Ergonomie Maschinenbauer produzieren am Kunden vorbei
Bedienungselemente bestimmen das Leben des modernen Menschen. Fast jeder kennt Situationen wie diese: Die Freude über das neue Handy, den PC oder das Auto wird getrübt, weil sich die Bedienlogik auch nach längerem Betrachten und mehreren intuitiven Versuchen nicht erschließt. Jetzt hat der Nutzer zwei Möglichkeiten: Die Bedienungsanleitung lesen oder entnervt aufgeben. Für den Hersteller heißt das „Ziel verfehlt, am Anwender vorbei produziert, Potenziale verschenkt“.
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In der Maschinen- und Automobilindustrie ist das Thema Usability derzeit besonders brisant. Es drängt sich den Herstellern auf, weil die Kunden heutzutage anspruchsvoller sind und mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden wollen. Einfach und selbsterklärend sollen die Bedienungen von Maschinen und Anlagen sein. Der Anwender ist nicht mehr einfach nur Bediener, der an der Maschine steht und sich mit den Gegebenheiten seines Arbeitsplatzes abzufinden hat, sondern er ist wichtigster Teil der Mensch-Maschine-Beziehung.
Experten diskutierten innovative Bedienkonzepte
Über innovative Bedienkonzepte diskutierten Fachleute auf der Tagung „Human Machine Interaction Design – Auf dem Weg zu effizienten Bedienstrategien“ in Stuttgart. Veranstalter waren das Institut für Konstruktionstechnik und Technisches Design der Universität Stuttgart (KTD), die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) und die Deutsche MTM-Vereinigung.
Die Bedienseitengestaltung spielt zur Zeit noch eine untergeordnete Rolle bei den Maschinenherstellern, so der Grundtenor der Vorträge. Gerd Neugebauer, Leiter Competence Center Montage- und Blechprüftechnik der Behr GmbH & Co. KG, betonte in seinem Vortrag die Notwendigkeit einheitlicher Bedienoberflächenstandards für den Menschen: „Der Werker will bei maschinenspezifischen Anforderungen wie typengebundener Kalibrierung, regelmäßiger Wartung und Instandhaltung sowie häufigem und schnellem Rüsten durch eine klare, ergonomische Bedienerführung unterstützt werden.“ Dafür müssen transparente Muster beziehungsweise Typenabläufe geschaffen werden.
Einheitliche Standards schaffen
Neugebauer fordert von den Herstellern einheitlich strukturierte Oberflächenstandards, eine MTM-gerechte Anordnung der Bedienoberflächen und eine ergonomische Gestaltung von Bedienpanels. „Maschinenhersteller, denkt an den Nutzer, der in der Produktion steht“, bringt er seine Forderungen auf den Punkt. Die Behr GmbH & Co. KG hat vor vier Jahren begonnen, MTM zur Standardisierung und Gestaltung der Arbeitsabläufe zu implementieren. „Für die Prozessplanung ist MTM die Methode, die bei Behr weltweit gesetzt ist“, sagte Neugebauer. Er kann sich vorstellen, auch die Kalibrierung und Rüstprozesse von Maschinen mit MTM zu standardisieren und daraus Vorgabezeiten mit den MTM-Bausteinen zu kreieren.
Individualität schlägt Standard
Auch Prof. Dr. Thomas Maier, Leiter Forschungs- und Lehrgebiet technisches Design der Uni Stuttgart sieht Handlungsbedarf hinsichtlich effizienter Bedienstrategien: „Es gibt vor allem im Bereich der Maschinenherstellung noch einige Baustellen. Es ist schon verrückt, wenn Sie sich vorstellen, dass verschiedene Maschinen von verschiedenen Herstellern in eine Fabrik kommen und jede Maschine hat unterschiedliche Steuerungen und jede dieser Steuerungen muss unterschiedlich angesprochen werden. Die Folge ist verheerend. Man muss für jede Steuerung lernen, wie man diese Maschine bedient. Das ist ein großes Problem.“ Einen weiteren Grund sieht Maier in dem Mega-Trend zur Individualisierung. „Alles muss derzeit individuell sein. Die Konsequenz ist, dass es uniforme Maschinenbedienung gar nicht gibt. Aber es wird zum Glück langsam umgedacht.“
Bedienungslogik ist heterogen
Auch Automobilhersteller versuchen, sich neben Design und technischen Merkmalen durch unterschiedliche Funktionen und Steuerungen vom Wettbewerb abzuheben. Mietwagennutzer klagen über mangelnde Erwartungskonformität und eine völlig heterogene Bedienungslogik. Oft ist schon das Anlassen des Motors eine Herausforderung für den Fahrer. Maier kennt die Problematik: „Bei den Automobilherstellern haben wir in den letzten zwei bis drei Jahren eine regelrechte ‚Featuritis’ festgestellt, also möglichst viele Features in einer Steuerung zu integrieren.“ Das führe dazu, dass bis zu siebenhundert Funktionen in so einer Steuerung drin seien, die der Anwender gar nicht alle kenne. „Gott sei Dank“, so Maier, „wird langsam umgedacht und es werden zunehmend nur sinnvolle Funktionen eingebaut.“ Es müsse beim Automobil wieder hin zur Einfachheit gehen, weil man festgestellt habe, dass der Mensch solche komplexen Bedienvorgänge gar nicht bedienen könne.“
Mindeststandards festlegen
Wo geht es also für Maschinen- und Automobilhersteller zukünftig hin? Maier sagt: „Wünschenswert wäre die herstellerübergreifende Festlegung von Mindeststandards, die es bisher kaum gibt. Dafür braucht es außer der Politik ein Fachgremium mit Ingenieuren, Interfacedesignern und Psychologen, das sind die wichtigen Leute. Vom Wettbewerb abheben kann man sich nicht nur über die Funktionen, sondern auch über Formen und Farben.“
Produkte kundenorientiert gestalten
Über die kundenorientierte Vorgehensweise bei der Produktgestaltung berichtete Hilti-Manager Dr. Joachim Vedde. Die Hilti-Gruppe ist ein international führendes Unternehmen in Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von hochwertigen Werkzeugen für das Baugewerbe. Vedder begründete, warum Hilti gezwungen ist, selbsterklärende, nutzerfreundliche Werkzeuge herzustellen. „Auf dem Bau liest keiner eine Bedienungsanleitung und wenn, dann würde er es nicht zugeben.“ Hilti hat früh erkannt, dass die Ingenieure, Produktentwickler und -designer verstehen müssen, unter welchen Bedingungen mit ihren Geräten gearbeitet wird. Für die Entwickler heißt das „raus auf den Bau“, um die Einsatzbedingungen zu studieren.
Den Kunden „auf’s Maul schauen“
Die Mitarbeiter des Unternehmens gehen regelmäßig auf Baustellen und schauen den Arbeitern mit der Kamera über die Schulter. Der Slogan „Hören, was der Kunde will und sehen, was der Kunde braucht“ verdeutlicht das umfassende Verständnis hinsichtlich der Nutzerbedürfnisse und der Anwendung der Produkte.
Zu der Frage, welche Hersteller seiner Meinung nach zukünftig die Gewinner sein werden, sagt Vedder: „Es gibt einfach drei ganz klare Themen. Einmal die Robustheit der Geräte. Sie müssen langlebig sein, sie müssen die Funktionen erfüllen und sie müssen sehr gut handhabbar. Wer die drei Aspekte vereinigen kann, der wird auch in Zukunft bei den Profis immer seine Abnehmer finden.“
Gebrauchstauglichkeit verbessern
Es stellt sich die Frage, was die Hersteller tun können, um den wachsenden Anforderungen der Kunden und gleichzeitig deren Bedürfnis nach einfacher Bedienung gerecht zu werden. Zunächst einmal ist es wichtig, die Gebrauchstauglichkeit der eigenen Produkte zu kennen. Dazu erarbeitet Maier mit seinem Team entsprechende Methoden und Techniken zur Messung. Die workflowbasierte Bedienanalyse bringt seiner Meinung nach die beste Differenzierung, um Ansatzpunkte für eine bessere Gebrauchstauglichkeit abzuleiten. Diese Methode funktioniert ganz einfach, wie Maier erläutert. „Wir filmen den kompletten Bedienablauf, den Workflow der Bedienung. Das heißt, die Zeit und der Bedienablauf werden gemessen und daraus lässt sich ableiten, wie die Gestaltung verbessert werden kann.“
Bedienqualität analysieren und bewerten
Je nach Anwendungsfall nutzt das Institut weitere Methoden, um die Bedienqualität zu analysieren und zu bewerten. Für die Analyse und Optimierung der für die Maschinenbedienung notwendigen Arbeitsabläufe bietet die Deutsche MTM-Vereinigung eine gute Basis. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über den weltgrößten Bestand an entsprechenden Prozessdaten. Mit Hilfe dieses Materials lassen sich alle manuellen Arbeitsvorgänge objektiv beschreiben und hinsichtlich ihrer Zeit- und Produktivitätseffizienz optimieren. Auch für die ergonomische Risikobewertung bietet die Vereinigung Tools an. Mittlerweile setzen Unternehmen wie die Behr GmbH & Co. KG in mehr als 20 Ländern Methods-Time Measurement (MTM) zur Analyse, Gestaltung und Verbesserung ihrer Arbeitsprozesse ein. Die Chance liegt darin, von Anfang an, also schon in der Konstruktionsphase der Produkte, sämtliche Optimierungspotentiale zu nutzen und so positiv auf die Maschinengestaltung einzuwirken.
Professor Maier vom KTD Stuttgart sieht eine enge Verbindung zwischen den eigenen Forschungen und den MTM-Verfahren: „MTM erlaubt es, mit seinen Bausteinen Zeitbewertungen durchzuführen und könnte Basis für ein Tool sein, mit dem man noch genauere Messungen der Gebrauchstauglichkeit durchführen kann.“
Weitere Informationen: MTM-Institut, 15738 Zeuthen, Tel. (03 37 62) 20 66 31, institut@dmtm.com
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