerät aus Zugriff darauf zu haben, bietet eine Menge Vorteile. Doch die Cloud und all das, was sie mit sich bringt, birgt für den europäischen Markt auch einige Defizite.

Beim Aufbau von Cloud-Lösungen muss Europa sich auf seine Stärken konzentrieren, aber auch auf die Fähigkeiten der Unternehmen am IT-Markt vertrauen.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Beim Aufbau von Cloud-Lösungen muss Europa sich auf seine Stärken konzentrieren, aber auch auf die Fähigkeiten der Unternehmen am IT-Markt vertrauen.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

1941 hat Konrad Zuse den Computer erfunden. Es dauerte nicht lange, da wurden die innovativen europäischen Entwicklungen im IT-Umfeld durch die Massenproduktion und vor allem seitens der Start-up-Szene links und rechts überholt. Ähnlich sieht dies im Bereich des Cloud-Computings aus. Realität oder verzerrte Wahrnehmung?

Im Grunde ist die Cloud nichts Neues. Doch sie wurde genial aufpoliert und mit Macht und Kapital als einzigartige Neuheit auf den Markt getrieben. Defizite wurden seitens des Datenschutzes, der Politik und sogar teilweise der Wirtschaft erkannt, weshalb nach Lösungen gesucht wird. Daraus ist die Idee von Gaia-X als europäische, freie, vertrauenswürdige und leistungsfähige Dateninfrastrukturplattform entstanden. Trotz erheblicher Anstrengungen durch Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und auch beteiligten Hyperscalern kommt die Plattform Gaia-X nicht oder noch nicht zum erwarteten Erfolg. Die Frage nach dem Warum wird hierbei bewusst umgangen, um dem eigentlichen Thema möglicher Alternativen keinen Raum zu geben.

Grundsätzlich kann man sagen: Die Cloud ist überall. Das gilt auch für Europa. Doch wo hat sie ihre Basis und welchen Einfluss nimmt das?

Es ziehen vermeintliche Schönwetterwolken vom Atlantik auf – in Form des sogenannten Cloud Acts. Damit bietet das US-amerikanische Rechtssystem den dortigen Behörden Möglichkeiten des Zugriffs auf Daten, die bei US-Unternehmen gespeichert sind. Erste Datenschützer deutscher Bundesländer beschränken aus Security-Gründen beispielsweise den Einsatz von Office 365 aus US-amerikanischen Cloud-Modellen. Im Gegenzug ermöglichen Private-Cloud-Anbieter und Managed Service Provider aus dem Europäischen Rechtsraum die Datensicherung nach Europäischem Recht und gemäß der Datenschutz-Grundverordnung mit hoher Flexibilität, Kundenorientierung und -nähe.

Nichtsdestotrotz wird die Public Cloud zum vermeintlichen Heilsbringer der Digitalisierung. Die Gründe hierfür sind eine gute Story, Hochglanzfolien und marketinggetriebene Maßnahmen, während die unbequemen realen Anforderungen an IT-Standards in den Hintergrund rücken. Auch die Notwendigkeit von individuellen Konzepten im Hinblick auf eine gesamtheitliche IT-Roadmap von Anwenderunternehmen wird in puncto Public Cloud außer Acht gelassen. Aktuelles Beispiel hierfür sind die Anstrengungen von Rise with SAP, in der europäischen oder Hyperscaler Cloud dem möglichen Druck der Aktienmärkte nachzukommen. Oftmals endet der Hochglanz-Cloud-Ansatz von Applikationen in einem durchaus dem Hosting oder Private Cloud ähnlichen Modell, wenn man genau hinter die Fassaden blickt.

Europäische Abhängigkeit

Die Idee eines funktionierenden offenen Welthandels stößt immer häufiger an ihre Grenzen. Dies zeigt sich an aktuellen Ereignissen in Zusammenhang mit der europäischen Abhängigkeit von russischem Gas, Lieferketten im Automobilsektor oder im Gesundheitssystem. Die IT wird dabei oftmals vergessen oder auf ein „Es läuft ja“ reduziert.

Wirtschaftliche Interessen, das Lemminge-Verhalten – „Ich mache es, weil es alle tun, dann mache ich nichts Falsches“ – und auch die Blendung durch die Marketing-Maschinerie führen dazu, dass diese Abhängigkeiten entstehen. Daraus resultiert eine neue Art von Wirtschaftsstrategie, die den Lehren der Wirtschaftswissenschaften mit Theorien der 60er-Jahre den Rang abzulaufen scheint. Die Sichtweisen von Entscheidern, hier meistens von CIOs und CEOs, gehen teilweise auseinander. Für den CIO ist die Public Cloud eine neue, zusätzliche technische Werkbank, oftmals auch nur eine schicke Mechanik, um die Wichtigkeit ihrer Position zu untermauern. Für die Geschäftsführung resultieren weitaus prägnantere Problemstellungen im Bereich der Abhängigkeiten. Themen der Stabilität, Haftungsfragen oder die Sicherstellung der Prozess- und Lieferketten können für ein Unternehmen zukunftsentscheidend sein.

Darunter können derzeit die vier großen Hyperscaler verstanden werden. Im Vergleich zum klassischen Managed Service Provider mit einem lokalen Service Manager als Ansprechpartner steht hier eine internationale Kundennummer. Die Abhängigkeit eines monopolähnlichen Unternehmens ist gleichzusetzen mit der Abhängigkeit des Unternehmens gegenüber der Public Cloud. Der Nutzen sowie die Wirtschaftlichkeit des Konzepts Pay-as-you-go, der fehlende Ansprechpartner sowie die nicht verhandelbaren Vertragsbedingungen stehen im Widerspruch mit dessen Annahme und Akzeptanz.

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Lösungsansätze in Europa

Es braucht nicht zwingend ein Gaia-X als Lösung, welches aufgrund der Vielzahl von Interessen und Regularien schon vor dem eigentlichen Einsatz nicht vom Fleck kommt. Die Agilität und Freiheit der Clouds aus Deutschland oder einem anderen EU-Land reichen aus, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Europa muss sich auf seine Stärken konzentrieren, aber auch auf die Fähigkeiten der Unternehmen am IT-Markt vertrauen. Es gibt eine Vielzahl von kompetenten und vor allem agilen, auf den Kunden ausgerichteten Private-Cloud-Anbietern.

Diese Anbieter haben meist deutsche und europäische Wurzeln oder sind sogar heute noch in Familienhand – der klassische Mittelstand mit Fokus auf genau diesen Mittelstand und dennoch mit der Power, größere Unternehmen, je nach Anforderung international und weltweit, zu bedienen.

Doch diese Anbieter sind nicht beschränkt auf die Private Cloud. Private-Cloud-Anbieter können je nach Partnerstatus durchaus sinnvolle Konzepte in der Private und Public Cloud umsetzen. Europäische Anbieter agieren auf Augenhöhe im Sinne einer Partnerschaft.

Eine zwischenzeitlich weitere, vielfach praktizierte und etablierte Möglichkeit des Marktes und der Unternehmen ist der Weg über kompetente deutsche oder europäische Sourcing Advisor. Diese filtern den Markt nach dem richtigen Setup, nicht zum billigsten, aber besten Preis, am manchmal hochnebeligen Wolkenhimmel des Cloud-Marktes.

* Markus Merk ist Geschäftsführer von Rödl IT Operation.

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