Kooperationen Neue Werkstoffe: Bayerns Cluster-Initiative nimmt Gestalt an
Auf den ersten Cluster-Treffs im Bereich Neue Werkstoffe haben sich einzelne Unternehmen vorgestellt. Dazu kommen nun längerfristig tätige Clusterkreise, die Kooperationen initiieren und Verbundprojekte entwickeln sollen. Das bedeutet verzahnen, vernetzen, kommunizieren – im Dialog bleiben.
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Die bayerische Cluster-Offensive nimmt Gestalt an. Im Rahmen dieser politischen Initiative hat die von der Staatsregierung 1995 gegründete Bayern Innovativ – Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer mbH bereits zahlreiche Aktivitäten entfaltet. Sie soll fünf der insgesamt 19 geplanten Cluster auf den Weg bringen und hat schon im Oktober 2006 mit einer Auftaktveranstaltung bei Siemens in München-Perlach auch die Weichen für den Cluster Neue Werkstoffe gestellt.
Auf dieser Tagung betonten die Cluster-Sprecher Prof. Dr. Robert F. Singer von der Uni Erlangen-Nürnberg und Prof. Dr. Rudolf Stauber von BMW vor rund 120 Teilnehmern, dass die Verzahnung aller Akteure von der Werkstoff-Entwicklung über die Verarbeitung bis zur Nutzung zu „marktrelevanten Verbundprojekten“ führen soll – das ist das zentrale Ziel. Die vom Beirat mit den Cluster-Sprechern definierten Themenfelder wurden von Dr. Kord Pannkoke erläutert. Die Themen sind:
- metallische Leichtbauwerkstoffe,
- Polymereigenschaften und -verarbeitung,
- Faserverbundwerkstoffe,
- Materialien für die Polymerelektronik,
- technische Keramik und Gläser,
- funktionalisierte Oberflächen,
- technische Textilien.
Pannkoke gab auch einen Überblick über die organisatorischen Instrumente, mit denen der Aufbau des Clusters bewerkstelligt werden soll. Am Beginn stehen so genannte Cluster-Treffs. Das sind Veranstaltungen mit eher regionalem Charakter, die in der Regel bei Unternehmen durchgeführt werden sollen und bei denen sich Interessenten aus dem Umkreis kennenlernen können.
Polymerinnovationen als Dienstleistung
Der erste Cluster-Treff wurde bei der Polymaterials AG in Kaufbeuren ausgerichtet: Das Unternehmen entwickelt Polymerinnovationen als Dienstleistung. Das Angebot erstreckt sich über die gesamte Prozesskette von der Beratung über Recherche, Polymeranalytik und -synthese im Labor bis zur Herstellung von neuen Kunststoffen oder Compounds. Die Kunden des Unternehmens kommen zu gut 40% aus der Automobilindustrie und von ihren Zulieferern, zu fast 30% aus der Chemie und zu gut 20% aus der Medizintechnik. Besonders intensiv arbeitet Polymaterials derzeit an Werkstoffen für Brennstoffzellen-Membranen, bei denen es gleichermaßen auf Ionenleitfähigkeit und mechanische Stabilität über eine lange Lebensdauer ankommt.
Bindeglied zwischen Forschung und Industrie
Sich selbst versteht das Unternehmen als Bindeglied zwischen Hochschulforschung und Industrie und – so Vorstand Dr. Jürgen Stebani auf dem Cluster-Treff – neben Universitäten, wissenschaftlichen Instituten und Unternehmen als „vierte Säule der Polymerforschung“. Diese Lücke ergab sich Stebani zufolge durch den Rückzug der Kunststofferzeuger aus dem Spezialitätenbereich.
Sie beschränkten sich zunehmend auf die Versorgung mit hochwertigen Standardkunststoffen und überließen die Entwicklung neuer Kunststoffe und die kundenspezifische Anpassung Dienstleistern wie Polymaterials. Da es laut Stebani bislang keinen anderen Anbieter mit einer so breiten Forschungspalette gibt, sieht er gute Chancen für sein Unternehmen. Er beruft sich vor allem auf ein derzeit laufendes Projekt, das die Zeit für eine Compoundentwicklung durch Integration von Prozessen entscheidend reduzieren soll: „von mehreren Monaten auf eine Woche“.
Der zweite Cluster-Treff fand bei der Gealan-Gruppe, Oberkotzau, statt. Sie hat sich 1985 als Gealan Formteile GmbH konstituiert und ist durch den Aufbau von CAD-Kompetenz vom Teilelieferanten zum Entwicklungspartner aufgerückt. In den letzten Jahren ist Gealan unter die 50 innovativsten bayerischen und die 500 am schnellsten wachsenden europäischen Unternehmen gewählt worden. All diese Erfolge führt Geschäftsführer Gerhard Laubmann auf die Fähigkeit der gut 300 Mitarbeiter zurück, die gesamte Wertschöpfungskette zu beherrschen. Rund 60% des Geschäfts wickelt Gealan mit Automobilherstellern ab – vor allem mit Teilen für Sound-Systeme, Licht, Klima und den Innenbereich.
Gastgeber eines weiteren Cluster-Treffs war die Wethje GmbH in Hengersberg. Das Unternehmen stellt hochwertige Faserverbundteile her – hauptsächlich für Rennsportfahrzeuge, aber auch für die Luftfahrt- und Medizintechnik. Das Produktionsspektrum der rund 200 Mitarbeiter beginnt mit der Einzelanfertigung per Handlaminat – „der Anteil der Serienfertigung hat aber stetig zugenommen“, sagt Reinhard Wethje.
Bei den schon an der Cluster-Offensive mitwirkenden Unternehmen sind die Erwartungen unterschiedlich. Gealan hat zum Beispiel schon im Kunststoff-Netzwerk Franken positive Erfahrungen gemacht. „Das läuft gut“, sagt Geschäftsführer Laubmann, „auch die Befürchtung, dass vielleicht ein Wettbewerber mit am Tisch sitzt, war bei den meisten Mitgliedern bald überwunden.“ Solche Bedenken sind nach seiner Meinung meist übertrieben und durch geschicktes Management und sorgsame Auswahl der Teilnehmer fast immer auszuräumen.
Eine gut ausbalancierte Kommunikation hält Laubmann daher auch bei der Cluster-Offensive für wichtig. Er hofft vor allem darauf, über die Clusterarbeit neue Leute kennenzulernen und über technische Trends informiert zu werden. Dass er neue Kunden gewinnt, erwartet er vorerst nicht – „das wäre der falsche Ansatz“.
Bei Polymaterials hat man in den letzten Jahren versucht, vor allem auf die neuen Forschungsdienstleistungen des Unternehmens aufmerksam zu machen. Dieser Aspekt habe auch bei dem Cluster-Treff noch eine Rolle gespielt, sagt Vorstand Stebani, aber nicht mehr vordringlich: „Mit großen Unternehmen, insbesondere in der Chemieindustrie, haben wir inzwischen sehr gute Kontakte aufgebaut“ – nun sei der Fokus auf Anwenderbranchen gerichtet.
Den Aspekt der Kooperation hält Stebani für nicht so zentral; von der Cluster-Offensive erwartet er aber auch direkte Aufträge und hat die Chancen dafür schon auf Anhieb erhöht. Zu dem von Polymaterials ausgerichteten Cluster-Treff kamen nicht weniger als elf Geschäftsführer – im Durchschnitt hatten die Veranstaltungen bisher rund 40 Teilnehmer.
Weitere Impulse für den Leichtbau erwartet
Reinhard Wethje macht gern alles selber. „Wir haben sogar eine eigene Energieversorgung“, betont der Unternehmer, der bei BMW die Fertigung faserverstärkter Kunststoffteile aufgebaut und sich schließlich selbstständig gemacht hat. Für Kooperation sei er aber stets aufgeschlossen gewesen, sagt Wethje; und deshalb begrüßt er auch die Cluster-Offensive, von der er weitere Impulse für den Leichtbau erhofft. Auf diesem Gebiet beansprucht er „eine Ausnahmestellung in ganz Europa“. Mit Demonstrationsteilen hat Wethje schon mehrfach auf das Potenzial der Faserverbundtechnik aufmerksam gemacht und Vorarbeiten für CFK-Serienteile bei Fahrzeugen geleistet – etwa beim Dach und der Vorderhaube.
Treffen finden auch bei Instituten statt
Cluster-Treffs können und sollen auch bei wissenschaftlichen Instituten stattfinden. So hatte der Lehrstuhl für Werkstoffwissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg schon die Gelegenheit, sein neues Rapid-Prototyping-Verfahren zur Herstellung keramischer Bauteile aus sinterfähigem Papier vorzustellen. Das seit sechs Jahren von Bayern Innovativ ausgerichtete Symposium Material Innovativ soll ebenfalls mit der Clusterarbeit koordiniert werden; und im Herbst sind Aktivitäten mit größerer Reichweite geplant: eine Ausstellung auf dem Kongress Materials Science and Engineering, der in Verbindung mit der Messe Euromat 2007 vom 10. bis 13. September in Nürnberg stattfindet, und ein Gemeinschaftsstand auf der Kunststoffmesse K 2007 vom 24. bis 31. Oktober in Düsseldorf.
Bis dahin soll ein weiteres Instrument in Gang gebracht sein: so genannte Clusterkreise, von denen der erste im Mai 2007 bei der Krauss Maffei Kunststofftechnik GmbH, München, dem Thema Direktcompoundierung gewidmet war. Dieser Veranstaltungstyp ist, anders als die punktuellen Cluster-Treffs, auf Kontinuität angelegt; das heißt, dass sich zu ausgewählten Themenfeldern stabile Arbeitsgruppen mit etwa 30 Teilnehmern finden sollen, die tragfähige Projekte initiieren. Den Nährboden für alle Aktivitäten soll eine Internet-Plattform bereiten mit einem Kompetenzatlas Neue Werkstoffe als zentralem Bestandteil.
Dort können Unternehmen ihre „Kompetenzprofile“ niederlegen, woraufhin sie kontinuierlich relevante Informationen erhalten – kostenlos. Zur Auftaktveranstaltung waren bei Bayern Innovativ etwa 40 solcher Profile eingegangen, inzwischen sind es mehr als 200. Mit etwa 300 Vertretern bayerischer Unternehmen und Institute steht das Cluster-Management inzwischen in Kontakt, um eine Vision zu verwirklichen. In rund vier Jahren – bis 2011 läuft die Cluster-Offensive – soll Bayern laut Cluster-Manager Pannkoke ein „anerkanntes Werkstoff-Zentrum“ sein. Bis dahin gilt die Formel: verzahnen, vernetzen, kommunizieren oder – so Pannkoke – „ständiger Dialog“.
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