Suchen

Werkzeugmaschinen Dr. Wilfried Schäfer im Interview

Autor: M. A. Benedikt Hofmann

Im Interview mit dem MM Maschinenmarkt gibt Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Verein Deutscher Werkzeugmaschinen­fabriken e. V. (VDW), Einblicke in den Zustand der Branche und erklärt, wie es für die Metav weitergeht.

Firmen zum Thema

Das Interview mit VDW-Geschäftsführer Dr. Wilfried Schäfer wurde aufgrund der aktuellen Situation per Videokonferenz geführt.
Das Interview mit VDW-Geschäftsführer Dr. Wilfried Schäfer wurde aufgrund der aktuellen Situation per Videokonferenz geführt.
(Bild: Uwe Nölke/VDW)

Herr Dr. Schäfer, die Coronaepidemie hatte natürlich auch Einfluss auf Ihre Mitgliedsunternehmen. Wie geht es der Branche aktuell?

Im Augenblick sind die Unternehmen sehr angespannt. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben wir schon Anfang des Jahres einen Rückgang in der Produktion für 2020 erwartet, da der Auftragseingang im Verlauf des Jahres 2019 und in der Prognose für 2020 rückläufig war. Darauf haben sich die Firmen eingestellt. Aber die dann hochflammende Coronasituation war natürlich nicht eingepreist. Die Lockdowns, aber vor allem die weltweiten Reisebeschränkungen haben die Unternehmen stark betroffen. Die Reisebeschränkungen wirken sich ja nicht nur auf die Kundengewinnung aus, sondern beispielsweise auch auf Themen wie Service oder Aftersales. Diese Kombination führt dazu, dass ein starker Rückgang erwartet wird. Eine Prognose abzugeben, wäre unlauter, aber wir sehen schon in den Zahlen für das erste Quartal ein Minus von 25 % im Auftragseingang. Wir gehen davon aus, dass wir uns im zweiten Quartal noch mal etwas nach unten bewegen.

Wie lange werden uns die Auswirkungen der Coronakrise nach Ihrer Einschätzung noch beschäftigen?

Das ist ganz schwer zu sagen und wäre reine Spekulation. Es gibt normale konjunkturelle Schwankungen, die die Firmen erwarten. Sie verfügen auch über Mechanismen, um diese zu bewältigen. Und es gab beispielsweise den außergewöhnlichen Schock durch die Finanzkrise. Aber auch die war klar zeitlich begrenzt. Jetzt haben wir einen schleichenden Risikofaktor, der immer da und schwer einzuschätzen ist. Das führt zu einer großen Verunsicherung, die sich negativ auf Investitionen auswirkt. Daran können nur ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament etwas ändern.

Trotz dieser Bedrohung sind die Unternehmen natürlich daran interessiert, ihren Geschäften möglichst ungestört nachgehen zu können. Wie ist die Position des VDW zum Thema Lockerung der Coronamaßnahmen?

Wir haben von Anfang an immer die Position der Bundesregierung und der Landesregierungen unterstützt, der Krise mit großer Verantwortung entgegenzutreten und ebenso mit den Lockerungen umzugehen. In Bezug auf die Lockerungen tragen aber auch jene große Verantwortung, denen diese zugutekommen. Wir brauchen in der neuen Bewegungsfreiheit ein angemessenes Verhalten, sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld. Wir sind mit den Unternehmen in einem engen Austausch. Und nicht nur wir, sondern auch der VDMA mit der gesamten Maschinenbau-Branche. Unser Eindruck ist, dass dort maximale Anstrengungen unternommen werden, um den Hygienestandards zu entsprechen. Das gilt übrigens auch für unsere Verbandsarbeit, auch wir sind auf digitale Kanäle umgestiegen.

Wie kann und muss die Politik den Unternehmen in dieser Ausnahmesituation helfen?

Natürlich betreiben die Unternehmen selbst ein Krisenmanagement. Viele haben aus der Finanzkrise gelernt. Und es liegt in der Verantwortung des einzelnen Unternehmens, Maßnahmen und Krisenpläne vorbereitet zu haben und nicht plötzlich überrascht zu werden. Dennoch reichen diese Vorkehrungen in einer solchen Situation häufig nicht aus. Daher war es richtig von der Politik, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen. Die Mehrwertsteuer herabzusetzen, war ein wichtiger Schritt, auch wenn das im Einzelnen nicht immer leicht umzusetzen ist. Die finanzielle Unterstützung in Form von Zuschüssen und Krediten ist gerade im Bereich der Klein- und Kleinstunternehmen sehr wichtig. Der entscheidenste Punkt, das zeigt die Vergangenheit, war die Verlängerung der Kurzarbeit. Das hilft, die Mitarbeiter an Bord zu halten und schnell reagieren zu können, wenn sich die Vorzeichen zum Besseren verändern. Auch der steuerliche Verlustrückgang ist ein wichtiges Instrument.

Viele Experten gehen davon aus, dass die Coronasituation der Digitalisierung in der Industrie einen Schub gab und geben wird. Sie haben sich gemeinsam mit dem VDMA und mit dem Standard Umati bereits vor der Krise intensiv um dieses Thema gekümmert. Fühlen Sie sich jetzt in diesen Aktivitäten bestätigt?

Ich möchte das eigentlich nicht mit dieser Krise in Zusammenhang bringen. Wir haben die Arbeiten an diesem Projekt bereits 2017 gestartet, als noch niemand eine solche Situation vorhersehen konnte. Der Grund dafür waren und sind Anforderungen an die Umsetzung von digitalen Geschäftsprozessen, die bis heute nicht durchgängig gelöst sind. Deswegen werden wir mit Nachdruck weiter daran arbeiten. Die Krise behindert uns dabei im Augenblick eher, zum Beispiel durch Kurzarbeit in den Firmen. Umati bleibt für uns weiterhin ein zentrales Thema.

Sind Digitalisierung und Automatisierung denn das Gegenmittel für die Krise, als das sie häufig propagiert werden?

Zunächst muss man sagen, Digitalisierung und Automatisierung sind keine Fragestellungen der Krise. Wichtig ist für die Unternehmen, Krisen- und Notfallpläne zu haben, wobei sich die richtigen Maßnahmen von Fall zu Fall unterscheiden können. Natürlich kann Digitalisierung an dieser Stelle helfen, zum Beispiel durch Remote-Service. Vielleicht ist hier ein neues Bewusstsein entstanden, bestehende Technik stärker umzusetzen. Die großen Defizite liegen momentan aber weniger bei den Firmen, sondern bei­spielsweise bei Schulen und Kinder­tagesstätten oder auch der digitalen Infrastruktur. Hier wurden zu wenige Fortschritte gemacht.

Wie sehr behindert die Absage nahezu aller Industriemessen das Geschäft Ihrer Mitgliedsunternehmen?

Unsere Gespräche der letzten Wochen haben gezeigt, dass Messen in der Investitionsgüter-Industrie weiterhin das wichtigste Marketinginstrument sind. Es gibt keinen Ersatz dafür, den Kunden neue Innovationen leibhaftig vorführen zu können. Daher hoffen alle, dass möglichst bald wieder Messen stattfinden können, was in der jetzigen Situation aber sehr schwierig ist.

Sie waren als VDW durch die Verschiebung der Metav ganz direkt von dieser Situation betroffen. Wie geht es für die Metav weiter?

Die Verschiebung war eine ganz schwierige Entscheidung, da es zu diesem Zeitpunkt noch kein generelles Verbot gab. Wir sind aber in die Verantwortung gegangen und haben gesagt, dass wir unseren Ausstellern nicht zumuten können, den Messeaufbau in dieser unsicheren Situation zu beginnen. Die Rückmeldungen aus der Branche zeigen, dass der Weg richtig war. Ich denke, auch deshalb gehen nahezu alle Aussteller mit uns den Weg in den März 2021 zur Metav reloaded. Bei den wenigen Absagen sind es wohl vorwiegend finanzielle Erwägungen aufgrund der aktuellen Situation.

Sie waren aber trotz der Verschiebung nicht untätig und haben mit den Metav Web-Sessions einen digitalen Eventkanal angeboten. Wie hat sich das Konzept in seiner ersten Runde bewährt und können Sie sich vorstellen, das in Zukunft zu wiederholen?

Aufgrund der zahlreichen Messeabsagen war uns klar, dass wir den Firmen eine Möglichkeit bieten müssen, mit den Kunden im Gespräch zu bleiben. So haben wir die Metav Web-Sessions in dieser ersten Fassung konzipiert, die sich über eine ganze Woche erstreckte. Dabei haben sich mehr als 80 Unternehmen für einen Slot registriert. Mit einem solchen, ich würde sagen fast einzigartigen, digitalen Format, hatten auch wir natürlich noch keine Erfahrung. Insgesamt haben sich aber 1600 Teilnehmer registriert, die sich insgesamt etwa 5000 Sessions angesehen haben. Das ist für uns ein Superergebnis. Auch die Rückmeldungen der User und Unternehmen sind sehr positiv. Daher werden wir die Web-Sessions in eine Serie umsetzen. Wir denken dabei an digitale Tagesevents, die jeweils ein Thema in den Mittelpunkt rücken.

(ID:46652427)

Über den Autor

M. A. Benedikt Hofmann

M. A. Benedikt Hofmann

Chefredakteur MM MaschinenMarkt