Digitale Transformation Nur im Schneckentempo geht die Digitalisierung in Unternehmen voran

Eine Analyse von Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames und Tim Maibach* 4 min Lesedauer

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Seit dem Jahr 2018 beschäftigt sich die Technische Hochschule Mittelhessen mit dem Fortschritt der digitalen Transformation in Unternehmen. Im Herbst 2022 führte der Fachbereich Wirtschaft seine jüngste Untersuchung durch. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse lesen Sie hier.

Luft nach oben: Laut einer Untersuchung der Technische Hochschule Mittelhessen geht die digitale Transformation im deutschen Mittelstand nur langsam voran. (Bild:  frei lizenziert / Unsplash)
Luft nach oben: Laut einer Untersuchung der Technische Hochschule Mittelhessen geht die digitale Transformation im deutschen Mittelstand nur langsam voran.
(Bild: frei lizenziert / Unsplash)

Im Jahr 2011 wurde der Begriff Industrie 4.0 in Deutschland aus der Taufe gehoben und seitdem weltweit beachtet. Kern der Überlegungen und Handlungen war der Beginn einer vierten industriellen Revolution.

Nun mag jeder Mensch selbst beurteilen, ob diese Revolution wirklich in den Unternehmen angekommen ist. Zumindest in den Medien und auf einschlägigen Kongressen hat das Konzept Industrie 4.0 die Diskussion seitdem auf jeden Fall geprägt. Seit einigen Jahren ist dann die Erkenntnis gewachsen, dass eine Einschränkung auf die industrielle Fertigung zu kurz springt. Im Fokus sollte vielmehr die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Geschäftsmodellen stehen.

Abbildung 1: Condition Monitoring im Vergleich (2022)(Bild:  Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)
Abbildung 1: Condition Monitoring im Vergleich (2022)
(Bild: Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)

Wo aber steht die Digitalisierung in den Unternehmen? An der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) sind wir dieser Frage nachgegangen. So haben wir den Stand der Digitalisierung von Geschäftsprozessen anhand von 41 detaillierten Fragen bei mittelständischen Unternehmen bereits erstmals im Jahr 2018, und den Stand von Geschäftsmodellen/Geschäftsmodellerweiterungen anhand von 73 Fragen dann im Jahr 2020 erhoben. Im Herbst 2022 haben wir erneut eine Auswahl an Fragen zu Geschäftsprozessen und Geschäftsmodellen gestellt. Dazu haben wir über 789 Unternehmen adressiert; 115 Teilnehmer haben sich an der Umfrage beteiligt.

Die Antworten wurden überwiegend in vier Ausprägungsstufen eingeordnet. Stufe 1 war der unterste Level, Stufe 4 der höchste. Ein Beispiel: Zu der Aussage „Anbindung/Erfassung und Analytik von Zustandsdaten der Maschinen/Anlagen (Condition Monitoring)“ konnten die Ausprägungsstufen 1 („in keinem Maße“), Stufe 2 („in geringem Maße“), Stufe 3 („in hohem Maße“), Stufe 4 („durchgängig“) oder „keine Angabe“ angegeben werden. Die Methodik ist am Beispiel des Condition Monitoring in Abbildung 1 erkennbar.

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Kleiner Fortschritt in Digitalisierung von Geschäftsprozessen

Fünf der Fragen zum Stand der Digitalisierung von Geschäftsprozessen waren direkt vergleichbar mit der Erhebung aus 2018; zehn der Fragen zur Erweiterung der Geschäftsmodelle ebenfalls.

Abbildung 2: Fortschritt der digitalen Geschäftsprozesse(Bild:  Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)
Abbildung 2: Fortschritt der digitalen Geschäftsprozesse
(Bild: Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)

Abbildung 2 zeigt den Fortschritt zu den fünf Fragen zu digitalen Geschäftsprozessen. Dargestellt sind die Mittelwerte der Antworten in den rückgemeldeten Ausprägungsstufen. Es sind Fortschritte in der Erhebung 2022 gegenüber der Erhebung im Jahr 2018 erkennbar. Für einen Zeitraum von vier Jahren muss man den Fortschritt aber eher als marginal bewerten. Der Digitalisierungsgrad liegt bestenfalls zwischen den Werten zwei und drei bei einem möglichen Maximum von vier. Oder andersherum ausgedrückt: In mittelständischen Unternehmen wird immer noch überwiegend in traditionellen Prozessen gearbeitet und die Nutzung bestehender digitaler Technologien geht nur unwesentlich voran.

Digitale Ergänzung der Geschäftsmodelle entwickelt sich heterogen

Etwas differenzierter sieht es bei der digitalen Ergänzung von Geschäftsmodellen aus. Digitale Services gewinnen nur sehr langsam an Bedeutung, wie aus Abbildung 3 hervorgeht. Offenbar liegt der Fokus der Geschäftstätigkeiten mittelständischer Produktionsunternehmen noch immer im Verkauf von physischen Produkten. Die Möglichkeiten, über digitale Services der Kundschaft zusätzliche fakturierbare Leistungen anzubieten, kommen nur langsam voran.

Abbildung 3: Fortschritt der digitalen Geschäftsmodelle I(Bild:  Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)
Abbildung 3: Fortschritt der digitalen Geschäftsmodelle I
(Bild: Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)

Interessant ist die Rückmeldung der Teilnehmer bezüglich Plattformen. Wir haben im Jahr 2020 drei Fragen zu Plattformen gestellt. Die Ergebnisse haben wir einer einzigen, leicht anders lautenden Fragestellung im Jahr 2022 gegenübergestellt. Plattformen haben bei unserer Untersuchung vor zwei Jahren, also zu Beginn der Corona-Krise, noch kaum eine Rolle gespielt. Nun zeigt das Ergebnis in Abbildung 4 eindeutig: Die Partizipation an Plattformmodellen oder das Betreiben von Plattformen schreitet voran. Hier ist also ein deutlicher Fortschritt innerhalb von nur zwei Jahren zu erkennen, auch wenn noch viel Luft nach oben ist.

Abbildung 4: Fortschritt der digitalen Geschäftsmodelle II(Bild:  Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)
Abbildung 4: Fortschritt der digitalen Geschäftsmodelle II
(Bild: Gerrit Sames/Tim Maibach/THM)

Etwas überraschend ist der Rückgang bei der Frage zur Ausstattung der Produkte mit Sensorik. Hier verzeichnen wir in den Antworten auf die Fragestellung im Jahr 2022 einen leichten Rückgang gegenüber dem Jahr 2020. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass wir im Jahr 2020 nach der Ausstattung mit Sensoren an den Produkten an sich gefragt haben. In der aktuellen Befragung von 2022 haben wir eher die Nutzung in den Mittelpunkt gestellt. Eine mögliche Schlussfolgerung ist es, dass die Produkte durchaus mit kommunikationsfähiger Sensorik ausgestattet sind. Die Maschinen-/Anlagenhersteller nutzen die Möglichkeit aber noch nicht, sich aufzuschalten und die Daten zu erfassen oder zu analysieren. Das würde dann wieder mit dem nur langsamen Fortschritt bei digitalen Services korrespondieren.

Digitale Entwicklung geht nur zäh voran

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Digitalisierung von Geschäftsprozessen nur im Schneckentempo fortschreitet. Besonders vor dem Hintergrund der Klage über den Fachkräftemangel würde man erwarten, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Senkung der Aufwände beherzter angegangen werden. Fortschritte bei der digitalen Ergänzung von Geschäftsmodellen zeigen sich im Zusammenhang mit Plattformen. Alle übrigen Ansätze bewegen sich ähnlich wie die Geschäftsprozesse auch nur sehr langsam voran. Der produzierende Mittelstand in Deutschland scheint noch immer produktzentriert zu agieren.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Industry of Things erschienen.

* Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames lehrt am Fachbereich Wirtschaft an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. Tim Maibach studierte dort Digital Business und ist seit Frühjahr 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Wirtschaft.

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