Interview

Pilz-Chefin Susanne Kunschert: die Überzeugungstäterin

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Ein Thema, das schon mehrmals angeklungen ist und das wir nicht auslassen können, ist dein Glaube. Du gehst sehr offen damit um, dass du ein gläubiger Mensch bist. Aber lassen sich Unternehmertum und christlicher Glaube immer unter einen Hut bringen?

Das lässt sich gar nicht trennen! Mein Glaube ist ein so wichtiger Ausdruck meiner selbst, wenn ich den hier an der Pforte abgeben würde, würde ich mich ja aufspalten. Das gilt nicht nur für mich, sondern für jeden gläubigen Mitarbeiter. Zu unterscheiden zwischen „jetzt bin ich gläubiger Mensch“ und „jetzt bin ich Geschäftsführerin“, wäre ja geradezu grotesk! Mein Glaube leitet mich in meinen Handlungen und Entscheidungen. Er bestimmt mein Miteinander mit den Menschen im Unternehmen. Ich bin überzeugt, dass das unser Unternehmen im Positiven prägt. Wir hatten vor einiger Zeit eine Religionsklasse hier. Ihr Thema war: Wir suchen Gott in der Automatisierung. Wir haben der Klasse unser Unternehmen gezeigt und unsere Führungsleitlinien vorgestellt. Am Ende haben wir sie dann gefragt, wo sie Gott in unserem Unternehmen sehen. Die eine Gruppe hat geantwortet, dass sie das im Miteinander der Menschen sehen. Die andere sah es in unseren Produkten, weil wir sozusagen Schutzengel produzieren. Und das in der Kombination war für mich die perfekte Beschreibung unseres Unternehmens.

Susanne Kunschert im Gespräch mit 
MM-Maschinenmarkt- 
Chefredakteur 
Benedikt Hofmann.(Bild:  Pilz)
Susanne Kunschert im Gespräch mit 
MM-Maschinenmarkt- 
Chefredakteur 
Benedikt Hofmann.
(Bild: Pilz)

Aber gab es mal einen Moment, in dem dich die Entscheidung, die du als Geschäftsführerin treffen musstest, in Konflikt mit deinem Glauben gebracht hat?

Nein, ich habe mich nie gegen meinen Glauben entschieden. Und das hat sich am Ende immer als richtig herausgestellt. Ich sehe auch die Betriebswirtschaft nicht im Konflikt mit dem Glauben. Im Gegenteil, die Betriebswirtschaft wird dadurch bereichert und auf eine feste Basis gestellt. Betriebswirtschaft heißt nicht, dass Entscheidungen immer von kurzfristigen monetären Beweggründen bestimmt werden müssen. Es geht um den langfristigen Unternehmenserfolg. Gleichzeitig darf man es aber nicht so verstehen, dass zu glauben heißt, keine harten Entscheidungen treffen zu können. Jesus war ein Mann ganz klarer Entscheidungen und Positionen. Es gehört durchaus dazu, Menschen zu zeigen, wenn sie nicht auf dem richtigen Weg sind. Dabei kommt es nur auf das Wie an. Zuzuhören und den anderen wahrzunehmen, ist besonders wichtig. Das bedeutet aber nicht, dass die eigene Position sich dadurch verändert. Mein Glaube bestärkt mich darin, Menschen mit Offenheit, aber auch mit Klarheit und Stärke zu begegnen, und das ist in der Geschäftswelt sehr hilfreich.

Stärke ist ein gutes Stichwort. Als Automatisierungsunternehmen bewegt ihr euch in einem sehr kompetitiven Markt und im Wettbewerb mit vielen globalen Konzernen. Wie kann man sich da als Mittelständler behaupten?

Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich verändert. Immer mehr Mittelständler wurden verkauft und sind in großen Konzernen aufgegangen. Wie behauptet man sich in diesem Umfeld? Durch Innovationen und dadurch, dass man immer auf der Höhe der Zeit ist. Es ist für mich faszinierend, wie wir uns in diesem Umfeld unseren Platz erarbeitet haben. Neben den Innovationen und Produkten ist ebenso wichtig, dass wir zwar ein Mittelständler, aber eben ein internationaler Mittelständler sind. Wir sind in der Lage, auch große Konzerne weltweit zu beliefern, und das ist heute eine Grundvoraussetzung für Erfolg. Als dritten Aspekt kann ich nur wieder auf unser Team verweisen. Alle machen einen super Job und sorgen dafür, dass sich unsere Kunden sehr gut betreut und aufgehoben fühlen. Mit dieser Kombination, also Innovation, Internationalität und passendes Team, kann man sich dann im Konzert der Großen durchsetzen, auch wenn man selbst nicht ganz so groß ist.

Im internationalen Konzert der Großen mitzuspielen, bringt aber leider manchmal auch Aufmerksamkeit mit sich, die man nicht haben möchte. Sicher hast du damit gerechnet, dass wir die Cyberattacke aus dem Jahr 2019 nicht ausklammern können. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Das können wir tatsächlich nicht ausklammern und das möchte ich auch gar nicht ausklammern. Ich habe die Eigenschaft, je schwieriger es wird, immer ruhiger und überlegter zu werden. Das hat mir in der Zeit sehr geholfen. Ich war in der Lage, sehr schnell zu akzeptieren, dass es jetzt eben einfach ein Fakt ist, dass wir gehackt wurden. Anstatt das zu beklagen, haben wir direkt begonnen, zu überlegen, was jetzt zu tun ist, und entsprechende Schritte einzuleiten. Wir mussten klären, wie wir unsere Mitarbeitenden schützen können, wie wir kommunizieren und ob wir diese Situation selbst in den Griff bekommen oder externe Hilfe benötigen. Mein Bruder hat sofort ein super Team zusammengestellt und sie haben analysiert, wie wir weiter vorgehen können. Nach drei Tagen war dann klar, wir schaffen das aus eigener Kraft. Das war psychologisch ganz wichtig und hat viel Sicherheit gegeben.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben uns sehr kraftvoll an die Arbeit gemacht und die Aufarbeitung sehr gut hinbekommen. Das hat so gut funktioniert, dass wir in der Lage waren, neben all dem Negativen durchaus positive Effekte zu erzielen.

Das musst du genauer erklären!

Wir haben den Hack als Anlass genommen, unsere IT-Infrastruktur neu aufzubauen. Ohne diese Schritte hätten wir zu Anfang der Coronapandemie deutlich mehr Probleme gehabt. Wir hatten schon umgesetzt, was manche Unternehmen dann plötzlich unter großem Zeitdruck umsetzen mussten, wie etwa technische Lösungen, um gut mobil zu arbeiten. Im Endeffekt war es für uns ein sehr lauter und gefährlicher Warnschuss, dessen Auswirkungen uns ironischerweise noch heute positiv beeinflussen. Das reicht bis hin zu unserer Kommunikation, die wir in dieser Zeit entsprechend aufgestellt haben.

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Gibt es denn Lehren aus dieser Situation, die du anderen Unternehmen weitergeben kannst?

Wir haben viele Lehren gezogen und sind daran gewachsen. Mein Bruder und auch ich werden bis heute von betroffenen Unternehmen kontaktiert und unterstützen diese gerne. Inzwischen geben wir unser Wissen auch in Form von Schulungen und Dienstleistungen zu Industrial Security weiter.

An dieser Stelle dieser Interviews steht immer dieselbe Frage, wenn man so will die Greta-, nicht die Gretchenfrage. Wenn du in der heutigen Zeit noch mal dein jugendliches Selbst wärst, wo würdest du deine Freitage verbringen? Auf der Schulbank oder mit Fridays for Future auf der Straße?

Ich würde sicher nicht auf die Straße gehen. Ganz einfach, weil ich Schule und Bildung zu wichtig finde. Ich finde es tatsächlich falsch, dass sie das in die Schulzeit gelegt haben. Die Proteste dürfen nicht zulasten der Bildung gehen. Das heißt nicht, dass wir damals nicht auch protestiert hätten. Auch wir haben unsere Plakate gemalt und sind auf die Straße gegangen. Es ist wichtig, dass man als Kind möglichst früh auf das Thema aufmerksam gemacht wird und dass man dafür sensibilisiert wird, dass Umweltschutz bei einem selbst anfängt.

Ist die unternehmerische Perspektive deiner Meinung nach aktuell unterrepräsentiert?

Ja. Uns ist die Bedeutung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit bewusst. Wir tun sehr viel, um so nachhaltig wie möglich zu sein. Aber es gibt Rahmenbedingungen, unter denen wir konsequent Schritt für Schritt handeln müssen, und die Lösung kann nicht sein, dass wir einfach alles dichtmachen.

Da passt es thematisch ja, dass wir am Ende noch zu dem immer allseits beliebten Blick in die Glaskugel kommen. Wie hat sich dein Unternehmen in deiner Idealvorstellung in zehn Jahren entwickelt?

Zehn Jahre? Das ist nicht so lange, da muss ich schon ein bisschen aufpassen. Die Idealvorstellung für Pilz ist, dass wir mit der Zeit gehen, dass wir mit unseren Innovationen immer einen Schritt voraus sind. Dass wir die Internationalisierung weiter vorangetrieben haben, dass wir gewachsen sind, sowohl beim Umsatz als auch bei den Mitarbeitern. Wir werden mit unseren Werten verwurzelt bleiben. Nur so kann ein Unternehmen Krisen überstehen. Wenn der Wind weht, braucht der Baum starke Wurzeln. Ich erwarte auch, dass wir flexibel bleiben und uns weiter verändern. Und nein, das ist kein Widerspruch. Denn echter Wandel ist nur auf einem festen Wertefundament möglich.

Susanne Kunschert

Susanne Kunschert wurde 1970 in Ostfildern geboren. Sie studierte Betriebswirtschaft an der Universität in Regensburg. Zunächst arbeitete sie bei der Dürr AG in den USA und England und im Anschluss daran bei Ernst & Young. Seit 2002 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin der Pilz GmbH & Co. KG. Sie ist für die Bereiche Personal, Finanzen/Controlling, Vertrieb International, Produktmanagement, Marketing und Customer Support verantwortlich.

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