Forschung und Entwicklung zur Chefsache machen

Redakteur: Dietmar Kuhn

Im Rahmen einer F & E-Benchmarking-Studie des WZL in Aachen wurden fünf Unternehmen des deutschen Maschinenbaus mit dem Prädikat Successful Practice ausgezeichnet....

Anbieter zum Thema

Im Rahmen einer F & E-Benchmarking-Studie des WZL in Aachen wurden fünf Unternehmen des deutschen Maschinenbaus mit dem Prädikat Successful Practice ausgezeichnetIn der Handelsblatt-Ausgabe vom 29. Oktober 2002 konnten die Leser unter dem Titel „Bei der Forschung ist Deutschland Mittelmaß“ erfahren, dass unser Land - neben anderen europäischen Ländern - nach wie vor zu wenig für die wirtschaftliche Zukunft ausgibt. Demnach liege Deutschland deutlich hinter den Ländern Schweiz, USA, Schweden, Korea und Finnland. Bezug wurde dabei auf das Ergebnis einer Studie der Pariser Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) genommen. Im weiteren Verlauf des Artikels jedoch wurde der industriellen Forschung in Deutschland eine „existenzielle Bedeutung“ zugeschrieben, die letztlich durch rationellere Formen der Produktionsabläufe als auch durch Verbesserung der Produkte in eine höhere Produktivität münde. Über die Hintergründe der industriellen Forschung wurden jedoch keine Aussagen gemacht.Dafür aber interessierte sich Prof. Günther Schuh vom Lehrstuhl für Produktionssystematik am Laboratorium für Werkzeugmaschinen und Betriebslehre am WZL der RWTH Aachen und initiierte kurzerhand ein F & E-Benchmarking im Maschinenbau.Begonnen hat das mit der Installation eines Konsortiums aus hochkarätigen Industrieunternehmen dem Vertreter beziehungsweise die Geschäftsführer von Windmöller & Hölscher, Roschiwal + Partner, Schlafhorst, Philips und Becker Vakuumpumpen angehörten.Ziel dieses Konsortium, das vom Aachener WZL begleitet wurde, war es, erfolgreiche Ansätze und Konzepte der Forschung und Entwicklung - die so genannten „Successful Practices“ - bei führenden Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau zu identifizieren. Der Schwerpunkt der Untersuchung lag dabei in den Bereichen F & E-Strategie, Kooperationsmanagement, Projektmanagement sowie Technologiemonitoring. Nur die Besten überlebten alle Stufen des AuswahlverfahrensDie Jury bestand aus Prof. Günther Schuh und den Geschäftsführern der eben genannten Unternehmen. Untersucht wurden insgesamt 315 Unternehmen im Bereich Maschinen- und Anlagenbau, die in mehreren Stufen des Auswahlverfahrens einer Beurteilung unterzogen wurden. Die Beurteilungskriterien die das Konsortium manifestierte, wurden ab November 2002 aus den aktuellen Problemen der F & E im Maschinen- und Anlagebau entwickelt. Daraus entstand ein aus 80 Unterpunkten bestehender Fragebogen der in der so genannten „Screening-Phase“ an die F & E-Verantwortlichen aller relevanten Unternehmen verschickt wurde. Neben den allgemeinen Unternehmensdaten wie zum Beispiel Umsatzentwicklung oder das Budget für Forschung und Entwicklung erhielt dieser auch Fragen aus den Bereichen Projektmanagement, Technologiemonitoring, F & E-Strategie und F & E-Kooperation. Die zurückgesandten Fragebögen wurden anschließend von den Mitarbeitern des WZL ausgewertet und analysiert. Ausführliche Interviews mit den vielversprechendsten Kandidaten führten anschließend zu detaillierten aber anonym dargestellten Fallstudien, die im Rahmen eines Review-Meetings Anfang März 2003 den Konsortialpartnern vorgestellt wurden. Das Konsortium wählte auf dieser Grundlage die fünf besten Unternehmen wozu sich die Chrion Werke GmbH aus Tuttlingen, die Pfeiffer Vacuum GmbH, aus Asslar, die Teamtechnik Maschinen und Anlagen GmbH aus Freiberg/Neckar, die Trumpf GmbH aus Ditzingen sowie die Trützschler GmbH Textilmaschinenfabrik aus Mönchengladbach zählen durften, aus. Schuh nannte die Bereitschaft der teilnehmenden Unternehmen „ein Schritt der Mutigen“.„Insgesamt, so Schuh, „lassen sich die Ergebnisse an 13 Thesen festmachen.“ Diese wurden während der Abschlusskonferenz mit Präsentation der ausgezeichneten Unternehmen durch die jeweiligen F & E-Leiter am 12. Juni 2003 in Düsseldorf nun auch bestätigt, wenn auch je nach Fertigungszweig leichte Unterschiede bei den einzelnen Kandidaten auszumachen waren.Demnach gilt es in den offenbar erfolgreichen F & E- Unternehmen, dass die Geschäftsleitung direkt in die F & E-Aktivitäten eingebunden ist und zwar soweit, dass sie frühzeitig über Ideen- und die Projektauswahl entscheiden kann. Das Urteilsvermögen wird durch regelmäßige und effiziente Sitzungen mit der Geschäftsleitung und der Projektmitarbeiter unterstützt. Hubert Reinisch, Entwicklungsleiter bei Teamtechnik konstatiert in diesem Zusammenhang: „F & E ist die Keimzelle für das gesamte Unternehmen“, Stefan Schlichter von Trützschler ist beispielsweise als Entwicklungsleiter direkt der Geschäftsleitung angegliedert.Produktentwicklung mit dem „Lead User“ betreibenWeitere interessante Erkenntnisse war die These mit dem „Mut zum Elfenbeinturm“, wonach der „Spinner“ Entwicklung mit eigenem Budget und ohne Kundeneinfluss betreiben darf. Dass das nicht immer ganz stimmig ist, das unterstrich Hubert Reinisch damit, dass „F& E-kein Elfenbeinturm ist, weil F & E in die übrigen Unternehmensfunktionen eingebettet ist.“F & E ist nichts für Amateure und kann auch nicht „mal so nebenbei“ erledigt werden. Diese These wird schon allein durch die Einbindung der Geschäftsleitung teilweise widerlegt. So war von allen Referenten während der Präsentation zu hören, dass die Verantwortung und Rolle des F & E-Projektleiters klar definiert ist und in den jeweiligen Unternehmen auch kommuniziert wird. Diese Tatsache wird zusätzlich noch durch die Herausstellung des entsprechenden Status verstärkt. In vielen Fällen bleibt der Projektleiter beziehungsweise Konstrukteur auch in der Folgezeit in der Produktverantwortung, praktisch als „Life Cycle Manager“.Eine bedeutende und entscheidende Aussage wurde auch hinsichtlich der „Lead User“-Funktion getroffen. So beginnt in manchem Unternehmen die Produktentwicklung mit der Kundenauswahl, dem so genannten „Lead User“, wobei sich die Entwicklungsziele an diesem orientieren und die Produktentwicklung mit diesem auch gemeinsam beispielsweise in Kreativitätsworkshops durchgeführt wird um die Treffsicherheit innovativer Ideen zu erhöhen. Was damit gemeint war, machte Dirk Prust als stellvertretender Geschäftsführer und Entwicklungsleiter der Chiron-Werke in Tuttlingen deutlich: „Als typischer Outsourcer betreiben wir sehr viel Entwicklungsarbeit mit unseren Kunden und Lieferanten, wobei wir uns das letzte Wort in jedem Fall vorbehalten.“Dass F & E auch etwas mit Methode zu tun hat unterstrich Schuh mit der Aussage: „Die wirklich guten zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Methoden nicht nur buchstabieren sondern auch anwenden können“. Einer der dies offenbar sehr gut beherrscht ist die Trumpf Gruppe in Ditzingen. Dort arbeiten die Entwickler konsequent und umfassend mit TRIZ, QFD, FMEA, Target Costing, 635 und anderen etablierten und bewährten Methodenwerkzeugen. Wer Trumpf kennt, der weiß welche Innovationskraft in diesem Unternehmen steckt. Denn Besucher können auf fast jeder Fachmesse an der Trumpf teilnimmt den Grundgedanken der dort angewandten Methode zur Produktentwicklung TRIZ: „technisch-wissenschaftliche Probleme ohne Kompromisse lösen“ live erleben.Unternehmen, deren Mitarbeiter die Methodenkompetenz und Managementfähigkeit besitzen, F & E als zentralen Knoten im Unternehmen begreifen und leben, das Target Costing beherrschen, sich mit ihrer Produktentwicklung am Markt orientieren und F & E zur Chefsache machen, haben eine wesentlichen Schritt zur Zukunftssicherung des Unternehmens getan.

Artikelfiles und Artikellinks