Zeichnungsteile kaum marktplatzgeeignet

Redakteur: MM

Virtuelle Marktplätze wurden lange zu wahren Wundern hochstilisiert. Jetzt, da die Euphorie vorüber ist, werden ihre Chancen und Grenzen etwas nüchterner eingeschätzt: Sie können die Beschaffung von...

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Virtuelle Marktplätze wurden lange zu wahren Wundern hochstilisiert. Jetzt, da die Euphorie vorüber ist, werden ihre Chancen und Grenzen etwas nüchterner eingeschätzt: Sie können die Beschaffung von simplen Katalog- und Normteilen vereinfachen, eignen sich aber nicht für komplexe, zeichnungsgebundene Teile.Virtuelle Marktplätze hatten einst hohe Erwartungen geweckt. Von sagenhaften Umsätzen in Billionenhöhe war die Rede, von unglaublichen Einkaufsvorteilen und enormen Effizienzsteigerungen.Die Realitäten vieler Marktplätze sehen freilich anders aus. Überzogene Erwartungen, falsche Geschäftsmodelle und eine nachlassende Konjunktur haben dazu geführt, dass auf die Euphorie nun eine gewisse Ernüchterung folgt. Viele der bis vor kurzem noch favorisierten öffentlichen Marktplätze bekommen dies hautnah zu spüren. Nur die wenigsten erreichen die kritische Masse von Umsatz und Teilnehmern, und Forrester Research geht davon aus, dass bis 2005 nur 5% der mehr als 1000 Marktplätze des Jahres 2000 überleben werden. Aber auch die heute noch existenten Marktplätze bringen den darin aktiven Unternehmen und Einkäufern häufig nicht die erwarteten Vorteile. So hat die Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers 1000 virtuelle Marktplätze untersucht und festgestellt, dass keiner der untersuchten Märkte die angelegten Qualitätskriterien in Funktionalität, Preisgestaltung und Information erfüllte.Sinnvoll bei indirekten GüternDie Betreiber der Marktplätze haben also noch einiges zu tun, ehe ihre Kunden das darin steckende Potenzial ausschöpfen können. Marktplätze haben nämlich durchaus etwas zu bieten, und gerade bei der Beschaffung indirekter Güter, also bei Verbrauchsmaterialien, Katalogteilen und genormten Gütern, können sie ihre Vorteile ausspielen, die Beschaffungskosten senken und den Beschaffungsprozess beschleunigen.Dass Marktplätze aber nicht alle Beschaffungsaufgaben lösen können, zeigt sich, wenn man die Lage bei komplexeren, zeichnungsgestützten Teilen betrachtet. Besonders aufschlussreich ist dabei ein Vergleich mit einem Unternehmen der Real Economy, das sich auf die Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage für komplexe Teile und Baugruppen spezialisiert hat: Die Peter Heisig GmbH in Frankfurt am Main arbeitet seit über dreißig Jahren als Kapazitätenvermittler und vermittelt dabei Zulieferunternehmen mit freien Produktionskapazitäten an Hersteller, die Fertigungsaufträge zu vergeben haben. Heisig hat seit mehreren Jahren Erfahrungen mit virtuellen Marktplätzen gesammelt und ist zu dem Schluss gekommen, dass bei zeichnungsgebundenen Teilen die Erwartungen nicht erfüllt werden können.Der Auftritt auf Marktplätzen erfordert unter Umständen zunächst einmal hohe Investitionen in interne Prozesse wie die Katalogerstellung und -aufbereitung. Für komplexe Teile oder gar ganze Anlagen kann dies leicht eine vergebliche Mühe sein, denn öffentliche Marktplätze bieten meist nur ein dürftiges Angebot: Nach einer Studie der Unternehmensberatung Mummert & Partner wird nur auf jedem zweiten elektronischen Marktplatz auch tatsächlich gehandelt, und erfahrene Einkäufer wissen schon lange, dass der Großteil der dort eingestellten Anfragen und Angebote einstweilen noch Testzwecken dient und nicht ernst zu nehmen ist.Bei komplexen, zeichnungsgebundenen Teilen ist es sogar praktisch unmöglich, die Beschaffung in einen Marktplatz zu verlagern. Dafür gibt es mehrere Gründe: So stützt sich die Fertigung komplexer Teile üblicherweise auf Zeichnungen, die oft aus umfangreichen Zeichnungssätzen mit mehreren Dutzend Einzelzeichnungen bestehen. Virtuelle Marktplätze bieten aber meist keine Möglichkeit, derart umfangreiche Zeichnungen mit ihrem großen Datenvolumen in die Website einzustellen. Die Einkäufer sind oftmals überfordertMit der Einstellung der Zeichnungen wäre es andererseits aber auch nicht getan, denn mit komplexen Teilen ist immer ein großer Begleitaufwand verbunden. Beispielsweise sind bei umfangreicheren Teilen allein schon mehrere Tage Arbeitszeit erforderlich, um die Stücklisten in den Marktplatz einzupflegen, die einzelnen Leistungen aufzulisten und die Arbeitsgänge festzulegen. Da überdies auf den Marktplätzen auch noch verschiedene Systeme und Systematiken eingesetzt werden, muss jedes Angebot für jeden Marktplatz variiert werden. Standardisierungsbemühungen wie etwa die eClass-Initiative des Instituts der Deutschen Wirtschaft sind zwar im Gange, konnten sich bislang aber nicht durchsetzen.Erschwerend kommt hinzu, dass ja gerade in komplexen Teilen oft eine Menge Know-how und Entwicklungsarbeit steckt. Auf offenen Marktplätzen ist aber Vertraulichkeit nicht gegeben, und es besteht die Gefahr des Ideendiebstahls.Außerdem gibt es bei komplexen Teilen meist eine Fülle von Rückfragen der interessierten Zulieferer, auf die im Marktplatz aber niemand eine Antwort geben kann. Die Zulieferer wenden sich dann mit ihren Fragen an die Einkäufer, die auf diese neuen Anforderungen aber nicht vorbereitet sind. Um in virtuellen Marktplätzen erfolgreich agieren zu können, bräuchten Einkäufer plötzlich detaillierte Kenntnisse aus der Fertigungstechnik, müssten die Produktionsreihenfolge kennen, um die Nachfrage richtig zu platzieren, und müssten genau wissen, welche Maschinen für die jeweilige Fertigung benötigt werden. Damit sind die Einkäufer in der Regel zeitlich und fachlich überfordert.Für viele Unternehmen, die sich an Marktplätze wenden, ist die dort herrschende Anonymität ein ernstes Problem. Kein Zulieferbetrieb kann ein Interesse daran haben, sich ständig mit potenziell Dutzenden oder sogar Hunderten von anderen Firmen um einen Produktionsauftrag zu bemühen. Ebenso will sich kein Unternehmen, das Fertigungsaufträge vergibt, mit einer Vielzahl von Bewerbern konfrontiert sehen, deren Qualifikation und Zuverlässigkeit zudem nur schwer einzuschätzen sind.Klasse ist also auch hier entschieden wichtiger als Masse, und selbst eine sehr große Zahl möglicher Geschäftspartner kann nicht die Vorteile einer gezielten Auswahl ersetzen. Heisig beispielsweise wählt die Unternehmen danach aus, dass sie dem Profil auch tatsächlich entsprechen. Das garantiert allein schon die präzise Erfassung, bei der mehr als 1500 betriebliche Merkmale aufgenommen und in eine eigene Datenbank eingetragen werden. Dabei werden Ausstattung, Produktionskapazitäten und Fertigungs-Know-how penibel erfasst. Diese genaue Einschätzung der Produktionsmöglichkeiten eines Betriebes erhöht ganz erheblich die Wahrscheinlichkeit, solche Aufträge zu vermitteln, die exakt zum Profil eines Betriebes passen - und gerade diese Individualität ist es auch, die virtuellen Marktplätzen fehlt und unter Umständen auch dauerhaft fehlen wird.Virtuelle Marktplätze operieren zwangsläufig mit grobmaschigen Kriterienkatalogen und eher starren Rastern, die bei weitem nicht ausreichen, die Realitäten der Produktion komplexer Teile vollständig zu erfassen.Feinheiten, die bei einem klassisch arbeitenden Unterehmen im persönlichen Gespräch ermittelt werden, müssen auf einem Marktplatz im Fließtext untergebracht werden. Wichtige Informationen gehen dabei allzu oft unter, zum Beispiel wenn für eine bestimmte Aufgabe alternative Bearbeitungsgänge oder Materialien zur Auswahl stehen. Eingehende Beratung, Tipps für die Fertigung oder Hinweise zum möglichen Preisrahmen sowie Individualität und Praxisnähe werden bei Marktplätzen meist nicht geboten.Gerade bei zeichnungsgebundenen Teilen ist eine individuelle Beratung aber von größter Bedeutung - und wenn ein Kunde etwa die Anschaffung einer neuen Maschine plant und nicht weiß, ob er die damit gewonnene Kapazität überhaupt auslasten kann, dann wird er bei einem Marktplatz sicherlich keine Antwort auf seine Frage finden.Marktplätze haben durchaus ihre Berechtigung und können die Beschaffung von simplen Teilen erheblich vereinfachen. Für komplexere, zeichnungsgebundene Teile eignen sie sich aber nicht. Bei beratungsintensiven Geschäften bietet der klassische, persönliche Weg häufig die besseren Möglichkeiten.

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