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Ab 1937 war Heinrich Ostermann Hauptgeschäftsführer. Er hatte Glück, dass damals nicht entdeckt wurde, wie widersprüchlich er sich verhielt: Als Mitglied der NSDAP war er nach außen hin selbstverständlich regimetreu. Allerdings stellte er heimlich rund 20 ehemalige Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten bei der Wirtschaftsgruppe ein und sicherte so deren Überleben.
Als der ZVEI am 23. Februar 1949 in Frankfurt am Main neu gegründet wurde, war dies ein echter Neubeginn. Zum Vorsitzenden wurde mit Friedrich Sperl ein Industrieller gewählt, der als Gegner des NS-Regimes in KZ-Haft gewesen war. „Die von Hans von Raumer geprägte Ausrichtung auf Freihandel, internationale Verständigung und Sozialpartnerschaft wurde wiederbelebt. Der Verband behielt dieses Profil, unterschied sich dadurch in der Bundesrepublik freilich nicht mehr so stark von anderen Wirtschaftsverbänden, wie dies vor 1933 der Fall gewesen war. Man kann es aber auch so sagen: Der ZVEI hat früher als andere Prinzipien vertreten, die in die Zukunft wiesen, und ist diesen Prinzipien langfristig treu geblieben“, so Bähr weiter.
Innovationen und technischer Fortschritt stehen im Zentrum der Verbandsarbeit
„Der ZVEI hat wechselhafte Zeiten durchlebt. Innovation und technischer Fortschritt standen jedoch immer im Zentrum seiner Arbeit“, erklärte der amtierende ZVEI-Präsident Michael Ziesemer anlässlich der Impuls-Veranstaltung. „Zusätzlich setzte sich der Verband schon früh für Zusammenarbeit, Freihandel und Demokratie ein – in Deutschland und in Europa. Dafür steht er auch heute“, fuhr Ziesemer fort.
„Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Elektroindustrie sind eng mit dem ZVEI verknüpft“, bestätigte Ziesemer. „Hatte der Verband im ersten Jahrzehnt noch rund 100 Mitglieder, sind es heute rund 1600.“ Darin spiegle sich die dynamische Entwicklung der Branche wider. Ziesemer bekräftigte: „Bestehen geblieben ist unser Kernanliegen: Innovation für Menschen zu schaffen.“
Das Jubiläum nutzt der Verband, um in die Zukunft zu schauen. „Wir brauchen eine kraftvolle politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Schlüsselthemen der Zukunft“, sagt auf Nachfrage Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. „Dazu gehören die Digitalisierung von Industrie, Gesundheitswirtschaft und Arbeitswelten, smarte Energienetze und neue Formen der Mobilität und des Wohnens.“
Wie sich dabei die beiden großen Wirtschaftszweige in Deutschland immer wieder ergänzen, zeigt der ZVEI-Geschäftsführer auf: „Nicht erst seit der großen Automatisierungswelle der 1970er-Jahre verbindet die beiden Branchen Elektroindustrie und Maschinenbau viel. Doch seitdem dreht sich die Welt gefühlt mit jedem Jahr ein wenig schneller. Innovationszyklen verkürzen sich und Maschinen werden immer smarter.“
Digitaler Wandel intensiviert Austausch zwischen den Branchen
Durch den digitalen Wandel werde der Austausch zwischen den beiden Branchen noch einmal intensiviert. Das sei auch gut so, denn man brauche diesen engen Austausch, um international auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. „Die Beziehung der beiden Branchen zueinander ist klar: Sensoren, Aktoren, Embedded Systems oder Antriebe aus der Elektroindustrie sind die Basis, die Maschinen smart macht und die smarte Fabrik ermöglicht“, folgert Mittelbach.
Das Besondere an der Digitalisierung der industriellen Produktion sei die Möglichkeit, über die Informationen, die eine Vielzahl an Sensoren sammle, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. „Nicht zu vergessen ist deshalb der Dritte in diesem Bunde: die IKT-Branche. Das Zusammenspiel der drei Branchen zeigt sich an zahlreichen Stellen. Ein prominentes Beispiel ist die Mechatronik – ein Begriff der uns bereits seit den 1980er-Jahren begleitet“, sagt der ZVEI-Geschäftsführer. Denn außer der Mechanik und der Elektronik komme in einem mechatronischen System die Software als entscheidende weitere Komponente hinzu. Und der heute als Ausbildungsberuf anerkannte Mechatroniker stehe für die immer stärkere Verzahnung der Branchen wie kein zweiter.
„Ich bin mir sicher, künftig muss unser Austausch sogar noch intensiver werden: Der digitale Wandel braucht unternehmens-, branchen- und grenzübergreifenden Einsatz. Daran arbeiten wir beispielsweise gemeinsam mit unseren Partnern erfolgreich in der Plattform Industrie 4.0. So bleiben der deutsche Maschinenbau und die deutsche Elektroindustrie Fabrikausrüster der Welt“, ergänzt Mittelbach
Die deutsche Elektroindustrie und der ZVEI sind laut Mittelbach am Puls der Zeit: „Ob bei Cybersicherheit, Energie, Gebäuden, Gesundheit, Industrie 4.0 oder Mobilität, wir sind die innovativste Branche in Deutschland und stoßen Innovationen Branchengrenzen-übergreifend an. Innovationen entstehen allerdings nicht aus technologischem Selbstzweck; sie werden für Menschen gemacht.“
Verband erwartet für die Elektroindustrie 2018 ein Produktionsplus von 3 %
Das soll auch das Motto des ZVEI zeigen: 100 Jahre ZVEI – Innovation für Menschen. „In den letzten 100 Jahren haben wir viel geschafft. Packen wir die nächsten Schritte nun gemeinsam an! Es gibt viel zu tun und ich bin mir sicher, vor uns liegen spannende Zeiten“, prognostiziert Mittelbach. Dass die Elektroindustrie bislang erfolgreich war, das zeigen auch die neusten Branchenzahlen des Verbandes, die auch für die Zukunft sehr vielversprechend sind.
„Der Umsatz ist auf dem Höchststand, die Exporte sind ebenfalls so hoch wie nie zuvor, 2017 hatten wir das größte Wachstum seit der Erholung von der Finanzkrise und besonders erfreulich ist ein erneuter deutlicher Beschäftigungsaufbau von 21.500 Mitarbeitern.“ Für 2018 erwartet der Verband, dass die preisbereinigte Produktion der Branche um 3 % wachsen wird. „Gleichzeitig gehen wir von einem Anstieg der Erlöse auf 196 Mrd. Euro aus“, so Mittelbach.
Die preisbereinigte Produktion der Elektroindustrie wuchs von Januar bis Dezember 2017 um 4,7 % gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz – der auch Dienstleistungen und Software umfasst – nahm im gleichen Zeitraum um 7,2 % auf 191,2 Mrd. Euro zu. Davon wurden 99,7 Mrd. Euro im Ausland und 91,5 Mrd. Euro im Inland erzielt. Insgesamt sind dies rund 9 Mrd. Euro mehr als im bisherigen Rekordjahr 2007 – damals waren es 182 Mrd. Euro.
Exporte: Viertes Rekordjahr in Folge
Besonders stark zeigte sich noch einmal der Export: Von Januar bis November 2017 nahmen die Branchenausfuhren, einschließlich Re-Exporten, um 10,1 % im Vergleich zum Vorjahr auf 183,3 Mrd. Euro zu. Im gesamten vergangenen Jahr kamen sie sehr nahe an die 200-Mrd.-Euro-Marke heran und verzeichneten damit den nunmehr vierten Rekord in Folge. Die meisten Exporte gingen 2017 nach China, gefolgt von den USA und Frankreich. Die Branchenausfuhren nach China stiegen zwischen Januar und November des vergangenen Jahres um 18,1 % im Vergleich zum Vorjahr auf 17,4 Mrd. Euro. Die Exporte in die USA erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 6,9 % auf 15,8 Mrd. Euro – obgleich der Euro gegenüber dem Dollar im letzten Jahr um 15 % aufgewertet hat. Frankreich fragte mit 11,5 Mrd. Euro insgesamt 8,1 % mehr elektrotechnische und elektronische Produkte und Systeme aus Deutschland nach.
Die deutsche Elektroindustrie ist mit einem deutlichen Auftragsplus in das Jahr 2018 gestartet. Die Bestellungen der Branche lagen im Januar um 14,1 % höher als im entsprechenden Vorjahresmonat. Sowohl die Inlands- als auch die Auslandsaufträge legten im Januar zweistellig zu. Erstere stiegen um 11 % gegenüber dem Vorjahr, letztere um 16,6 %. Während Kunden aus der Eurozone ihre Bestellungen um 12,8 % erhöhten, fiel der Zuwachs bei den Orders aus Drittländern mit 19,1 % noch kräftiger aus. Im gesamten Jahr 2017 hatten die Auftragseingänge um 9,8 % zugelegt. Die Zuwächse bei den Inlandsorders waren dabei mit 8,6 % etwas geringer ausgefallen als die bei den Bestellungen aus dem Ausland mit 10,7 %.
ZVEI will Zukunft mitgestalten: Deutschlands, Europas und der Welt
Ob Industrie 4.0, Energie, Mobilität, Gesundheit oder Gebäude, die Elektroindustrie habe überall eine Schlüsselrolle. „Wir gestalten Zukunft, in Deutschland, Europa, in der Welt“, ist der ZVEI-Geschäftsführer überzeugt.
Fachkräftemangel ist ein Produktionshemmnis
Dabei beschäftigt die gesamte Elektroindustrie über 868.000 überwiegend hoch qualifizierte Menschen: 190.000 Ingenieure plus weitere 570.000 Fachkräfte, davon 50.000 Softwareentwickler. Allerdings seien solche Qualifikationen stark nachgefragt und auf dem Arbeitsmarkt kaum noch zu finden. „Vier von fünf Mitgliedsfirmen sagen, dass sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, Softwareentwickler auf dem Arbeitsmarkt anzuwerben“, erläuterte Mittelbach. Der Fachkräftemangel sei derzeit das größte Produktionshemmnis, vergleichbar mit den Boomjahren vor der Finanzkrise. MM
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