Ausgekokst Salzgitter läutet letzte Runde im klassischen Hochofen ein

Quelle: dpa 4 min Lesedauer

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In Salzgitter hat man einen Hochofen jetzt nochmal generalüberholt. Für ihn ist danach Schluss, weil die nächste Anlage mit grünem Wasserstoff betrieben werden soll, wie es heißt.

Nach der letzten Sanierungsrunde ist der Hochofen A der Salzgitter AG heute wieder angefeuert worden. Doch es war der letzte Start für die Roheisenerzeugung, denn ab 2026 will der Konzern als erster grünen Stahl anbieten. Die staatliche Milliardenfinanzierung hat gerade noch geklappt.(Bild:  Salzgitter)
Nach der letzten Sanierungsrunde ist der Hochofen A der Salzgitter AG heute wieder angefeuert worden. Doch es war der letzte Start für die Roheisenerzeugung, denn ab 2026 will der Konzern als erster grünen Stahl anbieten. Die staatliche Milliardenfinanzierung hat gerade noch geklappt.
(Bild: Salzgitter)

Das Innere des Hochofens A der Salzgitter AG bekommt auch dessen Betriebsdirektor René Rockstroh nur selten zu Gesicht, den üblicherweise sind darin Koks und Eisenerz nebst Kalk dicht übereinander geschichtet, um bei rund 2.200 Grad Celsius in Roheisen verwandelt zu werden. Doch derzeit ist der Ofen buchstäblich aus. Denn seit Mai läuft die Generalüberholung. Und zwei kleine Luken geben deshalb nun auf halber Höhe Zugang zum Innern des 79 Meter hohen Turms. Rockstroh klettert durch eine der beiden engen Öffnungen auf eine provisorische Holzplattform, auf der vor kurzem noch Arbeiter die Innenverkleidung ausgetauscht haben. Er kommentiert: „Das ist alles neu.“ Der Direktor zeigt dabei auf die feuerfesten Spezialziegel. Seit rund 100 Tagen laufen die Arbeiten zur Neuzustellung des Hochofens, wie Stahlwerker die regelmäßige Erneuerung der Anlage nennen. Heute sollen die Arbeiten abgeschlossen und der Hochofen dann wieder angefeuert werden, wie man erfährt.

Für Rockstroh und die Salzgitter AG, bei der er seit 33 Jahren arbeitet, sei es ein besonderes Ereignis. Denn, wie gesagt, wird gleichzeitig auch zum letzten Mal dort ein Hochofen nach der turnusmäßigen Neuzustellung, die alle 10 bis 15 Jahre ansteht, wieder hochgefahren. Beim Hochofen B, der als nächstes dran wäre, spart sich Salzgitter den Aufwand bereits. Denn innerhalb der nächsten 10 Jahre will das Unternehmen komplett auf grünen Stahl umstellen. Die drei Hochöfen werden dazu nach und nach durch Anlagen ersetzen, die zunächst mit Erdgas und später mit grünem Wasserstoff laufen, wie man erfährt. An der ersten Anlage wird bereits seit Februar gebaut. Wenn sie 2026 in Betrieb geht, wird Hochofen B abgeschaltet.

Salzgitter sieht sich als Pionier des grünen Stahls

„Wir werden dann 2026 die ersten sein, die grünen Stahl anbieten werden“, ist der Salzgitter-Vorstandschef Gunnar Groebler überzeugt. Sein Unternehmen verstehe sich dabei als Pionier der Transformation. Das CO2-Einsparpotenzial, das dadurch winke, sei enorm. Denn allein die Salzgitter AG stößt nach eigenen Angaben pro Jahr rund acht Millionen Tonnen des als klimaschädlich geltenden Gases aus. Das entspreche etwa einem Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes Deutschlands. Mit der Komplettumstellung auf grünen Stahl soll der Wert binnen zehn Jahren um 95 Prozent sinken. Schon mit Erdgas komme man auf 60 Prozent weniger Kohlendioxid, wie man betont.

Doch auch die anderen deutschen Stahlkocher arbeiteten an der Umstellung. Thyssenkrupp will etwa die vier Hochöfen in Duisburg, die 2,5 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes verursachen, ebenfalls durch neue Wasserstoffanlagen ersetzen. Die erste soll dort Ende 2026 in Betrieb gehen – also knapp ein Jahr nach dem in Salzgitter. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte der Branche dafür großzügige Hilfen in Aussicht gestellt, denn rund eine Milliarde Euro wurde allein der Salzgitter AG für die erste Ausbaustufe bewilligt. Thyssenkrupp habe sich sogar rund zwei Milliarden Euro gesichert.

Enorme Investitionen in Wasserstofftechnik

Doch eben diese Unterstützung stehen nun auf wackeligen Beinen. Denn fließen sollte das Geld aus dem 60 Milliarden Euro schweren Klimafonds der Bundesregierung, der aber vergangene Woche vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde. Salzgitter und Thyssenkrupp hatte aber Glück, denn Ihnen liegen bereits rechtskräftige Bewilligungsbescheide vor. An den bereits bewilligten Geldern ändert das Karlsruher Urteil nach Angaben beider Unternehmen nämlich nichts. Zum Problem werde das Urteil aber für künftige Projekte. Und allein 2,2 bis

2,4 Milliarden Euro soll der Aufbau der ersten Anlage in Salzgitter kosten. Eine zweite werde folgen. Für den Konzern ist es die mit Abstand größte Investition der Geschichte. Ohne Förderung wäre das extrem schwer zu finanzieren, wie Groebler anmerkt. Denn noch sei grüner Stahl deutlich teurer als klassisch hergestellter.

Doch das wird sich aber schnell ändern, verspricht Groebler, denn im Hochofen fallen pro Tonne Stahl rund zwei Tonnen

CO2 an und der Preis für die dafür erforderlichen Verschmutzungsrechte werde deutlich steigen. Im Gegenzug würden grüner Strom und Wasserstoff, den die neue Anlage braucht, aber günstiger. In spätestens zehn Jahren werde grüner Stahl daher günstiger sein als der klassische. Dann werde sich die Investition auch rechnen, sonst hätte man das nicht angefangen. Doch bis es soweit ist, soll auch der jetzt runderneuerte Hochofen A weiterlaufen. Damit die alte Anlage von 1977 solange durchhält, steckte die Salzgitter AG nun noch einmal 137 Millionen Euro in die Neuzustellung. Außer der feuerfesten Ausmauerung wurden auch die Elektrik und die Steuertechnik ausgetauscht, heißt es. Doch ab 2033 gebe es nur noch grünen Stahl, auch wenn der Hochofen ab jetzt noch deutlich darüber hinaus arbeiten könnte.

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