Porträt Der „rote“ Bosch
Amsterdam, März 1921. Das Passagierschiff „Brabantia“ läuft aus nach Übersee, Ziel der Reise: Buenos Aires und Rio de Janeiro.
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Einer der Passagiere ist ein sechzigjähriger drahtiger Mann mit Vollbart, der leidenschaftlich gerne Kleidung aus Wolle trägt, denn das, so die Philosophie der Anhänger Gustav Jägers, erhält die Gesundheit. Und die ist ihm heilig. Einen Arzt wird er Zeit seines Lebens nicht aufsuchen. Er vertraut ausschließlich der Homöopathie. Ist da ein Theologe oder ein Philosoph auf Reisen? Weder noch, es ist ein Unternehmer aus der Elektroindustrie und ein sehr erfolgreicher dazu.
Robert Bosch ist Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitsaktionär seiner Firma in Stuttgart. Und die hat Niederlassungen und Verkaufshäuser in allen für sie relevanten Staaten der Erde. Als er sich auf große Reise begibt, steht er seit sieben Jahren im „Jahrbuch der Millionäre in Württemberg“. Damals mit 20 Mio. Mark Vermögen und 4 Mio. Mark Jahreseinkommen. An den Rüstungsaufträgen des ersten Weltkrieges wollte er nicht verdienen und spendete 1916 rund 20 Mio. Mark – 13 Mio. für den Bau des Neckarkanals, 7 Mio. für soziale Zwecke. Nun will er auf Distanz gehen und sich in Lateinamerika eine Auszeit nehmen. Auf dem Schiff beginnt Bosch, seine Erinnerungen aufzuzeichnen, darunter auch sein Testament und den Auftrag für die Nachkommen. Doch wie kam Robert Bosch zu seinem riesigen Unternehmen? Denn eins scheint klar: Er ist alles andere als eine typische Unternehmerpersönlichkeit.
Von der Werkstatt zum Konzern
Bosch wird am 23. September 1861 in Albeck bei Ulm auf der Schwäbischen Alb geboren. Nach der Schule macht er eine Feinmechanikerlehre. Anschließend arbeitet er sieben Jahre lang bei verschiedenen Unternehmen in Deutschland, bei Edison in den USA und bei Siemens in Großbritannien. Bereits 1886 gründet er im Alter von 25 Jahren in Stuttgart eine „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“. Dort werden in den ersten Jahren Telefonanlagen und elektrische Wasserstandsfernmelder gebaut und vertrieben. 1887 verbessert Bosch einen nicht patentierten Magnetzünder der Maschinenfabrik Deutz entscheidend und hat damit erste wirtschaftliche Erfolge. Der Apparat dient zur Erzeugung eines elektrischen Funkens, mit dem das Gasgemisch in einem stationären Verbrennungsmotor zur Explosion gebracht wird.
1897 gelingt es seinem Mitarbeiter Arnold Zähringer erstmals, einen solchen Magnetzünder mit einem Kraftfahrzeugmotor zu verbinden. Damit löst er eines der größten technischen Probleme der noch jungen Automobiltechnik. Fünf Jahre später entwickelt sein Mitarbeiter Gottlob Honold die Hochspannungs-Magnetzündung. Sie bringt den endgültigen Durchbruch für die Magnetzündung. 1906 wird die erste Vertretung und 1910 die erste Fabrik in den USA eröffnet. Bereits 1913 besitzt das Unternehmen Niederlassungen in Amerika, Asien, Afrika und Australien und erwirtschaftet 88 % seines Umsatzes außerhalb Deutschlands.
Der Schwabe ist erfolgreicher Unternehmer, großzügiger Mäzen und er ist ein politischer Mensch. Der junge Bosch versteht sich selbst als Sozialist, wählt die SPD, ohne Mitglied zu sein. Er kritisiert die vielfach als Land der Freiheit gefeierten USA, weil dort nach seiner Ansicht der „Eckstein“ der Gerechtigkeit – die Gleichheit vor dem Gesetz – fehlt, und spendet Geld für die Arbeiterbewegung. Dennoch lautet sein Weltbild im Jahr 1930: „Unser Heil kann nicht beim sozialistischen Staat und nicht beim Staatssozialismus liegen.“ Das erklärt er im Alter von 69 Jahren. Er setzt jetzt auf die „freie Wirtschaft unter vernünftigen Sozialgesetzen von verantwortungsbewussten Leitern gemeistert“. Dass sich das Bild vom „roten Bosch“ hartnäckig hält, liegt übrigens an den Unternehmerkollegen. Bosch ist Außenseiter und pflegt keinen gesellschaftlichen Umgang mit Großindustriellen.
Ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle
Die Arbeiter haben bei ihm einen hohen Stellenwert. Als „gleichberechtigte Vertragspartner“ bezeichnet er sie. Er legt Wert auf humane Arbeitsbedingungen und ordentliche Löhne, die weit über dem Durchschnitt liegen. Vorreiter ist der Unternehmer auch bei der Arbeitszeitverkürzung, erst mit dem Neun-, dann ab 1906 mit dem Achtstundentag und den freien Samstagnachmittagen; Ostermontag, Himmelfahrt und der 1. Mai sind arbeitsfrei. Aus den Motiven für sein Handeln macht er keinen Hehl. „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle“, lautet die Erklärung für die eigene Geschäftspolitik.
Dass er 80 Jahre alt werden wird und am 12. März 1942 inmitten der Wirren des Krieges sterben und ihm eine nationalsozialistische Trauerfeier angedacht sein wird, der er niemals zugestimmt hätte, weiß er 21 Jahre zuvor auf dem Schiff noch nicht. Ebenso wenig weiß er hier, dass von seinem Unternehmen ab 1938 große Geldbeträge an die „Jüdische Mittelstelle“ gehen werden, um die Auswanderung inhaftierter Juden zu ermöglichen. Ferner hat er noch keine Ahnung, dass bei Bosch rassisch und politisch Verfolgte in den Betrieben untergebracht werden, um sie der Verfolgung zu entziehen und sogar vor dem Tod zu bewahren. Erspart bleiben ihm auch die Prozesse gegen Widerstandskämpfer und ihre Hinrichtungen nach dem 20. Juli 1944. Bosch verfolgte das Ziel, die westeuropäischen Staatsmänner vor der Gefährlichkeit des Nationalsozialismus zu warnen. Deshalb schloss er 1937 mit Carl Goerdeler einen Beschäftigungsvertrag ab, der eine ausgedehnte Reisetätigkeit legalisierte.
Doch dass es neben dem Unternehmen eine Vermögensverwaltung geben sollte, das bestimmt er auf seiner Überseereise: „Meine Absicht geht dahin, neben der Linderung von allerhand Not vor allem auf die Hebung der sittlichen, gesundheitlichen und geistigen Kräfte des Volkes hinzuwirken.“
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