Betonpumpen Tschernobyl als traurige Referenz für den Fukushima-Einsatz

Redakteur: Peter Steinmüller

Während sich die Welt längst neuen Nachrichten zuwendet, kämpfen in Fukushima Fachleute weiter um das havarierte Kernkraftwerk. Unverzichtbar dabei: Großmastpumpen für Beton aus dem schwäbischen Aichtal. Sie haben sich schon bei früheren Desastern einen guten Ruf erworben.

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Die M70-5 von Putzmeister ist die größte in Serie gebaute Autobetonpumpe der Welt. Das Bild zeigt sie nach ihrer Ankunft in Japan. (Bild: Putzmeister)
Die M70-5 von Putzmeister ist die größte in Serie gebaute Autobetonpumpe der Welt. Das Bild zeigt sie nach ihrer Ankunft in Japan. (Bild: Putzmeister)

„Schon kurz nach der Reaktorkatastrophe in Japan liefen bei uns E-Mails aus der ganzen Welt ein“, berichtet Norbert Scheuch, Geschäftsführer der Putzmeister Holding GmbH in Aichtal. „Die Idee, dass wir dort helfen könnten, kam von ganz vielen Seiten“. Die Absender reichten von hochrangigen Politikern bis zu nationalen Atomaufsichtsbehörden.

Pumpe durch glücklichen Zufall nahe beim Unfallort

Als traurige Referenz diente der Einsatz von elf Putzmeister-Betonpumpen an der Ruine des im April 1986 havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl. Damals kamen Putzmeister-Maschinen beim Bau des Betonsarkophags sowie der Bodenplatte unter dem Reaktor zum Einsatz. Das waren Notfall-Maßnahmen, auf die jetzt dringend eine Erneuerung der Schutzhülle folgen müsste. „Es war ein glücklicher Zufall mitten in der aktuellen Katastrophe, dass im Hafen von Yokohama gerade eine M58 verschifft wurde“, berichtet der technische Geschäftsführer von Putzmeister, Dr. Gerald Karch.

Das Unternehmen liefere seine Pumpen dieser Größe „make to order“, kurzfristig seien auf dem Markt höchstens gebrauchte Maschinen zu bekommen. Hinter dem Kürzel M58 verbirgt sich eine sechsachsige Autobetonpumpe, die mit ihrem 58 Meter hohen, fünfarmigen Manipulatorenarm per Fernsteuerung das Pumpgut exakt über dem Ziel platzieren kann. Nur dass im Falle Fukushima kein Beton für eine Hochhausdecke oder einen Brückenpfeiler gefördert wurde, sondern Wasser für das leckgeschlagene Abklingbecken in Block 4 von Fukushima. Eine eigens installierte Kamera an der Spitze der Pumpe erleichtert die Positionierung des Arms.

Die Pumpe war für einen Kunden in Vietnam bestimmt. Nach Rücksprache wurde die Maschine auf den Weg Richtung Fukushima gebracht. Für den Transport bedurfte es einer Sondergenehmigung – regulär sind die vielachsigen Putzmeister-Giganten für den japanischen Straßenverkehr nicht zugelassen. „Zeitgleich schickten wir auch Techniker los. Normalerweise werden die Leute in unserem Schulungszentrum in der Bedienung der Maschine unterwiesen“, erinnert sich Scheuch. So fand die Schulung der japanischen Bediener in der Nähe von Tokio statt.

Einsatz bei der Feuerwehr hat Tradition

Die Förderung von Wasser ist für Putzmeister kein Thema: „Wir testen jede Pumpe mit Wasser auf ihre Funktion“, sagt der Geschäftsführer. Es sei möglich, sogar eine Feuerwehr-Wasserpumpe anzuschließen. Der Einsatz von Putzmeister-Technik für den Notfall hat Tradition, seit 1988 führt das Unternehmen spezielle Löscharme, die für den Aufbau auf Feuerwehrfahrzeugen ausgelegt sind. Immer wieder berichten Kunden vom Einsatz ihrer Betonpumpen bei Großbränden – auch wenn dies nicht der bestimmungsgemäßen Verwendung entspricht.

Für die schwäbischen Pumpenbauer stand beim Spontaneinsatz der M58 die Frage im Raum, wie viel radioaktive Strahlung die Elektronik der Maschine aushalten würde. Für den Einsatz in Tschernobyl waren die Pumpen mit einer Bleischutzhaube versehen und die Elektronik zusätzlich geschützt worden. Entsprechend groß war die Erleichterung, als Ende März auf dem Stuttgarter Flughafen eine M62-6 in ein Antonov-Großraumflugzeug verladen wurde.

Mittlerweile sind weitere fünf Pumpen in Japan angekommen, darunter zwei vom Typ M70-5, der weltweit größten Betonpumpe, die von einer Baustelle in den USA abgezogen wurden. Insgesamt stehen heute eine 52-Meter-, eine 58-Meter- sowie je zwei 62- und 70-Meter-Maschinen für den Kühleinsatz, aber auch zum Verrichten ihrer originären Aufgabe beim Betonieren am havarierten Kernkraftwerk bereit.

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