Wenn es um die Systementwicklung unter Usability- beziehungsweise UX-Aspekten geht, werden oft Befürchtungen laut, Nachhaltigkeit und menschenzentriertes Design seien schwer vereinbar. Aber existiert hier wirklich ein Widerspruch?
Ist in der Systementwicklung mit Fokus auf eine gelungene UX beziehungsweise Usability noch Platz für Nachhaltigkeit?
Ich muss Sie enttäuschen: Wenn Sie hier einen Artikel erwarten, der sich um Design und attraktive Gestaltung von Interfaces dreht, der sich mit Controls und UI Patterns, Typographie und Verwendung von Farben beschäftigt... Nun, dann wären wir wieder mal zu spät dran im gesamten Systemgestaltungsprozess.
Menschenzentrierte Gestaltung spannt sich von der Unternehmensstrategie über Planungs-, Design- und Entwicklungsprozesse bis hin zum Lifecycle-Management. Und das trifft auch für Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu, die naturgemäß strategisch sein müssen, um – gestatten sie das Wortspiel – nachhaltig sein zu können. In der Konsequenz bedeutet das ebenfalls, dass User Experience, wie das Resultat der menschenzentrierten Gestaltung bezeichnet werden kann, kein Nebenschauplatz in der Software-Entwicklung ist. Wenn wir als UX-Experten und -Expertinnen jedoch in Anspruch nehmen, etwas anderes zu sein als ein Teil der Software-Entwicklung, müssen wir klar beschreiben, was wir bei der menschenzentrierten Gestaltung machen.
Menschen in den Mittelpunkt
Menschenzentrierte Gestaltung, im Englischen human-centered design, ist in ISO-Standards definiert als ein Ansatz, der bei der Konzeption, Gestaltung und Entwicklung von interaktiven Systemen darauf abzielt, diese gebrauchstauglicher zu machen. Dabei können interaktive Systeme sowohl Produkte, Software und Services als auch andere Personen oder die Kombination von Person und anderem System sein – also so ziemlich alles, mit dem ein Mensch interagiert.
Gebrauchstauglich ist die zugegebenermaßen etwas sperrige Übersetzung des weit gebräuchlicheren Begriffs Usability und das Ergebnis der ganzen Planung, Gestaltung und Entwicklung. Das, was dann der Mensch bei der Nutzung des Systems erlebt, beschreiben wir als User Experience. Menschenzentriert ist also die strategische Herangehensweise an eine Situation, bei der ein tatsächlicher Bedarf eines Menschen handlungsleitend ist.
Wie kommt nun Nachhaltigkeit ins Spiel? Wenn wir alles so planen wollen, dass der Bedarf des Menschen befriedigt wird, wie können wir dann noch das Ziel der Nachhaltigkeit erreichen? Ist das kein Widerspruch? Klingt das nicht nach „Menschen zuerst, Planet danach“?
Conference & Expo: Future of Industrial Usability
Früher noch optional, wird Benutzerfreundlichkeit auch in der Industrie zunehmend zu einem obligatorischen Erfolgskriterium. Doch was bedeutet das und wo fängt man an? Wie gestaltet man eine optimale Mensch-Maschinen-Schnittstelle und erhöht so beispielsweise die Bedien- und Prozess-Sicherheit von Maschinen und Anlagen? Die Konferenz Future of Industrial Usability am 26. und 27. Oktober in Würzburg liefert Antworten. Das neuaufgelegte Format dient als Plattform, auf der Expertinnen und Experten von neusten Entwicklungen berichten und echter Austausch möglich ist – branchenübergreifend und praxisnah.
Nachhaltig und menschenzentriert – kein Widerspruch
Um diese Frage zu beantworten, schauen wir uns die ISO-Definition von Nachhaltigkeit an. Diese beschreibt Nachhaltigkeit als Status des globalen Systems, einschließlich ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Aspekte, in dem die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen (nach ISO Guide 82). Nachhaltigkeit ist also ebenso ein Bedarf von Menschen und als solcher gehört er per Definition in das Human-Centered Design. Da wir vom gleichen Konstrukt reden, kann ich kein System planen, das zwar menschenzentriert, aber nicht nachhaltig ist. Vernachlässige ich das eine, zieht das die Qualität des Gesamten nach unten. Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit sehr kontextabhängig ist, so ist es ein integraler Bestandteil der Aufgaben des Human-Centered Designs und der daraus entstehenden User Experiences. Und im Übrigen sind die Arbeiten im Umfeld UX und Usability immer im Nutzungskontext verortet. Nicht umsonst hören Sie als Antwort von Spezialisten aus diesem Fachgebiet zumeist den Spruch „Kommt darauf an“.
Gestaltung ist nicht gleich Gestaltung
Die Aufgabenfelder in Bezug auf Nachhaltigkeit sind beim Human-Centered Design:
ökonomisch: Orientierung am Bedarf der Nutzenden; Steigerung der Effizienz; Optimierung des Ressourceneinsatzes; Kosteneinsparungen;
sozial: Lernförderlichkeit; gesteigertes Wohlbefinden; sichere Systeme; Schutz der Gesundheit; nicht-diskriminierende Systeme; barrierefreie und inklusive Systeme;
ökologisch: Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Systems; Effekte während der Nutzung auf die Umwelt; nachhaltige Materialien und Produktionsgüter; Umgebung als Teil des Nutzungskontexts.
Naheliegenderweise sind diese Anstrengungen nicht zu erreichen, wenn wir User Experience und die Aktivitäten, die dazu führen, lediglich als Designaufgabe verstehen. Vor allem, weil im Deutschen das Wort Design nahezu unweigerlich immer Gedanken an visuelle Gestaltung und Ästhetik hervorruft.
Gestalten im Sinne der ISO ist jedoch ein Prozess mit strategischen, organisatorischen, planerischen, kreativen und auch technologischen Dimensionen. Das ist auch nötig, wenn wir die Herausforderungen im weiten Feld der Nachhaltigkeit vor uns sehen. Diese wurden von den Vereinten Nationen als Sustainability Goals beschrieben und sind wie folgt:
1. keine Armut;
2. kein Hunger;
3. Gesundheit und Wohlergehen;
4. hochwertige Bildung;
5. Geschlechtergleichheit;
6. sauberes Wasser und Sanitär-Einrichtungen;
7. bezahlbare und saubere Energie;
8. menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum;
9. Industrie, Innovation und Infrastruktur;
10. weniger Ungleichheiten;
11. nachhaltige Städte und Gemeinden;
12. nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion;
13. Maßnahmen zum Klimaschutz;
14. Leben unter Wasser;
15. Leben an Land;
16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Intuitionen;
17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele.
Zunächst erscheinen einige dieser Ziele sehr weit gesteckt oder sogar irrelevant, wenn wir uns eine spezielle Lösung mit einem speziellen Einsatzzweck vor Augen halten. So ist zum Beispiel der Zusammenhang zwischen einem Trainingssystem für Fachkräfte in der Automation und dem Nachhaltigkeitsziel Leben an Land nicht wirklich nachvollziehbar. Und natürlich hat nicht jedes System, das wir menschenzentriert entwickeln, einen unmittelbaren Effekt für die Nachhaltigkeit.
Aber mittelbar können sehr wohl Wirkungen entstehen, die sich verstärken und auch gewollt sind. So können zum Beispiel trainierte Bediener von komplexen Anlagen diese effizienter betreiben und dadurch Energie einsparen. So wird die Umwelt durch weniger Energieerzeugung belastet und wir schützen Leben an Land – und auch im Wasser. Verantwortungsvolle Systemgestaltung beschränkt sich nicht auf die Qualität von Lösungen, sondern bezieht die mittelbaren Effekte von Strategien, Produkten und Systemen aktiv mit ein.
Stand: 08.12.2025
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Diese Aufgabe ist, wie oben angedeutet, nicht nur die Aufgabe von Fachleuten für Sustainability, sondern unter anderem auch die Aufgabe von Human-Centered Design, das auch in der Modellierung einer Strategie beginnt – und nicht erst in einem Sprint-Team in der Software-Entwicklung. Die Bewertung der unterschiedlichen Effekte eines Vorhabens kann allerdings nur ein iteratives Vorgehen sein, das sich immer wieder korrigieren und verfeinern muss. Jede neue Anforderung und jede Spezifikation, die auf Anforderungen antwortet, muss durch dieses Bewertungsmodell hinterfragt werden können.
Das bedeutet auch, dass wir durch dieses Verständnis von Nachhaltigkeit zu einer lernenden Organisation finden müssen, die menschenzentrierter, nachhaltiger, transparenter und sozial verantwortlicher werden kann. Und hier schließt sich der Kreis: Ebenso wie eine menschenzentrierte Gestaltung von Systemen die Reife eines Unternehmens prägt, menschlicher zu werden, so prägt die Verbindung von Nachhaltigkeit und User-Experience eine Organisation in Richtung Corporate Social Responsibility. Durch die Verbindung mit Human-Centered Design wird aber aus einem abstrakten Thema wie Nachhaltigkeit, das allzu oft in leeren Phrasen auf Plakaten oder Powerpoint-Slides ein tristes Leben fristet, ein anfassbares, planbares und überprüfbares Element eines jeden Prozesses, Systems und Produktes einer Organisation.
Referenteninfo: Clemens Lutsch
Clemens Lutsch ist bei der Swohlwahr GmbH & Co. KG Deutschland Ansprechpartner für Kundinnen und Kunden aus ganz Deutschland. Er arbeitet seit über 26 Jahren als Industrieanthropologe und Trainer im Bereich User Experience, Human-Centered Strategy und Usability. Die zugrunde liegende Expertise erarbeitete er sich als freier Consultant, leitender Angestellter in Agenturen, in der Industrie und als UX-Manager bei Microsoft. Außerdem ist er in der nationalen und internationalen Standardisierung tätig und brachte als Editor selbst einige Standards auf den Weg. Auf unserem Event Future of Industrial Usability spricht er zum Thema Nachhaltigkeit & Usability in einem Plenum mit offener Diskussionsrunde am 26.10.2022 von 14:45 bis 15:15 Uhr. Der Vorsitzende des Themenbeirats hinter dem Event wird außerdem noch in weiteren Vorträgen zu hören sein.