Porträt 850 Jahre Handelsplatz Leipzig

Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Frank Jablonski

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Das MM-Symbol wurde vom Leipziger Grafiker Erich Gruner entworfen.
Das MM-Symbol wurde vom Leipziger Grafiker Erich Gruner entworfen.
(Bild: Leipziger Messe)

Montag, 16. März 1981: Hunderttausende Besucher machen sich aus über 100 Ländern auf den Weg nach Leipzig. Die Japaner haben gerade erst den Bau des Interhotels „Merkur“ in der Innenstadt abgeschlossen. Dennoch ist in diesen Tagen weder in der Stadt noch in der Umgebung für DDR-Bürger ein Hotelzimmer zu bekommen. Besucher erinnern sich: „Ein Abendessen in der Innenstadt ist nur durch gute Beziehungen möglich oder man besticht einen Kellner mit zehn Westmark.“ Die Frühjahrsmesse beginnt. Am Abend zuvor hatte Erich Honecker die Messe mit einem Rundgang eröffnet. Eiligen Messegästen steht sogar ein Hubschrauber-Shuttle zum Technischen Messegelände zur Verfügung. Für eine Woche ist Leipzig mit seinen rund 500.000 Einwohnern das Tor zur Welt – und das zwei Mal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst. Auch heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, gehört die Messestadt in Sachsen wieder zu den bedeutendsten Messestädten in Deutschland. Ihre Geschichte beginnt aber schon im Jahre 1165; die Leipziger Messe wird also 850 Jahre alt.

Die Stadt Leipzig entstand aus der Kreuzung zweier wichtiger Handelswege. Die Via Regia führte von Paris über Leipzig nach Nowgorod, die Via Imperii verband Bergen über Leipzig mit Rom. Diese Lage begünstigte den Fernhandel. Was der Obrigkeit gefiel: 1165 wurde bestimmt, dass im Umkreis von 15 km kein für die Stadt abträglicher Markt abgehalten werden durfte. Somit wurde die Messe Leipzig erstmals schriftlich erwähnt und rechtlich gesichert. Im Jahre 1497 bestätigte der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. die drei Leipziger Jahrmärkte und stellte sie „unter den Schutz des Reiches.“ Spätestens also mit Beginn des 16. Jahrhunderts – der geschichtlichen Neuzeit – begann eine erfolgreiche Leipziger Handelsgeschichte.

Von der Warenmesse zur Mustermesse

Ab 1839 wurde Leipzig an die neue Art von Verkehrsverbindungen angeschlossen – die Eisenbahn. Sie löste in ganz Europa eine industrielle Revolution aus. Waren konnten schneller und günstiger als zuvor transportiert werden. Bei gleichbleibender Qualität wurden hohe Stückzahlen produziert. Im Laufe der Jahre wurde es für Händler überflüssig, die gesamte Ware mit auf eine Messe zu bringen. Sie reisten stattdessen mit Produktmustern an. Für einige Firmen erübrigte sich in Zeiten der Hochindustrialisierung ab 1871 sogar ein Messebesuch. Sie sandten lieber Vertreter mit Mustern zu ihren Kunden. Und diesen Trend griffen die Sachsen auf. Im Jahre 1895 erklärte Leipzig seine Messe offiziell zu einer Mustermesse. Die Waren wurden nicht mehr vor Ort verkauft, sondern die Unternehmen präsentierten ein Muster. Auf dieser Basis wurden Verträge geschlossen. 1912 befand der französische Parlamentspräsident, dass Leipzig „die Mutter aller Messen“ sei. Zwischen 1894 und 1914 brachte die Mustermesse der Stadt einen riesigen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit etwa 590.000 Einwohnern war Leipzig 1910 die viertgrößte Stadt im Deutschen Reich. 1914 brach der erste Weltkrieg aus und isolierte die Messe. Doch nach dem Krieg erholte sich Leipzig schnell. In der Innenstadt der Messemetropole war bald kein Platz mehr. Immer größer wurde die Zahl technischer Güter, Werkzeuge und Maschinen.

Das Gelände der Technischen Messe

1920 eröffneten die Sachsen daher die Technische Messe in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals. Schnell etablierte sich das Gelände, in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre hatte die Leipziger Messe Weltbedeutung. Doch Europa kam politisch nicht zur Ruhe. Am Tag nach dem Ende der Herbstmesse begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Bereits 1940 wurden die Technische Messe und die Baumesse stillgelegt. Rüstungsbetriebe zogen in die Messehallen ein. Ab 1942 fielen alle Messen aus. Im Jahr 1943 zerstörten alliierte Luftangriffe etwa 80 % der Messegebäude.

Am 8. Mai 1946 eröffnete im Ring-Messehaus die erste Nachkriegsmesse – die „Friedensmesse“. Leipzig wollte Normalität und Leistungskraft demonstrieren. Zugleich wurde ab den 1950er-Jahren die Hannover-Messe zum größten Konkurrenten. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich die Leipziger Messe dennoch zum wichtigsten Zentrum im Ost-West-Handel. Alljährlich fanden eine Frühjahrs- und eine Herbstmesse mit Ausstellern aus Ost und West statt. Bereits 1954 nahmen an der Herbstmesse Aussteller aus 37 Ländern und Besucher aus 59 Staaten teil. Zwei Jahre später nahm die DDR-Lufthansa den Messelinien-Flugverkehr auf und die Messe wuchs von Jahr zu Jahr. 1981 konnte die Leipziger Messe mehr als 15.000 Aussteller und über 800.000 Besucher begrüßen.

Nach dem Ende der DDR fielen die speziellen Bedingungen weg, unter denen die Leipziger Messe ihre Stellung als Ost-West-Plattform entfalten konnte. Innerhalb kurzer Zeit musste man sich veränderten Bedingungen anpassen. 1991 wurde die Leipziger Messe GmbH gegründet. Die bisherigen Frühjahrs- und Herbstmessen wurden durch Fachausstellungen ersetzt. 1996 eröffnete ein neues Messegelände im Norden von Leipzig. Der Bau war mit Kosten von 1,3 Mrd. DM eines der größten Aufbauprojekte im Osten Deutschlands. Der sächsische Standort mit seinen 35 Messen im Jahr gehört mittlerweile wieder zu den zehn größten Messegesellschaften in Deutschland. Und das soll gefeiert werden: Höhepunkt des Jubiläumjahres bildet eine Festwoche vom 27. Juni bis 5. Juli 2015. Ein Besuch der sächsischen Metropole lohnt auf jeden Fall.

* Alexander Völkert ist freier Fachjournalist in Berlin

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