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100 Jahre unter Strom

Ohne elektrische Hilfsmittel und ohne die Elektrotechnik wäre die heutige Welt gar nicht denkbar. Schon vor 100 Jahren wusste man um die Wichtigkeit dieser Branche. Um ihr auch eine Stimme in der Politik und im Wirtschaftsleben zu geben und ihre Interessen zu stärken, kam es am 5. März 1918 in Berlin zur Gründung des Zentralverbandes der Elektroindustrie. Heute gehört die Elektro­technik in Deutschland mit dem Maschinenbau zu den wichtigsten Branchen und der Verband vertritt mit Industrie 4.0 eines der entscheidensten Zukunftsthemen.

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(Bild: ©arrow - stock.adobe.com)

Wenn man die Zeitschiene Revue passieren lässt und die Geschichte des Verbandes betrachtet, so zeigt sich, dass diese immer wieder höchst spannend war und zugleich für die, die sich intensiv mit der Elektrotechnik beschäftigen, geradezu elektrisierend ist. Doch der Reihe nach:

Am Ende des 19. Jahrhunderts schließen sich im damaligen Deutschen Reich die Wirtschaftszweige wie die chemische Industrie (1877) oder die Maschinenbauer (1892) in Branchenverbänden zusammen, um die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. Die Elektroindustrie erkannte diese Vorteile erst sehr spät. Es gab zwar Verbände einzelner Branchensegmente, die gemeinsamen Interessen der gesamten Elektroindustrie wurden jedoch nicht mit einer Stimme vertreten.

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Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es, die sehr stark auseinanderdriftenden Interessen von Großkonzernen wie Siemens und AEG mit denen der vielen mittleren und kleinen Unternehmen unter einen Hut zu bringen. Es war das Verdienst von Carl Friedrich von Siemens, dem jüngsten Sohn von Werner von Siemens, die zerstrittenen Parteien an einen Tisch zu bringen. Und noch bevor der Erste Weltkrieg endete, wurde nach jahrelangen Verhandlungen in Berlin am 5. März 1918 der Zentralverband der deutschen elektrotechnischen Industrie (ZVEI) gegründet. Seitdem vertritt der Verein, der heute den Namen Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie trägt, die wirtschafts- und technologiepolitischen Interessen der Branche.

Als Zentralverband sollte er über den verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Elektroindustrie stehen und deren gemeinsame Interessen vertreten. „Neun Monate nach der Gründung konnte der ZVEI Geschäftsräume in der Corneliusstraße 3 beziehen, einem Haus in erstklassiger Lage im Berliner Tiergartenviertel“, sagte Prof. Dr. Johannes Bähr von der Goethe-Universität anlässlich der Impulsveranstaltung des ZVEI, die am 8. November 2017 in Berlin stattfand. Bähr hat sich intensiv mit der Geschichte des ZVEI befasst und viele Erkenntnisse dieses Berichts fußen auf seinen Recherchen.

Verband engagierte sich bereits frühzeitig international durch Kooperationen

Für die Position des ersten Vorsitzenden hatten die Gründer unterdessen „Triebfeder“ Carl Friedrich von Siemens bestimmt. Fünfzehn Jahre lang glich er gemeinsam mit dem von ihm eingesetzten Hauptgeschäftsführer Hans von Raumer Interessenkonflikte zwischen den Mitgliedern aus.

Auch leistete der ZVEI in den Jahren der großen Inflation und während der Weltwirtschaftskrise wichtige Dienste. Im Unterschied zu vielen anderen Verbänden stand er vorbehaltlos hinter der Demokratie der Weimarer Republik, trat für eine Sozialpartnerschaft ein und engagierte sich international durch Kooperation mit dem Verband der französischen Elektroindustrie und Abkommen mit der Sowjetunion.

Derweil schickte sich die Elektrifizierung an, die Welt maßgeblich zu verändern. Heute sind die Produkte der Elektroindustrie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Von der Energieversorgung über Haushaltsgeräte, Industriemaschinen und Unterhaltungselektronik bis zu Straßenbahnen und Zügen kommen wir jeden Tag mit ihnen in Berührung. Doch bis dahin musste auch der ZVEI durch dunkle Zeiten.

1933 wurden die Wirtschaftsverbände durch Zwangsorganisationen ersetzt

„Schon im Frühjahr 1933 stand fest, dass die Wirtschaftsverbände durch ständische Zwangsorganisationen ersetzt würden. Der ZVEI wehrte sich dagegen nicht, ein Protest wäre auch nutzlos gewesen, weil die Spitzenorganisationen der deutschen Wirtschaft bereits eingeknickt waren“, erzählte Bähr weiter.

Obwohl der Verband rein gar nichts mit den Nationalsozialisten gemeinsam hatte – kein einziges der insgesamt 29 ordentlichen und stellvertretenden Vorstandsmitglieder gehörte Anfang 1933 der NSDAP an, aber sieben von ihnen waren jüdischen Glaubens oder zumindest jüdischer Herkunft (im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetze) –, wurde er am 14. November 1933 auf einer letzten Mitgliederversammlung in den Reichsfachverband der Elektrotechnischen Industrie umgewandelt. Hans von Raumer wurde entlassen, Carl Friedrich von Siemens zog sich zurück, aber die beiden Geschäftsführer Maximilian Frese und Paul Graf Vitzthum blieben im Amt – bis 1945, sodass auf der Ebene der Verbandsarbeit von einer gewissen Kontinuität gesprochen werden kann, nicht aber in Bezug auf die Verbandsidentität.

Der Reichsfachverband unter der Leitung von Philipp Keßler, einem NSDAP-Mitglied, hatte nur kurzen Bestand. Schon ein Jahr später trat an seine Stelle die Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie, eine ständische Zwangsorganisation für alle Unternehmen der Branche, in deren Satzung das Führerprinzip verankert war. Sie war der Reichsgruppe Industrie untergeordnet und indirekt dem Reichswirtschaftsministerium.

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Redakteur, MM MaschinenMarkt