Porträt Ein Zeichen für geprüfte Sicherheit

Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Frank Jablonski

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Das VDE-Prüfzeichen kennen zwei Drittel der Deutschen als die Marke für elektrotechnische Sicherheit.
Das VDE-Prüfzeichen kennen zwei Drittel der Deutschen als die Marke für elektrotechnische Sicherheit.
(Bild: VDE)

Am 29. September 1920 wird in die Zeichenrolle des Reichspatentamtes ein Zeichen eingetragen und gesetzlich geschützt – ein gleichseitiges Dreieck mit abgerundeten Ecken, darin stehen drei Großbuchstaben: VDE. Seit 1893 besteht der Verband Deutscher Elektrotechniker; nun richtet er in der Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg eine Prüfstelle ein. Ihre Aufgabe: elektrotechnische Produkte auf Übereinstimmung mit den bestehenden VDE-Bestimmungen prüfen. Nur wenige Hersteller machen zunächst vom „VDE-Prüfzeichen“ Gebrauch, denn Deutschlands Wirtschaft steckt in einer schweren Krise. Inflation und Geldentwertung sind die Folge. Erst mit der Einführung der Rentenmark stabilisiert sich 1923 die Währung und ein Jahr später steigt die Zahl der Prüfanträge.

Von der Gründung bis zum Prüfzeichen

Doch zunächst zurück ins 19. Jahrhundert: Während die Elektrizität im deutschen Staatenbund zu Beginn des Jahrhunderts noch eine wissenschaftliche Spielerei ist, gilt sie ab den 1880er-Jahren im Kaiserreich als Motor der Industrialisierung. Elektrisches Licht und elektrische Antriebe prägen zunehmend die Industrienationen. Die Starkstromtechnik markiert dabei den Beginn einer flächendeckenden Elektrifizierung. Anfang des 20. Jahrhunderts kommt jedes zweite Elektroprodukt auf der Welt aus Deutschland – und davon wiederum die Hälfte aus der „Elektropolis Berlin“.

Diese nahezu stürmische Entwicklung der Elektrotechnik ist schwer zu kontrollieren. Ein Dachverband muss her. Und der wird im Januar 1893 gegründet. Dafür senden elektrotechnische Vereine aus ganz Deutschland 37 Delegierte in die Hauptstadt. Sie gründen den Verband Deutscher Elektrotechniker – den VDE. Die Ziele der Gründungsväter sind hoch: Standardisierung, Normung und Sicherheit. Und überhaupt wird überlegt, wie die Entwicklung der Elektrotechnik gefördert und zugleich kontrolliert werden kann. Vom 28. bis 30. September lädt der neu gegründete Verband zu seiner ersten Jahresversammlung nach Köln ein. Dort wird die erste technische Kommission des VDE gebildet. Ihre Aufgabe: das Erarbeiten von Vorschriften für elektrische Anlagen.

1895 erscheint die erste VDE-Vorschrift: Die „VDE 0100“ dient der sicheren Erstellung elektrotechnischer Anlagen. Zwei Jahre später treibt in Deutschland zum ersten Mal ein Elektromotor ein ganzes Walzwerk an. Spannungen bis zu 50.000 V ermöglichen die Übertragung und Verteilung elektrischer Energie über große Entfernungen. Ganze Städte werden nun mit der neuen Energie versorgt. Erste Überlandwerke entstehen. 1904 erscheint das erste „Normalienbuch“ des VDE. Auf 183 Seiten werden 17 Bestimmungen zur Elektrotechnik veröffentlicht. Zwölf Jahre nach seiner Gründung hat der VDE bereits 3600 Mitglieder, davon allein 16 elektrotechnische Vereine.

Auch das Thema Prüfstelle steht beim Verband früh auf der Tagesordnung, wird jedoch mehrmals verschoben. Bereits im Juni 1899 richtet die Sicherheitskommission des VDE eine Eingabe an den Vereinsvorstand: „Es ist wünschenswert, alle fertig gestellten elektrischen Anlagen auf der Basis der Sicherheitsvorschriften einer Abnahmeprüfung zu unterziehen“. Sieben Jahre später regt ein Vereinsmitglied die Errichtung einer zentralen Prüfstelle und die Vergabe eines Prüfzeichens an. Doch wiederum acht Jahre später bricht im August 1914 der Krieg aus und durchkreuzt alle strategischen Ideen. Der VDE befasst sich vier Jahre lang mit Rohstoffersparnis, Ersatzstoffverwertung und technischen Ausnahmebestimmungen. Und auch nach dem Krieg ist es um Qualität und Sicherheit vieler elektrischer Produkte nicht gut bestellt. Die Diskussion über die Einrichtung einer Prüfstelle wird erneut aufgenommen und es vergehen nach Kriegsende noch einmal zwei Jahre, bis es am 29. September 1920 schließlich so weit ist: 21 Jahre nach dem ersten Bestreben für eine VDE-Prüfstelle wird sie gegründet.

Bratofen, Hammerschlag und Fenstersturz

Nur wenige Unternehmen machen Gebrauch von der Prüfstelle. In der Zeit der Inflation werden aber viele Hersteller von Qualitätsproblemen geplagt. Geeignete Prüfverfahren müssen aber noch entwickelt werden. Daher wird in den frühen 20ern bei der Geräteprüfung derart improvisiert, dass man es heute kaum glauben mag. Wärmeisolierungen setzt man der Hitze eines Bratofens aus. Zum Feststellen der Gehäusestabilität genügt ein Hammerschlag und auf Nachfrage ergeht sogar der Rat, ein Gerät aus dem Fenster zu werfen, um seine Haltbarkeit zu testen. So finden in den ersten zwanzig Monaten des Bestehens der Prüfstelle lediglich 92 Untersuchungen statt. Bei nur 53 davon wird das VDE-Prüfzeichen genehmigt.

1923 stabilisiert sich die deutsche Wirtschaft und die Zahl der Anträge steigt. Die Prüfstelle befasst sich inzwischen auch mit Koch- und Heizgeräten, elektromedizinischen Apparaten, galvanischen Elementen und elektrischen Spielsachen. Ab 1929 gibt es die „Satzung für das Prüf- und Zertifizierungswesen“. Sie ist fortan die Grundlage für alle Prüfungen. 1930 bearbeitet die Prüfstelle bereits 2950 Anträge und fast 4000 Produkte tragen das VDE-Prüfzeichen. Und die Zahl der Prüfungen steigt weiter an, bis schließlich der Zweite Weltkrieg ausbricht und 1943 die VDE-Prüfstelle ihren Berliner Standort wegen der starken Luftangriffe aufgeben muss. Nach schweren Anfängen gründet sich der Verband am 23. März 1950 neu und hat seither seinen Sitz im Rhein-Main-Gebiet.

Der VDE ist heute mit 34.000 Mitgliedern einer der größten technisch-wissenschaftlichen Verbände Europas und eine internationale Expertenplattform für Wissenschaft, Normen und die Prüfung elektrotechnischer Produkte. Das VDE-Prüfzeichen kennen zwei Drittel der Deutschen als die Marke für elektrotechnische Sicherheit. Am 29. September 2015 wird es 95 Jahre alt.

((Übersatz für Online-Variante))

Übrigens war in den 1920ern Strom noch derart neu, dass der VDE für die Verbreitung von Elektrogeräten geworben hat. Hilfe bot dabei nicht nur das Logo, sondern auch der „Elektrikus“. Sein Kopf: eine Glühlampe. Sein Körper: eine Steckdose. Vielleicht wird er ja eines Tages wieder zum Leben erweckt. Er würde sicher Leben in all die Normen, Vorschriften und Prüfverfahren bringen.

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