Porträt Der Vater der Robotik

Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Frank Jablonski

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In der Servicerobotik liegt für Engelberger die Zukunft (im Bild: Schunk Care-O-bot).
In der Servicerobotik liegt für Engelberger die Zukunft (im Bild: Schunk Care-O-bot).
(Bild: Schunk)

Ein Roboter, der alten und kranken Menschen hilft, die richtige Medizin einzunehmen, das richtige Essen auszuwählen und ein komfortables Leben zu führen. So sah der 84-jährige Joseph Engelberger die Zukunft der Altenpflege. „Ich bin zu alt für diese Entwicklung und werde das nicht mehr erleben. Aber es wird kommen, dass ein Roboter das Aufpassen rund um die Uhr übernimmt“, sagte er in einem Interview. Und er sollte es wissen, denn bereits seit 1984 hat sich Engelberger mit seinem Unternehmen „Help-Mate“ der Automatisierung im Pflegebereich gewidmet. Davor prägte der studierte Physiker und Elektroingenieur nahezu 30 Jahre lang die industrielle Anwendung der Robotik. Am 26. Juli 2015 wird der „Vater der Robotik“ 90 Jahre alt.

1925 wird Joseph „Joe“ Engelberger in New York City geboren. Seit seiner Jugend ist er fasziniert von Robotern. Er verschlingt die Science-Fiction-Geschichten von Isaak Asamov. Rückblickend gesteht er im Alter von 85 Jahren in einem Interview mit einem 10-jährigen Mädchen: „Isaak Asamov was a robotist in writing. I wanted to become a robotist in building.“ Nach der Schule dient er ab 1942 fünf Jahre bei der Navy. Danach studiert er an der Columbia Universität, macht 1946 seinen Bachelor in Physik und schließt 1949 sein Studium mit einem Master in Elektrotechnik ab. Bereits mit 21 Jahren beginnt er, bei Manning Maxwell & Moore an Kontrollsystemen für Kernkraftwerke und Düsentriebwerke zu arbeiten. Mit nicht einmal 30 Jahren wird er dort Chefingenieur in der Flugzeugentwicklung.

Ohne Finanzierung geht gar nichts

1955 ist der Erfinder George Devol auf der Suche nach Geldgebern für seine Idee. Ein Jahr zuvor hat er seine „universal automation“ patentieren lassen. Engelberger ist fasziniert von der Idee und überzeugt seinen Arbeitgeber vom Bau des Industrieroboters. Devol verkauft sein Patent an Manning Maxwell & Moore, doch wenig später wird das Unternehmen verkauft. Engelberger und Devol finden einen neuen Geldgeber für die Übernahme der Abteilung. Dieser willigt ein, die weitere Entwicklung zu finanzieren. 1956 wird das Unternehmen „Unimation Incorporated“ mit Engelberger als Präsident aus der Taufe gehoben. „First of all you need finance, otherwise you got nothing“, erinnert sich Engelberger. Und dann folgen fünf Jahre Entwicklungsarbeit. Dabei arbeitet ein Team von Ingenieuren aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Softwareentwicklung zusammen. „Für den Unimate brauchten wir sechs wirklich gute Ingenieure und im weiteren Verlauf einige gute Techniker, die die Arbeit voranbringen.“ Ein digital gesteuertes System auf der Grundlage eines binären Systems ist gefragt, Hochleistungshydraulikventile und vieles mehr müssen konstruiert werden – und das im Jahre 1956! Kosten und Komplikationen zwingen das Team am Ende, eine Maschine mit fünf Freiheitsgraden anstatt sechs und zwei statt drei Handachsen zu bauen.

GM führt den ersten Industrie-Roboter ein

1961 ist es dann soweit. Engelberger und sein Team führen den „Unimate“, den ersten Industrieroboter auf einer Messe in Chicago vor. Im gleichen Jahr liefert das Unternehmen das erste Exemplar an General Motors aus. „Unimate“ führt hier zwei und dort zwei Metallstücke zusammen. Insgesamt gibt es ihn fünf Mal auf der Strecke der Karosseriefertigung. Es zeigt sich, dass der neue Helfer mehrere Schichten hintereinander weg malochen kann und dabei niemals müde wird. Bald arbeiten 450 Industrieroboter im Druckgusswerk von GM. 1966 erscheint Engelberger mit seinem Industrieroboter in einer Fernsehshow. Dort schenkt „Unimate“ ein Glas Bier ein, versenkt einen Golfball im Loch und dirigiert ein Orchester. Das alles natürlich im technologischen Zeitgeist, doch es funktioniert und die Zuschauer sind fasziniert.

Auch das wirtschaftlich aufstrebende Japan interessiert sich für die Robotik. 1969 unterzeichnet Unimation Inc. eine Lizenzvereinbarung mit Kawasaki, die die Herstellung und Vermarktung von Unimate-Robotern für den asiatischen Markt regelt. Und diese hält bis 1983. Die Industrieroboter werden stetig besser, die Japaner ziehen nach, die Amerikaner wiederum ebenso. Seit 1970 wird die Robotik auch in Deutschland produktiv eingesetzt. In den 80er-Jahren setzt die Automobilindustrie auf elektrisch gesteuerte Roboter, hydraulische werden zunehmend verdrängt – ein Trend, auf den Engelberger nicht von Anfang an setzt und letztlich zu spät reagiert. Spätestens seit GM 1981 eine Partnerschaft mit dem japanischen Technologiehersteller Fujitsu eingeht, gerät das Unternehmen Unimation unter Druck.

Automatisierung im Pflegebereich

Westinghouse kauft 1982 das Unternehmen und strukturiert vieles um. Zwei Jahre später verlässt Engelberger den Industrieroboter-Bereich und beschäftigt sich fortan mit der Automatisierung im Pflegebereich. Er gründet 1984 die Transistions Research Corporation, aus der später die Help-Mate Robotics Inc. wird. Der Vater der Robotik leitet dort bis 1999 die Geschäfte, bevor er sich mit 74 Jahren aus dem operativen Geschäft zurückzieht.

1997 erhält Engelberger den Japan-Preis für seine herausragenden Leistungen zum Aufbau der Robotik. Der 1977 gegründete amerikanische Interessenverband „Robotics Industries Association“ verleiht seit dem Jahre 2000 jährlich den Joseph-Engelberger-Award. Diese Auszeichnung erhalten Menschen, die besonders für die Förderung der Wissenschaft und Praxis der Robotik beigetragen haben.

Übrigens: Der modernste menschenähnliche Roboter heute heißt „Asimo“ und wurde von Honda entwickelt. Er ist 1,20 m groß, wiegt 54 kg, besitzt 34 Freiheitsgrade und kann 9 km/h schnell rennen. Usain Bolt lief bei seinem 100-Meter-Rekordlauf einen Spitzenwert von 44,6 km/h. Noch ist der Mensch fünf Mal schneller als ein Roboter – vielleicht ist es eines Tages umgekehrt.

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