Im Gespräch mit MM-Chefredakteur Benedikt Hofmann erklärt Christian Wendler, was es heißt, ein Unternehmen im Auftrag einer Familie zu führen, und warum auch die Werte zueinanderpassen müssen.
Christian Wendler im Gespräch mit MM Maschinenmarkt-Chefredakteur Benedikt Hofmann.
(Bild: Lenze)
Herr Wendler, ich beginne all diese Interviews immer mit derselben Frage, die ich natürlich vor dem Hintergrund der globalen Krisen und Veränderungen der letzten Jahre stelle: Wie geht es Ihrem Unternehmen aktuell?
Christian Wendler: Ich würde sagen, uns geht es sehr gut! Wir sind stolz darauf, das letzte Geschäftsjahr zum 30. April als eines der besten Jahre der Unternehmensgeschichte bezeichnen zu können. Wir können ein Wachstum von 20 Prozent vorweisen und haben erstmalig rund eine Milliarde Umsatz gemacht, was ein echter Meilenstein ist. Das ist eine großartige Leistung des ganzen Unternehmens. Aber auch wir sind natürlich beeinflusst durch die Lieferketten, unter anderem in der Bauteilversorgung. Und durch das Preisgebaren auf den Rohstoffmärkten. Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass es in diesem Geschäftsjahr noch einen Einfluss durch Corona gab. In China zum Beispiel mit einem langen Lockdown in Shanghai. Nimmt man das alles zusammen, muss ich mich wirklich noch mal bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken, die dieses Jahr mit viel Energie, Offenheit und Leidenschaft gestaltet haben.
Trotz der Erfolgsmeldungen war das also kein Jahr voller „business as usual“?
Nein, das war es nicht – Aufgrund der angesprochenen äußeren Einflüsse, aber auch aufgrund der Veränderungen, die wir aus uns selbst heraus angestoßen haben. Wir haben an Innovationen gearbeitet und unser Portfolio in Richtung Digitalisierung und Software-Tools erweitert. Wir sprechen auch weiter über große Investitionen, die unsere Weiterentwicklung stärken sollen. Das betrifft unser bestehendes Portfolio im Bereich der Hardware, aber auch neue Felder wie digitale Plattformen. Wir fühlen uns stark und wir schauen bei all den Herausforderungen durchaus positiv in die Zukunft.
Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund auf das jetzt angebrochene Geschäftsjahr?
Da hat sich zu den letzten Jahren nicht viel verändert: Wir sehen Herausforderungen und Chancen. Das haben wir so immer klar allen Stakeholdern kommuniziert. Ich würde sagen, wir befinden uns in einer motivierenden Balance. Wichtig ist, dass alle wissen, welchen positiven Beitrag sie leisten können und welche Möglichkeiten und Chancen sich für die Weiterentwicklung ergeben. Und wenn man am Ende die wirtschaftlichen Planzahlen übertrifft, darf man durchaus ein bisschen stolz sein. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders.
Christian Wendler
Christian Wendler ist seit April 2013 Vorstandsvorsitzender und CEO der Lenze SE. Vorher war er neun Jahre lang bei ABB tätig, unter anderem als Vorstand für Marketing und Sales Industrieautomation und Antriebe. Seine Karriere startete er nach dem Studium bei Baumüller.
Sie haben von „Stakeholdern“ gesprochen. In Ihrem Fall sind damit sicher auch die Eigentümer des Unternehmens gemeint, denn Lenze ist ein Familienunternehmen. Sie sind aber ein angestellter Manager. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Meiner Meinung nach macht diese Konstellation den Job noch interessanter. Zwei Dinge sind für mich dabei besonders wichtig: Wertschätzung und Verantwortung. Die Eigentümerfamilie hat mir die Verantwortung als Manager für ein derart großes Unternehmen übertragen. Das hat sie natürlich mit dem Anspruch getan, dass ich das Unternehmen voranbringe, die Motivation der Mitarbeiter hochhalte und das Wertegerüst weiterentwickle. Im weitesten Sinne ist es auch meine Aufgabe, Vorbild für die Mitarbeiter zu sein. Das trifft aber sicher auf viele CEOs zu. Eine der Besonderheiten daran, dies für ein Familienunternehmen zu tun, liegt in der Wertschätzung, die damit einher geht, diese Verantwortung sozusagen in Nachfolge des Firmengründers übernehmen zu dürfen. Denn unser Firmengründer Hans Lenze hat ja zu seiner Zeit sehr weitblickend agiert. Er hat ein Unternehmen in schwierigen Zeiten gegründet und gemeinsam mit seinen Kindern das Wertegerüst gesetzt. Das im Auftrag unserer Gesellschafter, der vierten Generation, weiterführen zu dürfen und die Anerkennung, die damit einhergeht, das macht die Arbeit für Familienunternehmen wirklich besonders.
Trägt man diesen Hintergrund und dieses Erbe aber nicht auch immer ein bisschen als Last auf seinen Schultern mit sich herum?
Stand: 08.12.2025
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Ich würde nicht sagen, dass man das mit sich herumträgt. Das ist keine Bürde, sondern es eröffnet Möglichkeiten. Gerade der wertschätzende Austausch mit den Eigentümerfamilien ist für mich immer eine Hilfe. Es ist jedes Mal eine Bestätigung des eigenen Auftrags und stellt die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens sicher. Natürlich geht es dabei nicht um das operative Tagesgeschäft, das autark vom Management betreut wird. Es geht dabei eher um weitere Perspektiven. Fragen der Kultur und der Zusammenarbeit, aber natürlich auch der Ziele – sowohl jener, die man sich in der Vergangenheit gesetzt hat, als auch der für die Zukunft. Das alles funktioniert dann besonders gut, wenn die Werte von Unternehmen und Gesellschaftern mit dem persönlichen Wertegerüst harmonieren.
Wie darf man sich diesen Austausch dann vorstellen?
Natürlich gibt es den Austausch entsprechend dem legalen Rahmen, bei dem wir uns zyklisch mit den Gesellschaftern abstimmen. Aber er findet auch davon losgelöst statt. Beispielhaft darf ich vielleicht das Thema Nachhaltigkeit nennen, bei dem wir auch sehr intensiv die Gedanken der jüngsten Generationen unserer Gesellschafter mit einarbeiten.
In dieser Konstellation hat Ihre Arbeit einen ziemlich direkten Einfluss auf das Vermögen der Gesellschafter. Und diese sind, anders als bei einem börsennotierten Unternehmen, sehr real und persönlich bekannt. Da hat man schon ordentlich Druck, oder?
Ich finde, Druck ist das falsche Wort. Ich würde von Verantwortung sprechen. Und darauf sind Manager mit einer soliden Grundausbildung gut vorbereitet. Natürlich hat es einen speziellen Charakter, wenn man diese große Aufgabe direkt von einem Gesellschafter übertragen bekommt. Aber auch deshalb arbeitet man an den Zielen und Visionen, wie vorher beschrieben, gemeinsam. Ich darf sagen, dass ich von Anfang an von dem gleichzeitig umsichtigen und zukunftsorientierten Wirtschaften und Agieren dieses Unternehmens beeindruckt war. Das sind einfach sehr gute Voraussetzungen, um eine solche Aufgabe zu übernehmen und das Unternehmen auf dieser Basis gemeinsam weiterzuentwickeln. Also insofern nein, es ist kein Druck, es führt eher zu einem positiven Ansporn. Dieses positive Gefühl wird durch den Beitrag, den unser Unternehmen bei wichtigen Gesellschaftsthemen wie Digitalisierung oder Dekarbonisierung leisten kann, noch weiter unterstützt.