Produktpiraterie Investitionsgüterindustrie erleidet jährlich 4,5 Mrd. Euro Schaden

Autor / Redakteur: Reinhold Schäfer / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Gefälschte Produkte findet man heutzutage fast allerorten. Überall werden Produkte kopiert auf neu getrimmt oder oder sie gleichen einem Markenprodukt dermaßen, dass man es leicht verwechseln kann. Es ist jedoch nicht nur der wirtschaftliche Schaden, der im Endeffekt uns alle schadet. Geht es um Produkte, die sicherheitsrelevant sind, kann dies sogar tödlich sein.

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Wer war nicht schon der Versuchung erlegen, ein günstiges Schnäppchen im Urlaub zu machen? Das tolle Lacoste-T-Shirt kostet in Deutschland doch mehr als das Doppelte. Und die Marken-Rolex-Uhr – in Deutschland kostet sie ein kleines Vermögen – ist beim Händler des Vertrauens in der Silom-Road in Bankok für umgerechnet schlappe 20 Euro zu haben.

Doch oft währt die Freude an dem „preiswerten Markenartikel“ nicht lange. Das Uhrgehäuse erweist sich als nicht so wasserdicht wie die Original-Rolex- und beim Lacoste-T-Shirt löst sich der Schriftzug verdächtig schnell auf.

Den Mangel beim Hersteller anzuzeigen kann man sich ruhig sparen, denn eigentlich hatte man es ja geahnt oder es schon gewusst: bei den günstigen Markenprodukten handelt es sich um nichts anderes als um billige Plagiate renommierter Hersteller.

Nun kann mit solchen Produkten nicht viel passieren, abgesehen davon, dass sie eventuell schnell im Müll landen. Doch etwas anderes ist es, wenn es sich bei den Produkten beispielsweise um pharmazeutische Produkte handelt: Schnell erweisen sich die mitgebrachten Tabletten aus Südamerika als hoch belastetete Chemieprodukte mit vielen Nebenwirkungen.

Liste an gefälschten Produkte ist endlos

Die List der gefälschten Produkte lässt sich fast endlos lange erweitern. Sie reicht von Software (auch bei der Microsoft-XP-Kopie von einem Freund handelt es sich um Produktpiraterie) bis zu Medikamenten, von Autoersatzteilen bis zu Zigaretten, von Parfums bis zu Bekleidung und Schuhen.

Das Fälschen von Produkten ist dabei nicht nur ein Problem, das auf bestimmte Regionen beschränkt wäre, die Produkte werden über all auf dem Globus hergestellt und verkauft. Beschleunigt wird diese Entwicklung vom transnationalen Handel und den offenen Grenzen.

Auch in Deutschland wird gefälscht und Raubkopien werden auch in Deutschland vertrieben: So fand man im vorigen Jahr Wälzlager im Wert von 8 Mio. Euro bei einem Händler in der Nähe von Erlangen.

Gefälschte Wälzlager sind gefährlich und kosten Arbeitsplätze

Um das Problem auch der weiten Öffentlichkeit zu vergegenwärtigen, haben die beiden betroffenen Wälzlager-Weltmarktführer SKF und die Schaeffler Gruppe diese gefälschten Wälzlager (etwa 40 Tonnen) auf dem Gelände des FAG-Werks in Schweinfurt zerstört. „Mit dieser gemeinsamen Aktion machen wir darauf aufmerksam, dass Marken- und Produktpiraterie kein Phänomen ist, das sich auf China oder Südosteuropa beschränkt, sondern hier vor unserer Haustür stattfindet“, erklärte Hans-Jürgen Goslar, Geschäftleitungsmitglied der Schaeffler KG.

Denn die gefälschten Produkte mit den Markenaufdrucken INA, FAG und SKF wurden bei einem fränkischen Wälzlagerhändler aufgebracht. „Es sind also nicht mehr nur gefälschte Luxus- oder Konsumgüter, die den deutschen und europäischen Markt überschwemmen, sondern zunehmend auch sicherheitsrelevante Industrieprodukte wie Wälzlager“, sagte Goslar weiter. „Deshalb arbeiten wir hier über Unternehmens- und Wettbewerbsgrenzen hinweg intensiv zusammen.“

Anonymer Hinweis führte zu gefälschten Produkten

Dem Fund der gefälschten Wälzlager in Franken vorausgegangen waren umfangreiche und mehrmonatige Ermittlungen. Auslöser war ein Hinweis, dem die beiden Unternehmen gemeinsam nachgegangen sind. Als ausreichende Verdachtsmomente vorlagen, schalteten sie die Staatsanwaltschaft ein, schließlich durchsuchte die Kriminalpolizei die Lagerräume des Händlers.

„Der wirtschaftliche Schaden, der allein unseren Unternehmen durch die Fälschungen entstehen, ist schwer zu beziffern“, schildert die Juristin Ingrid Bichelmeir-Böhn, Anti-Piraterie-Koordinatorin der Schaeffler Gruppe. Denn außer den entgangenen Verkaufserlösen und dem deutlichen Imageschaden durch die minderwertige Ware, der sich auf das Folgegeschäft auswirkt, entstehen enorme Kosten für Ermittlung, Sicherstellung und fachgerechte Entsorgung der Lager. Dies bedarf großer Sicherheitsvorkehrungen. Denn nur die vollständige Vernichtung der Fälschungen beseitigt endgültig die Gefahr für den Verbraucher.

Kunden sind Hauptgeschädigte

Geschädigt werden aber nicht nur die Unternehmen, die Markenwaren herstellen und aufwändig Forschung, Entwicklung und Qualitätssicherung betreiben, sondern auch die Firmen, die solche Teile einbauen. Die Hauptgeschädigten sind jedoch deren Kunden. Denn solche Wälzlager sind in so ziemlich allem eingebaut, was sich dreht – von der Werkzeugmaschine über Windkraftanlagen, Inline-Skates, Röntgen-geräten bis zu Straßen- und Schienenfahrzeugen. „Wälzlager gehören zu den sicherheitsrelevanten Bauteilen, deren Ausfall verheerende Schäden oder Unfälle zur Folge haben können“, erläutert Claus-D. Schulz, Direktor Zentralbereich Recht und Mitglied der Geschäftsleitung der SKF GmbH.

Gefährliche Unfälle drohen

Minderwertige Produkte können deshalb nicht nur zu teueren Stillständen, sondern auch zu gefährlichen Unfällen führen – man stelle sich vor, bei einer rasanten Kurvenfahrt bricht das Radlager am Auto. Der ehemalige Rennfahrer Mika Häkkinen kann ein Lied davon singen: Er hatte 1998 beim Großen Preis von San Marino das Ziel nicht erreicht, da er bereits zu einem frühen Zeitpunkt in Führung liegend aufgeben musste. Grund: Ein gefälschtes Kugellager hielt den Belastungen des Rennens nicht stand.

Dabei hatte Häkkinen noch Glück im Unglück - er hat diesen Ausfall gesund überstanden. In anderen Fällen können gefälschte Bauteile durchaus zu schlimmen Unfällen führen. Ein Beispiel ist der Absturz einer norwegischen Passagiermaschine 1989 auf dem Weg von Oslo nach Hamburg. Alle 55 Insassen starben damals. Ursache war eine gefälschte Schraube.

Wirtschaftlicher Schaden wird auf 4,5 Mrd. Euro geschätzt

Dass die Fälschung von Industrieprodukten die deutsche Wirtschaft erheblich schädigt, Arbeitsplätze vernichtet und eine Gefahr für Leib und Leben darstellt, belegen auch die Zahlen: Der Fachverband Werkzeugindustrie geht davon aus, dass rund 3500 Arbeitsunfälle pro Jahr in Deutschland allein im gewerblichen Bereich auf Plagiate zurückzuführen sind. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) schätzt den wirtschaftlichen Schaden für die Investitionsgüterindustrie auf 4,5 Milliarden Euro – pro Jahr.

„Ohne Marken- und Produktpiraterie“, davon geht Doris Möller, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Aktionskreis deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie e.V. (APM), aus, „gäbe es in Deutschland 70000 Arbeitsplätze mehr.“ Im Zeitraum von 1998 bs 2005 sind nach Aussage von Doris Möller die Aufgriffszahlen um 1000% gestiegen.

Zur Zeit kann der Aktionskreis jährlich maximal 800 bis 1000 Fälle bearbeiten. Weltweit größter Fall war das Aufgreifen von 119 Containern mit gefälschten Produkten im Hamburger Hafen. „Dies geschah nur durch Zufall, eigentlich war der Zoll auf der Suche nach unverzollten Zigaretten“, so Doris Möller.

Erscheinungsformen der Produktpiraterie

Die Produktpiraterie lässt sich laut Claus-D. Schulz auch nach ihrer Erscheinungsform einteilen. So gebe es sowohl Fälschungen von Produkten oder auch Verpackungen versehen mit den Markenaufdrucken als auch aufgearbeitet Altteile (oder Schrott) sowie den Verkauf von gelaufenen Teilen in gefälschten Verpackungen oder alten Original-Verpackungen. Als dritte Kategorie nennt er so genannte „Look-Alikes“, also gefälschte Produkte und Verpackungen mit einem geringfügig geänderten Markennamen (statt FAG zum Beispiel FATE oder FACE und statt SKF etwa SKK). Dazu kommen noch Kopien von Werbemittel und Katalogen sowie die Herstellung von patentrechtlich geschützter Produkte durch Nachahmen und dem Verkauf unter eigener Marke.

Nach der Einschätzung von Bichelmeier-Böhn ist der Kampf gegen die Piraten nur dann Erfolg versprechend, wenn man permanent am Ball bleibt: Ein erster Ansatzpunkt ist die enge Zusammenarbeit mit den Behörden entlang der Vertriebswege. Die Schaeffler Gruppe und SKF bemühen Anwaltskanzleien und scheuen auch nicht den Einsatz von Detektiven. Zudem schulen die Unternehmen Zollbeamte und Händler, um gefälschte Produkte besser erkennen zu können.

Fälscher nutzen moderne Produktionsmethoden

Das Erkennen von Fälschungen ist gar nicht mehr so einfach. Auch die Fälscher nutzen moderne Produktionsmethoden. Damit wird es immer schwieriger, Originale von Fälschungen optisch zu unterscheiden. In der Funktionalität und in der Qualität ist dies anders. Doch das merkt man leider erst dann, wenn es zu spät ist.

Wie kann sich ein Käufer davor schützen, gefälschte Teile zu erwerben? Nach Aussage von Schulz geht dies im Prinzip nur dadurch, dass er die Lager aus 100-prozentig sicherer Quelle erwirbt. Und das ist der Hersteller und sein Vertragshändler, nicht der Graumarkt.

„Dies ist auch vor dem Hintergrund der Gewährleistung wichtig“, so Schulz. „Verkäufer und Käufer von gefälschten Lagern können im Bedarfsfall nicht auf die Produkthaftung des Herstellers zurückgreifen. Im Gegenteil: Der Staatsanwalt wird sich ihrer annehmen. Darüber hinaus sollte der Käufer bei auffällig günstigen Angeboten die Experten der Originalhersteller zu Rate ziehen. Nur diese können mit Sicherheit sagen, ob es sich um Original oder Fälschung handelt.“

Bei Käufen über Ebay im Internet sei ersteres jedoch eher unwahrscheinlich. Hier finde man zudem häufig nur Teile, die in einem Museum besser aufgehoben wären. Eines sei klar: Ob der Händler die Fakes über Ebay oder über die Ladentheke verkauft - strafbar macht er sich in jedem Fall.

Scanner entlarvt Ersatzteil-Plagiate

Doch Hilfe gibt es auch von technischer Seite. Denn Siemens hat einen Hochleistungsscanner entwickelt, der blitzschnell falsche oder veraltete Ersatzteile erkennen soll. Wie das Forschungsmagazin „Pictures of the Future“ berichtet, hat Siemens ein Lesegerät entwickelt, das so genannte Data-Matrix-Codes (DMC) in weniger als 100 Millisekunden liest, digitalisiert und auswertet. In der Automobil- sowie Luft- und Raumfahrtindustrie soll der Scanner Simatic Hawkeye schon bald Ersatzteil-Plagiate entlarven, indem er die Echtheit der zweidimensionalen Barcodes in wenigen Sekunden via Internet direkt beim Produkthersteller überprüft.

Data-Matrix-Codes benötigen im Vergleich zum weiter verbreiteten eindimensionalen Strichcode 100-mal weniger Platz für den gleichen Informationsgehalt. Der DMC könne zudem aus allen Winkeln gescannt und wegen redundanter Daten noch gelesen werden, wenn einzelne Bereiche zerstört sind. Heute verwendet beispielsweise die Deutsche Bahn das kleine Quadrat mit dem Punktmuster auf ihren Online-Tickets. Auch die Deutsche Post frankiert mit dem Code schon heute Millionen von Briefumschläge.

Bei der fälschungssicheren Kennzeichnung in der Industrie steht der 2D-Code hingegen noch am Anfang. Die neue Scannerserie der Siemens-Automatisierungsspezialisten könnte das Wachstum beschleunigen. Mit einer hohen Auflösung und einer leistungsfähigen Software erkennen und digitalisieren die Geräte den Code auch bei störenden Reflexionen oder geringem Kontrast im Bruchteil einer Sekunde. Bis zu 1800 Lesevorgänge pro Minute sollen möglich sein, was das System auch tauglich für maschinelle Überprüfungen macht. Voraussetzung dafür seien jedoch leistungsfähige Kommunikationsnetze und Datenbanken.

Erste Einsätze in der Praxis

Wechselt eine Fluggesellschaft bei einer Wartung ein Teil aus, wird der Code des Ersatzteils eingelesen und via Internet in einer Datenbank des Herstellers authentifiziert. Die Lufthansa rüstet sich bereits für das System. Bei einer Flugzeugwartung werden die Triebwerke demontiert und einzelne Turbinenschaufeln bei Beschädigung ausgetauscht. Um sicherzugehen, dass jede Schaufel wieder an dieselbe Stelle kommt, wird sie mit einem DMC markiert und mit einem Siemens-Scanner überprüft.

Doch auch andere Hersteller wehren sich. So kennzeichnet beispielsweise Puma seit geraumer Zeit seine Schuhe mit winzig kleinen Farbpunkten, die versteckt am Schuh platziert, nur über ein Mikroskop entdeckt werden können. Die geschulten Zöllner an der Grenze können so bei Verdacht auf Fälschung mit Hilfe eines Mikroskopes feststellen, ob es sich bei den Schuhen um Plagiate oder um echte Schuhe des Herstellers handelt.

Maßnahmen zur Abwehr von Plagiaten

Wie könne sich die Hersteller aber wehren, wenn sie von möglichen Plagiaten ihre Produkte erfahren? Claus D. Schulz rät in seinem solchen Fall einerseits zu reaktiven Maßnahmen wie Abmahnung und Zeitungsanzeigen, zivilrechtlichen Maßnahmen aber auch Razzien und strafrechtliche Maßnahmen die zu Freiheitsstrafen oder Geldstrafe oder gegebenenfalls auch zu einem Berufsverbot führen können sowie der Grenzbeschlagnahme.

Andererseits müsse man auch proaktive Maßnahmen ergreifen, um das Erstellen von Plagiaten zu erschweren. Schulz zählt auf: „Verwendung von Sicherungsmittel, Zusammenarbeit mit Verbänden und Sensibilisierung von Händlern und Kunden durch interne Information, Schulungsmaßnahmen sowie Aufklärung der Öffentlichkeit.“

Auch der Spezialist für industrielle Oberflächentechnik Wagner Industrial Solutions, Markdorf, wehrte sich voriges Jahr gegen Produktpiraterie: Auf der Messe Paint-Expo in Karlsruhe stellte ein Plagiateur aus Schanghai eine kopierte Wagner-Sprühpistole aus. Nach Vorlage aller Beweismittel durch die Anwälte von Wagner erließ der zuständige Richter eine einstweilige Verfügung, die ein Gerichtsvollzieher umgehend vollstreckte: Sämtliche Prospekte und die ausgestellte Sprühpistole wurden direkt auf dem Messestand des Plagiat-Produzenten eingezogen. Weitere rechtliche Schritte wurden gegen den Produktpiraten in China eingeleitet.

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