Taiwan Higtech-Produktion als Überlebensmodus
Auf derzeitige Herausforderungen hat das Unternehmen Hiwin seinen eigenen Erfolgsweg eingeschlagen und steuert einen Kurs zwischen Präzisionsprodukten und Internationalisierung. Besuch bei einem Inhaber, der aus der Nische heraus wächst.
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Taiwan steckt in einem wirtschaftlichen Dilemma. Und das war früh absehbar. Zumindest zeigt dies eine Anekdote zu lesen in der Taipei Times: Der Gründer eines der wenigen Startup-Durchstarters in Taiwan, Jamie Lin von AppWorks, sah im Jahr 2009 eine Apple-Werbung: „Die Werbung sagte, was immer man erreichen wolle, es gebe eine App dafür. Ich realisierte sofort, das war Taiwans Ende. Wir sind so gut darin, billige Computer und Telefone herzustellen aber so schlecht eine App für irgendetwas herzustellen.“
Auch andere Kritiker beschreiben, dass Taiwans Hightech-Industrie konservative Geschäftsstrukturen pflege. Namhafte Firmen wie Acer, HTC oder der weltweit drittgrößte Halbleiterhersteller Taiwan Semiconductor würden heute nur noch im Überlebensmodus agieren. Wenige Hightech-Unternehmen wie Asustek Computer hätten demnach die Zeichen der Zeit erkannt. In der Tat hat der große taiwanesische Hersteller von Computer-Hardware mit Sitz in Taipeh erst im Januar verkündet mit einer neu entwickelten Roboter-Generation auf den Markt zu gehen. Noch in diesem Jahr soll der Roboter, der „mit Internet-of-Things-Applikationen genutzt werden kann“, zusammen mit weiteren Konsumenten-Produkten für Haushalt und Auto verkaufsfähig sein.
Mit Hochpräzisionsprodukten neue Käuferschichten ansprechen
Ein anderes Beispiel wie proaktiv und erfolgreich im Markt agiert werden kann, stammt aus dem Bereich Antriebstechnik. Schon dem Besucher des Lineartechnik-Spezialisten Hiwin in Taichung, Taiwan, springt das Firmenmotto förmlich entgegen. Auf einem halbkugelförmigen Glasdach lautet es in den Landessprachen sämtlicher Niederlassungen in großen Buchstaben: professionell, enthusiastisch, ethisch. Und wenige Schritte weiter möchte man ergänzen: auch noch praktisch. Denn so pompös der Eingangsbereich erscheint, so zweckreich wird das große Foyer als Ausstellungsfläche für die hergestellten Produkte genutzt. Hier finden sich Kugelgewindetriebe, Stahl- und Aluminiumachsen oder luftgelagerte Rundtische, Profilschienenführungen und Positioniersysteme. Für Anwendungen, in denen lineare Automatisierungen nicht mehr ausreichen, machen 6-Achs-Roboter komplexe Bewegungsabläufe vor.
Mit diesen noch recht jungen Produkten stößt Hiwin in die Domäne einiger großer Firmen vor. Doch die cremeweißen Roboter-Arme sind auch eine sichtbare Antwort, die Boss Eric Y.T. Chuo auf etwaige Fragen in Richtung Innovation parat hat. „Wir bleiben lieber im Hintergrund. Ob Amerikaner, Europäer oder Japaner – viele finden in uns einen Partner für Ihre Produkte, ob mit unseren Luftlagern, Torquemotoren oder Gewindeantrieben.“
Dabei, so betont der asiatische Gentleman, sei die Hiwin-Motivation Präzision auch bei Robotern zu verwirklichen. „Fanuc, Yaskawa, Kuka, ABB – das sind die mighty four. Auf der einen Seite sind es unsere Wettbewerber, auf der anderen Seite werden Teile an einige der Hersteller geliefert. Wir können kooperieren und konkurrieren, warum nicht? Unsere Nische im Bereich der Gelenkarmroboter liegt in der Hochpräzisionsherstellung, speziell in Motion und Control.“
Der Einstieg für Hiwin bei vielen Kunden geschieht in der Regel über eher ungewöhnliche Anwendungen. Als Beispiele nennt Chuo die Mobiltelefonfertigung, Elektronikfertigung oder Medizintechnik. Dieser Ansatz scheint zu funktionieren, denn das 1989 gegründete Unternehmen ist mittlerweile der weltweit zweitgrößte Hersteller von Linearführungen und -systemen.
Präzision in der Fertigung für hochpräzise Anwendungen geheimer Kunden
Auch ein Rundgang durch die Fertigung unterstreicht die Aussagen bezüglich Genauigkeit und herausfordernden Anwendungen. Neben Reinräumen, in denen empfindliche Komponenten montiert werden, befinden sich tonnenschwere Granit-Tische für Nanometer genaue Positionieraufgaben. Fotografieren verboten, Kunden-Nennung: Fehlanzeige.
Ein weiteres Detail fällt beim Rundgang durch die zerspanende Fertigung auf: Einige der Maschinen, die dort stehen, stammen offensichtlich aus eigenem Haus. Auf Nachfrage bestätigt der Mitarbeiter, dass einige Maschinen speziell für den Zweck der Selbstnutzung produziert worden sind, für den Verkauf seien die Eigenanfertigungen auch zukünftig nicht gedacht, bestätigt Chuo diese Strategie: „Wir produzieren nicht nur Teile von Werkzeugmaschinen, sondern auch ganze Maschinen für eigene Zwecke. Diese verkaufen wir nicht, um das Know-how im eigenen Hause zu behalten. Betrachten Sie unsere Märkte. Wir haben viele Hightech-Partner. Wir können vielleicht nicht gegen jeden Japaner auf der Ebene des einzelnen Antriebs konkurrieren, unsere Stärke liegt dafür aber im Kombinieren: Lager, Motor, Schiene!“
Und ist dieser taiwanesische Weg Geschäfte zu machen anders als im Rest der Welt? Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: „Ja, es ist anders. Vor 23 Jahren übernahmen wir einen Kugelgewinde-Hersteller aus Offenburg aus der Insolvenz. Im zweiten Jahr haben wir bereits Gewinn gemacht. Ich glaube unser Vorteil ist, dass wir unterschiedliche Länder und ihre Kulturen verstehen“, sagt Chuo. Als zweites Beispiel führt er das vor 18 Jahren eröffnete Forschungszentrum in Moskau an. Sehr viele Erfindungen im Bereich der Lineartechnik stammten aus diesem Gebiet. „Das ist immer unser Ziel: Wir wollen die Nummer eins in Motion Control sein. Und hier kommen viele Erfindungen und Patente her“, sagt Chuo.
Gleichzeitig habe man sehr mit Plagiaten aus China zu kämpfen. Ein ganze Stadt beschäftige sich nur damit, Hiwin-Produkte zu kopieren. „Es gibt viele Produkte in der Welt mit unserem Logo, die nicht von uns sind.“ Chuo, der auch Präsident zweier Verbände TMBA (Taiwan Machine Tool & Accessory Builder Association) und TAIROA (Taiwan Automation Intelligence and Robotics Association) ist, sei in intensiven Gesprächen mit chinesischen Offiziellen über diese Zustände.
Als Nachweis dafür, dass der eingeschlagene Weg erfolgreich ist, hat Chuo noch einen Trumpf im Ärmel: Das japanische Magazin Nikkei Business hat Anfang des Jahres ein Ranking von Global Playern weltweit erstellt. Die Redaktion bewertet Zukunftsfähigkeit und Innovationskraft von Unternehmen. Hiwin belegt den fünften Platz. Als erster deutscher Vertreter folgt BMW auf Rang 47.
Doch so sehr sich Chuo auch über diese Auszeichnung freut. Ihm ist klar, dass er und die Industrie in Taiwan weiter agil bleiben müssen. Mit erhobenem Zeigefinger nennt er nur ein Beispiel: Apple habe seine Strategie geändert. Früher habe man jährlich zehntausende neuer Werkzeugmaschinen angeschafft. Jetzt würden statt neuer Maschinen lediglich Komponenten getauscht. MM
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