GF Agie-Charmilles Junge Ingenieurin macht Master-Abschluss über Grafitzerspanung
Nach politischem Willen sollen die bisherigen Bildungswege zum Dipl.-Ing. (FH) und zum Dipl.-Ing. bis zum Jahr 2010 auf das international übliche Bachelor-/Master-Modell umgestellt sein. Hier die Erfolgsgeschichte einer Ingenieurin, die auf den Master-Zug aufsprang.
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Unterschiedlich weit sind Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses zur Vereinheitlichung der Studiengänge in Europa. Im Zuge des Bologna-Prozesses sind laut Bundesregierung Deutschland inzwischen für 45% aller Studiengänge Bachelor- und Master-Abschlüsse eingeführt worden. Zum Sommersemester habe es bereits 5600 dieser Studiengänge gegeben, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.
Weg und Ziel einer Ingenieurin
Das Abitur am Technischen Gymnasium Pforzheim im Jahre 2000 war für Corinna Kölle die Basis für ihren Weg in die Fertigungstechnik. Sie studierte die Fachrichtung Allgemeiner Maschinenbau an der Hochschule Karlsruhe und schloss das Studium am Produktionstechnischen Labor 2005 mit einer Diplomarbeit über Grafite ab. Gleich danach nahm sie als Dipl.-Ing. (FH) den „Master of Science“ ins Visier.
Betreut von Professor Dr.-Ing. Rüdiger Haas, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Produktion (IFP), Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft, fand sie ihr Thema für den praktischen Teil des Master-Studiengangs: „Entwicklung der Fräs- und Erodiertechnologie für unterschiedliche Grafitsorten“. Die Verbindungen des Instituts zu namhaften Industriefirmen öffnete ihr die Tür bei Agie, Schorndorf, wo sie von September 2006 bis März 2007 ihre „Masterthesis“ erarbeitete und mit der Bewertung „sehr gut“ abschloss.
Fräsbarkeit und die Erodierfähigkeit unterschiedlicher Grafitsorten untersucht
Rudolf Riedel, bis 30. Juni 2007 Geschäftsführer der Agie GmbH, Schorndorf, befragt zur Motivation, einen Platz für den praktischen Teil des Master-Studiengangs Corinna Kölle bereitgestellt zu haben: „Wir dachten an Nachwuchsförderung. Es ist ja heute nicht einfach, gute Ingenieurinnen oder Ingenieure zu bekommen, und Agie-Charmilles braucht die besten. Uns interessierten die Fräsbarkeit und die Erodierfähigkeit unterschiedlicher Grafitsorten von verschiedenen Herstellern. Grundlage für diese Untersuchungen war, mit Experten eine anspruchsvolle Elektrode zu entwickeln, sie zu fräsen und damit zu erodieren.
Aus dem Ergebnis lassen sich Rückschlüsse auf die unterschiedlichsten Anwendungsfälle in der Praxis ziehen. Nach der Masterarbeit, die Frau Kölle durch wissenschaftliches Herangehen und praktische Versuche hervorragend gelöst hat, wissen wir mehr als vor einem Jahr. Das stellt unsere Beratung von Kunden für die Kombination HSC-Fräsen und Senkerodieren auf ein höheres Niveau. Wir konnten Frau Kölle für unser Unternehmen interessieren und haben sie ab April 2007 als Mitarbeiterin bei Agie, der heutigen Agie Charmilles GmbH, eingestellt.“
Corinna Kölle sieht ihren Weg so positiv, wie er ist: „Das Zusatzstudium zum Master gab mir Gelegenheit, durch intensive praxisorientierte Tätigkeiten im IFP und bei Agie meine beruflichen Interessen besser einzugrenzen und viel zu lernen. Dabei ergab sich ein relativ leichter Einstieg in das Berufsleben.“
Zwei Stimmen zur Umsetzung des Bologna-Prozesses
Dipl.-Ing. Gerhard Isenmann, Geschäftsführer des Württembergischen Ingenieurvereins im VDI, Stuttgart, weiß, welche Auswirkungen die neuen Studiengänge auf Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen haben und wie es bei diesem Thema auch „menschelt“. Er sieht die Anstrengungen, die sich für die Verantwortlichen in Lehre und Verwaltung ergeben. Die „Durchlässigkeit“ der Bildungseinrichtungen liegt ihm besonders am Herzen. Seine Kernbotschaft bei allem Verständnis für Schwierigkeiten: „Wir müssen uns rüsten für unsere globale Arbeit. Wir brauchen eine Ausbildung, die in Inhalt und Qualität so effektiv ist, dass Innovationen gedeihen, und dass wir unsere Position im weltweiten Wettbewerb, zum Beispiel auch in Fernost oder Südamerika, festigen und fortschreiben können.“
Prof. Dr.-Ing. Rüdiger Haas, Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft: „Mit den neuen Studiengängen und den Bezeichnungen Bachelor und Master soll eine Standardisierung für die gegenseitige Anerkennung der Studienleistungen und der Studienabschlüsse europaweit und weltweit geschaffen werden. Die Deutschen hatten mit dem Dipl.-Ing. bisher dort Probleme, wo man unser Ausbildungssystem nicht kannte. Wir an der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft, bilden ab 2006/2007 keine Dipl.-Ing. mehr aus, sondern nur noch Bachelor und Master. Die klassischen Universitäten sind traditionell eingestellt und versuchen, den Dipl.-Ing. möglichst lange zu halten, aber politisch ist das nicht gewollt. Ich halte es für vernünftig und ratsam, umzustellen, damit der Industrie die Unsicherheit über den neuen Studienabschluss genommen wird.“
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