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Porträt Mit Pflegerobotern Fachkräftemangel begegnen

| Autor / Redakteur: Esther Niederhammer / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Roboter waren lange auf die Industrie begrenzt. Doch wegen des Fachkräftemangels erhalten nun Roboter für die Pflege eine besondere Aufmerksamkeit, auch weil die Aufgaben dort hochkomplex sind.

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Pflegeroboter werden erst überzeugen, wenn sie komplexe Tätigkeiten oder Routinearbeiten übernehmen können, die bei Überlastung schnell zu Fehlern führen.
Pflegeroboter werden erst überzeugen, wenn sie komplexe Tätigkeiten oder Routinearbeiten übernehmen können, die bei Überlastung schnell zu Fehlern führen.
(Bild: ©M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com)

Ein Leben mit hochentwickelter Technik ist selbstverständlicher als eine Wanderung durch den Wald. Wir befragen Siri, Alexa, Cortana oder den Google-Assistenten nach dem Weg zum nächsten Baumarkt oder geben eine Onlinebestellung auf. Auch Montage- und Transportroboter gehören zum Arbeitsalltag, smarte Haushaltsgeräte nehmen zu und autonom fahrende Autos sind angekündigt.

Der nächste logische Schritt ist die Künstliche Intelligenz (KI). Von ihr versprechen sich Forscher mehr Effizienz, gleichzeitig Entlastung und Unterstützung für vorhandene Fachkräfte, die demografisch bedingt immer knapper werden. Für die Umsetzung der KI-Strategie stehen laut Aussage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bis 2025 drei Mrd. Euro bereit, unter anderem für Pilotprojekte in der Pflegebranche. Denn es gibt immer weniger Menschen, die sich um die steigende Anzahl der Hochaltrigen und Pflegebedürftigen kümmern können.

Doch wollen wir Roboter am Kranken- oder Pflegebett? Soll uns eine Maschine rasieren und waschen? Um zu klären, was für Betroffene annehmbar ist und welcher Robotereinsatz pflegerisch-therapeutischen Erfolg verspricht, laufen zahlreiche Projekte und Akzeptanz-Studien.

Verschiedene Ansätze, doch alle haben Grenzen

Zunächst war die Ablehnung bei Personal wie auch Pflegebedürftigen groß. Inzwischen zeigt sich, dass Menschen zunehmend bereit sind, Pflegeroboter zu tolerieren. Einer der Gründe: Die bisherigen Modelle sind so beschränkt, dass sie drollig und harmlos wirken und nicht als Gefahr. Auch nicht für Arbeitsplätze. Sie können einfach zu wenig. Es gelingt ihnen weder ein Käsebrot zu richten, noch einen Demenzkranken davon abzuhalten, aus dem Pflegeheim wegzulaufen. Je nach Modell sind sie eher Praktikanten unter Aufsicht, technische Hilfsmittel oder ein Stück Unterhaltungselektronik auf Beinen oder Rollen.

Pflegeroboter werden erst überzeugen, wenn sie komplexe Tätigkeiten oder Routinearbeiten übernehmen können, die bei Überlastung schnell zu Fehlern führen.
Pflegeroboter werden erst überzeugen, wenn sie komplexe Tätigkeiten oder Routinearbeiten übernehmen können, die bei Überlastung schnell zu Fehlern führen.
(Bild: ©M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com)

Pflegeroboter sind trotzdem langfristig nicht aufzuhalten. Die aktuellen Prototypen basieren auf Modellen aus Japan und unterscheiden sich deutlich von den Maschinen, die beim Heben schwerer Menschen unterstützen, von den Exoskeletten oder Prothesen, die bei der Rehabilitation von Patienten helfen, oder von den autonom fahrenden Wagen, die im Universitätsklinikum Köln schon seit Jahrzehnten Aufgaben wie den Transport von Bettwäsche, Essen oder Operationsbesteck übernehmen. Das wichtigste Ziel der Pflegeroboter ist die soziale Interaktion mit Menschen.

Paro ist so ein Beispiel. Die mit Sensoren ausgestattete künstliche Robbe, etwa 3 kg schwer und 50 cm lang, kommt in etwa 40 Pflegeeinrichtungen Deutschlands zum Einsatz. Sie registriert Berührungen und Worte, nach kurzer Zeit auch spezifische Stimmmerkmale – und reagiert mit Lauten und Bewegungen. Wie ein Haustier. Nur mit hygienisch einwandfreiem, antibakteriellem Fell. Eingesetzt wird Paro bei Demenzpatienten, bei Kindern mit Autismus, depressiven Menschen und in der Palliativpflege. Dort trägt er dazu bei, Einsamkeit und Schmerzen zu reduzieren. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Tastsinn und Kommunikation spielen hier die entscheidenden Rollen. Der Mensch braucht Berührung, Resonanz und Gesellschaft.

Nicht kuschelig und erst nach Softwareanpassung einsetzbar ist Pepper, ein humanoider Roboter des japanischen Unternehmens Softbank. Mit rund 1,20 m hat er die Größe eines Kindes, kann hören, sehen, sprechen, sich bewegen und trägt einen Touchscreen am Bauch. Je nach Programmierung kann Pepper im Seniorenumfeld Fragen beantworten, Spiele anleiten, Witze erzählen oder auch singen. Reicht das für einen so komplexen Arbeitsbereich wie die Pflege? Sicher nicht.

Nicht kuschelig und erst nach Softwareanpassung einsetzbar ist Pepper, ein humanoider Roboter des japanischen Unternehmens Softbank.
Nicht kuschelig und erst nach Softwareanpassung einsetzbar ist Pepper, ein humanoider Roboter des japanischen Unternehmens Softbank.
(Bild: ©PackShot - stock.adobe.com)

Herausforderungen und Zukunftsmusik

Pflegeroboter werden erst überzeugen, wenn sie komplexe Tätigkeiten oder Routinearbeiten übernehmen können, die bei Überlastung schnell zu Fehlern führen. Die in der Pflege so wichtigen Beobachtungs- und Kommunikationsprozesse, die die Versorgung professionell und sicher machen, kann bisher kein Roboter bewältigen.

Auch ethische, datenschutz- und haftungsrelevante Fragen sowie die Finanzierung von KI-Produkten sind kompliziert und teilweise ungeklärt. Andere Länder sind da schon deutlich weiter. In den USA werden bei Menschen ab 65 Jahren bei bestimmten Diagnosen die Kosten für einen sozialen Roboter von der Versicherung getragen, Paro ist als Medizinprodukt anerkannt. In Deutschland müsste Paro dafür offiziell in den Pflegehilfsmittelkatalog aufgenommen werden. Sonst kostet der Kuschelspaß 5000 Euro. Plus eventuelle Wartungskosten. Und wer trägt die Spezifizierung anderer Modelle durch IT-Experten? Gibt es absehbar einen App-Store für Pepper-Anwendungen? Welche Gefahren kommen mit autonom agierenden Maschinen?

Dennoch ein Blick in die Zukunft: „Würdest Du mich bitte zur Toilette bringen?“ Robbie kommt angefahren. Unendlich vertraut und dennoch neutral und diskret, stets hilfsbereit und immer prompt. Wir könnten uns die Demütigung einer Windel ersparen und müssten uns nicht schuldig fühlen, dass wir überlastete Pflegekräfte ein weiteres Mal bemühen. Und wir könnten so oft und so lange zur Toilette gehen, wie wir wollen. Das sollte Ansporn genug sein für die Entwicklung komplex agierender Pflegeroboter. Bisher ist das aber Zukunftsmusik.Hintergrundbeitrag des Deutschlandfunks zu Erfahrungen, Chancen und Grenzen der aktuellen Roboterprototypen in der Pflege. Zum Lesen oder Nachhören.MM

* Esther Niederhammer ist freie Journalistin in 34346 Hann. Münden

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