Simulationen sind heute in Forschung, Entwicklung und Produktion unverzichtbare Werkzeuge, die von der Effizienz moderner Algorithmen und zunehmenden Rechenkapazitäten profitieren. Doch die Anzahl qualifizierter Simulationsexperten bleibt begrenzt – ein entscheidender Engpass, den Comsol-Geschäftsführer Thorsten Koch in Angriff nimmt.
Comsol-Geschäftsführer Thorsten Koch: „Ein Trend sind die Large Language Models und KI-gestützte Automatisierungen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Hier sehen wir großes Potenzial für unsere Branche.“
(Bild: Comsol)
Welche Grenzen hat Simulation?
Das ist eine komplexe Frage, da sie verschiedene Aspekte umfasst. Grundsätzlich stoßen wir bei der Simulation an Grenzen, die sowohl durch die Rechenkapazitäten als auch durch die Algorithmen gesetzt werden. Aber ich denke, der größte und praxisnähere limitierende Faktor ist heute die Verfügbarkeit von Simulationsexperten. Wir befinden uns in einer Zeit, in der enorme Rechenkapazitäten zur Verfügung stehen und die Algorithmen, die die Simulationen antreiben, unglaublich leistungsfähig geworden sind. Dennoch gibt es nicht genug Experten, die in der Lage sind, diese Software effizient zu nutzen. Dies ist besonders in den Bereichen problematisch, die eher alltägliche Simulationsaufgaben betreffen. Die vorhandenen Experten sind oftmals sehr stark ausgelastet, sodass viele Unternehmen Schwierigkeiten haben, diese Ressourcen angemessen einzusetzen.
Um dem entgegenzuwirken, haben wir uns vor einigen Jahren intensiv Gedanken gemacht, wie wir diese Situation verbessern können. Unser Ansatz ist es, Simulationen breiter zugänglich zu machen – nicht nur für die klassischen Simulationsexperten, sondern auch für Ingenieure und Fachleute in anderen Abteilungen. Hier kommen sogenannte Simulations-Apps ins Spiel. Diese ermöglichen es, Simulationsanwendungen auf einfache Weise in den Arbeitsalltag zu integrieren, sodass auch Nicht-Experten Simulationen selbst durchführen können. Wir sind davon überzeugt, dass dies ein wichtiger Teil der Lösung ist.
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Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Situation in Europa und deren Auswirkungen auf die Softwarebranche? Welche politischen Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Softwareunternehmen in Deutschland und Europa zu stärken?
Meine Antwort wird hier wahrscheinlich wenig überraschend sein. Zunächst einmal sollten wir uns regelmäßig auf unsere Stärken besinnen. Gerade in den Bereichen, in denen wir tätig sind – also Forschung und Entwicklung – hat Europa traditionell eine starke Position. Wir haben hier eine lange Tradition und umfassende Expertise aufgebaut. Aber das darf keineswegs zu Selbstzufriedenheit führen. Im Gegenteil, wir müssen weiter vorangehen.
Das bedeutet vor allem, dass mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig sind – sowohl durch die öffentliche Hand als auch durch die Unternehmen selbst. Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Was ich mir wünsche, ist deutlich mehr Geschwindigkeit bei der Umsetzung solcher Maßnahmen. Ein konkretes Beispiel ist der Ausbau der digitalen Infrastruktur: Ein leistungsfähiges Netz, das flächendeckend verfügbar ist, ist heute eine Grundvoraussetzung. Hier besteht in Europa eindeutig Nachholbedarf. Mehr Tempo bei der Umsetzung solcher Projekte wäre ein entscheidender Faktor, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen nachhaltig zu sichern.
Lassen Sie uns über die strategischen Ziele von Comsol sprechen: Welche Pläne haben Sie für die nächsten fünf bis zehn Jahre? Gibt es Bestrebungen, in neue Märkte oder Anwendungsbereiche zu expandieren?
Schauen wir zunächst auf die nächsten fünf Jahre, das ist in unserer Branche ein überschaubarerer Zeitraum. Unser Hauptfokus liegt darauf, unsere bestehenden Stärken weiter auszubauen. Wie bereits erwähnt, sind wir aufgrund unseres Multiphysics-Ansatzes schon sehr breit aufgestellt. In den kommenden Jahren wollen wir unsere Algorithmen weiterentwickeln, ihre Leistungsfähigkeit steigern und die Grenzen in verschiedenen Anwendungsbereichen noch weiter verschieben. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der uns bereits seit jeher begleitet und auch weiterhin im Zentrum unserer Arbeit stehen wird. Gleichzeitig verfolgen wir das Ziel, Simulationen noch zugänglicher zu machen, was oft als Demokratisierung der Simulation bezeichnet wird. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist unser Simulations-App-Ansatz. Hierdurch möchten wir die Einstiegshürden senken und den Zugang zu unseren Lösungen für Anwender so einfach wie möglich gestalten.
Comsol ist für sein leistungsstarkes Multiphysics-Softwarepaket bekannt. Welche neuen Technologien und Entwicklungen im Bereich Simulation und Modellierung halten Sie für besonders vielversprechend und warum?
Besonders hervorzuheben ist sicherlich die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI). Wir sehen bereits erste Schritte in diese Richtung. In der letzten Version unserer Software, die Ende des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, haben wir beispielsweise die sogenannte Ersatzmodelle-Technologie eingeführt. Sie nutzt neuronale Netze, um Simulationsergebnisse erheblich schneller zur Verfügung zu stellen. Das ermöglicht deutlich verkürzte Berechnungszeiten, was besonders in zeitkritischen Anwendungsfällen ein großer Vorteil ist. Das ist ein erster Schritt, aber das Potenzial in diesem Bereich ist noch lange nicht ausgeschöpft.
Stand: 08.12.2025
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Ein weiterer Trend sind die sogenannten Large Language Models und KI-gestützte Automatisierungen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Auch hier sehen wir großes Potenzial für unsere Branche. Bereits jetzt können diese Modelle über die Comsol API automatisierte Modellierungsprozesse übernehmen oder zumindest unterstützen, um die Entwicklungszeiten zu verkürzen. Das ist erst der Anfang, aber es zeigt, wie solche Technologien helfen können, den aktuellen Engpass an qualifizierten Simulationsexperten zu überbrücken. Wenn wir es schaffen, dass bestehende Experten durch solche Tools effizienter und schneller arbeiten können, könnten wir das volle Potenzial der verfügbaren Rechenkapazitäten besser ausschöpfen.
Welche Rolle spielt Industrie 4.0 in Ihrer Softwareentwicklung und im Vertrieb und welche Vorteile geben Sie an Ihre Kunden weiter?
Industrie 4.0 ist für uns ein äußerst spannendes Thema. Ich habe bereits die Simulations-Apps und die Ersatzmodelle erwähnt, die wir kürzlich in unsere Software integriert haben. Diese beiden Technologien zusammen bieten hervorragende Möglichkeiten, um Konzepte wie digitale Zwillinge in die Praxis umzusetzen. Ein zentraler Bestandteil von digitalen Zwillingen sind physikbasierte Simulationsmodelle – genau hier liegen unsere Stärken.
Durch die Kombination von Simulations-Apps, die mit den neuen Ersatzmodellen beschleunigt werden, haben wir eine Lösung geschaffen, die für Industrie 4.0-Anwendungen noch nützlicher geworden ist. So können Unternehmen beispielsweise ihre physischen Prozesse in Echtzeit überwachen, optimieren und Vorhersagen treffen. Wir sind gespannt darauf, bald erste Erfahrungsberichte von unseren Kunden zu erhalten, wie sie diese neuen Möglichkeiten in ihren Produktionsumgebungen nutzen. Für uns ist das ein Bereich, der sich dynamisch weiterentwickelt und in dem wir künftig eine wichtige Rolle spielen wollen. Es ist spannend zu sehen, wie diese Technologien in der Praxis eingesetzt werden.
Wie stellt Comsol sicher, in einem wettbewerbsintensiven Umfeld weiterhin innovativ zu bleiben?
Innovation ist bei uns Teil des gelebten Alltags. Wir haben sehr talentierte Mitarbeiter in allen Bereichen des Unternehmens, nicht nur in der Entwicklung. Uns war es immer wichtig, auf allen Ebenen Feedback einzuholen und dieses in die Weiterentwicklung unserer Produkte einfließen zu lassen.
Kundenorientierte Entwicklung ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Das erreichen wir, indem wir sicherstellen, dass unsere Mitarbeiter ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Kunden haben und ihre Erkenntnisse gezielt weitergeben können. Wir haben interne Prozesse etabliert, die dieses Feedback systematisch sammeln und es dann in die Produktentwicklung einfließen lassen. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass wir kontinuierlich an der Verbesserung und Weiterentwicklung unserer Lösungen arbeiten.
Wie haben sich die Anforderungen und Erwartungen Ihrer Kunden in den letzten Jahren verändert? Wie reagiert Comsol auf diese Veränderungen, um weiterhin ein verlässlicher Partner zu bleiben?
Ich denke, die grundsätzlichen Erwartungen unserer Kunden haben sich gar nicht so stark verändert. Unsere Kunden erwarten von uns schon immer höchste Qualität und Effizienz. Was sich jedoch in den letzten Jahren klar verändert hat, ist die Art und Weise, wie Simulationen genutzt werden und welche Anforderungen an die Präzision gestellt werden. Die Frage, ob Simulation überhaupt sinnvoll ist, wird heute kaum noch gestellt. In den meisten Fällen haben Unternehmen diese Entscheidung bereits getroffen oder erste Erfahrungen mit Simulationstools gesammelt. Dadurch hat sich Simulation in vielen Bereichen fest etabliert. Der Fokus liegt heute mehr darauf, hochgenaue Modelle zu erstellen, die verschiedene physikalische Phänomene berücksichtigen.
Genau hier spielt unser Multiphysik-Ansatz eine zentrale Rolle, denn die Berücksichtigung mehrerer physikalischer Effekte gleichzeitig ist für viele Unternehmen entscheidend geworden. Das ist auch einer der Bereiche, in denen wir stark aufgestellt sind und unseren Kunden helfen können, ihre Modelle noch präziser und anwendungsorientierter zu gestalten.
Was treibt Sie persönlich an, und wie schaffen Sie es, Ihre Visionen und Ideen innerhalb des Unternehmens zu verwirklichen?
Ich denke, das ist bereits an einigen Stellen durchgeklungen: Ich glaube fest daran, dass technologische Innovation einen großen Teil zur Lösung unserer aktuellen Herausforderungen beitragen kann. Comsol bietet mir die Möglichkeit, in einem Unternehmen zu arbeiten, das genau dies vorantreibt – sowohl mit unseren eigenen Produkten als auch durch das, was unsere Kunden mit diesen Lösungen erreichen. Es ist unglaublich spannend und motivierend, jeden Tag zu sehen, wie unsere Kunden unsere Software einsetzen, um damit innovative und zukunftsweisende Produkte auf den Markt zu bringen. Diese Zusammenarbeit und der sichtbare Erfolg treiben mich an. Das ist nicht nur meine persönliche Motivation, sondern auch etwas, das das gesamte Team inspiriert.
Dieser Beitrag ist zuerst auf unserem Partnerportal www.elektronikpraxis.de erschienen