Arbeitsschutz Manipulation von Schutzeinrichtungen analysieren und verhindern

Autor / Redakteur: Ralf Apfeld und Michael Huelke / Bernhard Kuttkat

Was verleitet Mitarbeiter dazu, Schutzeinrichtungen zu manipulieren? Antwort darauf gibt eine Studie. Die Ergebnisse sind alarmierend: Etwa 37% der Schutzeinrichtungen an den Maschinen sind vorübergehend oder ständig manipuliert. Eine Checkliste (Download am Ende des Artikels) ermöglicht die systematische Analyse des Anreizes zur Manipulation von Schutzeinrichtungen.

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Dass Schutzeinrichtungen an Maschinen manipuliert werden, ist eine oft gehörte Meinung und Erfahrung von Arbeitsschutzexperten und Maschinenbedienern. Aber wie groß ist das Ausmaß tatsächlich? Die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt zwar, dass sich 60% aller Unfälle an stationären Industriemaschinen an fehlerfrei arbeitenden Maschinen ereignen. Ob sie aber auf Manipulationen zurückzuführen sind, bleibt unklar. Fast ebenso unklar ist die Frage nach den Gründen für Manipulationshandlungen: Was verleitet dazu, Schutzeinrichtungen zu umgehen oder anderweitig außer Kraft zu setzen?

Manipulationen an Schutzeinrichtungen oft geduldet

Diese Fragen wurden in einem gemeinschaftlichen Forschungsprojekt des Instituts für Arbeitsschutz (BGIA), des Instituts Arbeit und Gesundheit (BGAG) und der Metall-Berufsgenossenschaften genauer untersucht. Ingenieure, Psychologen, Ergonomen, Physiker, Volkswirtschaftler und Juristen analysierten die gegenwärtige Situation und entwickelten Lösungsansätze.

Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend: Etwa 37% der Schutzeinrichtungen an den Maschinen sind vorübergehend oder ständig manipuliert. In über einem Drittel der Betriebe werden Manipulationen geduldet!

Auch zeigt sich, dass die Ergonomie der Maschinen in vielen Fällen schlecht ist: Es scheint noch nicht gelungen zu sein, Schutzkonzepte zu verwirklichen, die keine Verlangsamung des Arbeitsprozesses bewirken und damit die Produktivität einschränken.

Schutzeinrichtungen vor allem an neuen Maschinen manipuliert

Manipulation ist kein veraltetes Problem: Es sind vor allem Maschinen neueren Baujahrs, in der Hälfte der Fälle mit einem CE-Zeichen versehen, die manipuliert werden. Bei einigen Maschinen ist eine Manipulation für bestimmte Betriebsarten, wie die Störungsbeseitigung oder die Wartung, sogar notwendig.

Alle Resultate des Projekts sind in einem Report veröffentlicht [1]. Die darin aufgeführten Lösungsansätze zielen auf alle am Arbeitsprozess Beteiligten: den Maschinenbauer ebenso wie den Entwickler von Schutzkonzepten, den Normensetzer und auch den Maschinenbediener und seine Vorgesetzten. Dabei kann die Prävention von Manipulationshandlungen in vielen Fällen kostengünstig sein. Aber wie erreicht man es nun, dass Maschinen nicht mehr manipuliert werden?

Die geeigneten Maßnahmen zur Beseitigung oder Minderung des Risikos einer Gefährdung aufgrund einer Manipulation können ähnlich der „Drei-Stufen-Methode“ für die Maschinenkonstruktion (EN ISO 12100-1) aufgebaut werden:

  • Manipulation vermeiden und unnötig machen (höchste Priorität);
  • Manipulation widerstehen;
  • Manipulation erkennen und sicheren Zustand einnehmen (letztes Mittel).

Manipulation der Schutzeinrichtungen vermeiden und unnötig machen

Gelingt es bereits bei der Konstruktion der Maschine, ein wirklich gebrauchstaugliches Bedien- und Sicherheitskonzept zu realisieren, dann wird für den Maschinenbediener der Wunsch zu manipulieren erst gar nicht entstehen.

Die Ursache von Manipulationen sind häufig Sichtbehinderungen und umständliche Bedienweisen bei stark automatisierten Maschinen. Nicht selten fehlen sogar Betriebsarten für manuelle Eingriffe und es werden Schutzeinrichtungen derart verwendet, dass der Bediener in der Nutzung einer Maschine behindert wird.

Die Gefahren bei allen Betriebsarten und Tätigkeiten sind unter Einbeziehung der künftigen Betreiber und Bediener konsequent zu analysieren. Dabei ist auch die „vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung“ zu berücksichtigen, die sich aus menschlichem Verhalten ergeben kann.

Betriebsarten, bei denen zur Produktion oder zur Fehlerbehebung in die Maschine eingegriffen werden muss, sind besonders aufmerksam zu betrachten. Warum nicht, wie in anderen Industriebranchen, gemeinsam mit potenziellen Anwendern die Gebrauchstauglichkeit von Maschinen systematisch verbessern? Dies ist auch deshalb notwendig, weil die wachsende Komplexität moderner Maschinen und Anlagen mit erhöhtem Leistungsumfang auch zunehmend komplexere Bedienschnittstellen erfordert (zum Beispiel in der Menütiefe bei Steuerungen).

Maschinen-Schutzkonzept konstruktiv optimieren

Bevor ein grundsätzlich neues Maschinenkonzept eingeführt wird, sollte das anwenderfreundliche und ergonomische Bedien- und Schutzkonzept einer Maschine durch verstärkten Einsatz von Simulationstechniken bei der Konstruktion und durch „Erprobung“, beispielsweise in einer virtuellen, interaktiven Umgebung, optimiert werden. So dürfte es nicht mehr passieren, dass im Nachhinein eine Schutzeinrichtung oder zugehörige Befehlsgeräte an eine bereits fertig konstruierte Maschine „angeschraubt“ werden müssen.

Solch moderne Konstruktionsverfahren werden zum Beispiel in der Automobilindustrie eingesetzt: Crash-Tests von Autos werden heute überwiegend simuliert, um den Insassenschutz zu optimieren. Reale Crash-Versuche dienen nur noch der Evaluierung der Konstruktion und der Prüfung des fertigen Autos.

Anwender sollen Maschinen-Schutzeinrichtungen nicht bemerken

Ein bezeichnendes Zitat aus dem Report lautet: „Die beste Schutzeinrichtung ist die, die man nicht bemerkt.“ Ob man dieses Ziel erreicht hat, ob also der Manipulationsanreiz einer Maschine ausreichend gering ist, lässt sich relativ einfach feststellen.

Man stellt dazu einem Bediener die Frage, welchen Nutzen die Manipulation einer Schutzeinrichtung hätte. Eine Checkliste zur systematischen Analyse des Manipulationsanreizes zeigt die Tabelle, die individuell ergänzt werden kann [2].

Im Ergebnis offenbaren sich die Betriebszustände, in denen Schutzeinrichtungen hinderlich sind und deren ergonomische Gestaltung nach Verbesserung verlangt. Dabei sollte man ein Ergebnis des Forschungsprojekts berücksichtigen: Die Manipulation einer Schutzeinrichtung für eine bestimmte und seltene Arbeitssituation wird in 50% aller Fälle auch dann nicht wieder rückgängig gemacht, wenn sie bei anderen Arbeitsabläufen keine Vorteile bietet. Es muss also auch dann der Manipulationsanreiz möglichst gering sein, wenn er in der Nutzung einer Maschine selten zum Tragen kommt.

Dipl.-Ing. Ralf Apfeld und Dr. Michael Huelke sind Mitarbeiter des Fachbereichs 5 Unfallverhütung/Produktsicherheit am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung in Sankt Augustin.

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