Forderungen der Automobilindustrie an den Maschinenbau

Redakteur: MM

Die VDA 6.4 und das Tooling and Equipment Supplement (TES) bündeln die Forderungen der Automobilindustrie an die Lieferanten von Produktionsmitteln. Was dies für den Maschinen- und Anlagenbau...

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Die VDA 6.4 und das Tooling and Equipment Supplement (TES) bündeln die Forderungen der Automobilindustrie an die Lieferanten von Produktionsmitteln. Was dies für den Maschinen- und Anlagenbau bedeutet, erläutert Dr. Frank Bünting, VDMA. MM: Viele Unternehmen haben bei der Einführung der ISO 9000ff. vor einigen Jahren über unnötigen Bürokratismus geklagt. Was kommt mit der TES oder der VDA 6.4 auf die Unternehmen zu?Bünting: Der Aufbau eines QM-Systems sollte immer den konkreten Nutzen haben, die Schnittstellenprobleme in den Unternehmen abzubauen, die Prozessabläufe zu optimieren und die Bedürfnisse des Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Konkret werden mit der TES oder der VDA 6.4 die Bedürfnisse einer ganz bestimmten Abnehmerklientel - der Automobil- und Automobilzulieferindustrie - in den Vordergrund gerückt. MM: Bedeutet das noch mehr Aufwand - oder auch einen konkreten Nutzen?Bünting: Es besteht ganz offensichtlich die Gefahr, dass mit den erweiterten Forderungen auch ein erhöhter Bürokratismus und Dokumentationsaufwand in den Unternehmen einzieht. Dies liegt nicht so sehr an den erweiterten Forderungen, als viel- mehr in der Art und Weise, wie die Unternehmen mit diesen Mehrforderungen umgehen. Als Faustgröße gilt, dass ein wirksames QM-System ein Einsparungspotenzial von 20 bis 30% beinhaltet, was jedoch geschmälert wird durch einen notwendigen, formalistischen Aufwand von etwa 10%. Leider ist in der Industrie zu beobachten, dass sich dieses Verhältnis umkehrt, weil die Chancen, die in diesem System liegen, nicht genutzt werden und der Bürokratismus übertrieben wird. MM: Mit welcher Verbreitung der TES oder VDA 6.4 im Maschinen- und Anlagenbau rechnen Sie?Bünting: Eine Erhebung in den Reihen des VDMA hat gezeigt, dass etwa 25% der Branche heute schon direkt in die Automobil- und Automobilzulieferindustrie liefert und weitere 25% liefern in der 2. und 3. Linie. Langfristig gesehen wird ungefähr die Hälfte der Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau mit den Forderungen von TES und VDA 6.4 konfrontiert. Ob dies zwingend notwendigerweise immer Zertifizierungsaufforderungen sind, bleibt abzuwarten. Ich rechne damit, dass in den nächsten fünf Jahren 10 bis 25% der Investitionsgüterindustrie mit den Forderungen von VDA 6.4 konkret konfrontiert werden.MM: Wer muss sich nach diesen Normen zertifizieren lassen? Bünting: Die Automobilindustrie unterteilt ihre Lieferanten prinzipiell in zwei Gruppen. Einerseits die Lieferanten von Produktionsteilen und andererseits die Lieferanten von Produktionsmitteln. VDA 6.4 und TES gelten ausschließlich für Produktionsmittellieferanten. MM: Können Sie Beispiele nennen?Bünting: Derzeit konzentrieren sich die Zertifizierungsforderungen auf Unternehmen, die so genannte ,,Qualitätssensitive Lieferanten" sind. Dies sind derzeit Hersteller von Bearbeitungsmaschinen, Montageanlagen und Robotern, Schweißmaschinenanlagen, Gießerei- und Härteanlagen, Oberflächentechnik und Fördertechnik, Mess- und Prüfanlagen, Späneentsorgungsanlagen, Werkzeugen für spanende und spanlose Umformung.MM: Ist es von Bedeutung, ob ein Unternehmen Serienfertiger oder Einzelfertiger ist? Bünting: Es spielt keine Rolle, ob das Unternehmen Serienfertiger oder Einzelfertiger ist, auch die Unternehmensgröße spielt keine Rolle. Ausschlaggebendes Kriterium derzeit ist einzig und allein der kritische Pfad in der Prozesskette der Kunden. Dies führt dazu, dass sowohl große Unternehmen wie Kuka mit diesen Forderungen konfrontiert werden als auch kleine Unternehmen, die Spezialmaschinen herstellen und zum Teil nur zwölf Mitarbeiter beschäftigen.MM: Wie lange dauert die Umstellung von ISO 9001 auf TES oder VDA 6.4?Bünting: Die Erfahrungen zeigen, dass ein Umstellungsprozess von 15 Monaten im Durchschnitt angesetzt werden muss. Dies beinhaltet eine dreimonatige Anpassungsphase der Verfahren und der Dokumentation und ungefähr eine einjährige Lernphase. Die Regelkreise müssen etabliert und durchlaufen werden, um zu sehen, ob das System wirklich funktioniert.MM: Wie lange wird es dauern, bis ein TES- oder VDA-6.4-Zertifikat in bestimmten Branchen mehr oder weniger ,,Pflicht" ist? Bünting: Hier gibt es zwei Richtungen: Während die europäischen Hersteller primär auf VDA 6.4 setzen und dieses vermehrt von ihren Lieferanten fordern, tut sich die TES derzeit schwer, sich in Europa durchzusetzen. Nachdem im Juni letzten Jahres auch Ford eine stringente TES-Zertifizierungsforderung zurückgenommen hat und lediglich den Nachweis für die Forderungen im Rahmen des Q1 Awards fordert, bleibt offen inwieweit sich dieser Standard durchsetzen wird. Heute sieht es so aus, dass VDA 6.4 zunächst in Europa und von den europäischen Herstellern über die ganze Welt etabliert wird. Bis es soweit ist, dass die VDA 6.4 oder die TES-Zertifizierung zu einer Pflicht in der Branche wird, werden sicher noch einige Jahre vergehen.MM: Ersetzt die ,,neue" ISO 9000:2000 die TES und VDA 6.4? Bünting: Nein! Die ISO 9000:2000 ist eine Basisnorm. Sie hat zum Ziel für alle Unternehmensbereiche im produzierenden und Dienstleistungsgewerbe zu gelten. TES und VDA 6.4 haben einen anderen Fokus, denn sie gelten ausschließlich für die Produktionsmittellieferanten in der Automobilindustrie. MM: Gibt es gravierende Unterschiede zwischen TES und VDA 6.4? Bünting: Die Grundausrichtung der amerikanischen Forderungen TES erfordert einen wesentlich höheren Dokumentationsaufwand verbunden mit einer klaren Anweisung, welche Qualitätsinstrumente genutzt werden. Auf der anderen Seite steht die Konzeption von VDA 6.4, die wesentlich stärker auf das Qualifikationsniveau der europäischen Industrie ausgerichtet ist. Es werden Aufgaben beschrieben, jedoch werden nur Beispiele gegeben, welche Methoden herangezogen werden können. Unternehmen, die die Wahl haben, sind in Europa immer mit VDA 6.4 besser bedient. Sollte eine Kombi-Zertifizierung notwendig sein, so erschlagen sie mit allen formalen Forderungen der TES gleichzeitig auch VDA 6.4.MM: Gibt es noch weitere Unterschiede?Bünting: Einer der gravierendsten Unterschiede sind die in der TES formulierten ,,Run Off Requirements". Hier wird eine standardisierte Produktabnahmeprozedur in diesem Forderungskatalog festgeschrieben, der die einzelnen Schritte beim Lieferanten und bei der Abnahme beim Kunden festschreibt. Dies ist in VDA 6.4 ganz bewusst vermieden worden, weil sich aufgrund der Maschinen- und Anlagenvielfalt gerade mit diesem ,,Run Off Requirements" erhebliche Probleme im täglichen Geschäft ergeben.MM: Welche Forderung von TES und VDA 6.4 geht wesentlich über die Forderungen der ISO 9000 hinaus?Bünting: Betrachtet man sehr kritisch die Inhalte der Forderungen von TES und VDA 6.4, so wird sehr schnell deutlich, dass im Gegensatz zur ISO 9001 die Führungselemente eine wesentlich höhere Gewichtung haben. Strategische Geschäftsplanung, Ableitung von Zielen, konkrete Vorgaben für Zielgrößen sind nur einige Punkte, die zu nennen sind. Darüber hinaus werden in der TES sehr stark die Hilfsmittel zum Thema ,,Reliability and Maintainability" herangezogen. In VDA 6.4 kommt zusätzlich hinzu, dass Betrachtungen bezüglich der Prozessentwicklung im eigenen Unternehmen wesentlicher Bestandteil sind. MM: Müssen Unternehmen, die nach ISO 9000:1994 zertifiziert sind anders an eine Zertifizierung nach TES oder VDA 6.4 herangehen als Unternehmen, die nach ISO 9000:2000 zertifiziert sind? Bünting: Prinzipiell stellen sowohl die ISO 9000 als auch die Forderungskataloge TES und VDA 6.4 inhaltliche Forderungen an ein Managementsystem. Von daher gesehen ist es egal, ob es eine element- oder prozessorientierte Aufbaustruktur eines Managementsystems gibt. In der Praxis ist es jedoch so, dass sich die Unternehmen, die ein System nach ISO 9000:1994 haben, bei der Umsetzung der Forderungen nach TES leichter tun. Unternehmen, die sich nach ISO 9000:2000 ausgerichtet haben, wird es leichter fallen, die großen Regelkreise zur Beobachtung der Produktlebenszyklen, die sowohl in VDA 6.4 als auch in TES gefordert werden, abzubilden.MM: Worauf müssen gerade kleine und mittelständische Unternehmen achten?Bünting: Die große Herausforderung für die Branche wird sein, einen Wissensvorsprung, den die Automobilindustrie zusammen mit ihren Zulieferanten in puncto QM-Systeme über 12 bis 15 Jahre aufgebaut hat, in kürzerer Zeit nachzuholen. Dass dies nicht so einfach ist, zeigt sich schon daran, dass es derzeit nicht sehr viele qualifizierte Berater und Mitarbeiter in den Unternehmen gibt, die diese Anforderungen umsetzen könnten. Leider ist es ein Trugschluss, zu versuchen, die Erfahrungen von VDA 6.1 und QS-9000 1:1 auf den Maschinenbau zu übertragen. Ein Unternehmen, das vor der Frage steht: ,,Welchen Berater soll ich nehmen?", sollte sich im Auswahlverfahren von ihm erklären lassen, welche Forderungen in TES oder in VDA 6.4 sich auf das eigene Produkt des Lieferanten beziehen und welche auf das Produkt, das mit der Maschine, dem Werkzeug oder der Anlage des Lieferanten hergestellt wird. Hier trennt sich sehr oft schon die Spreu vom Weizen.