Fachkräftemangel Maschinenbauer haben aus Ingenieurmangel wenig gelernt
Deutschland fehlen Ingenieure und Fachkräfte. Obwohl mit jedem Konjunkturaufschwung diese Klage immer wieder neu erklingt, ist eine zentrale Frage bisher unbeantwortet: Wer kann den Mangel am wirkungsvollsten bekämpfen – Politik, Hochschulen oder Unternehmen? Die Zahl derjenigen, die Betrieben empfehlen, endlich zur Selbsthilfe zu greifen, wächst.
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Sind Sie Zerspanungsmechaniker? Dann könnte es sein, dass Sie bald einen Anruf erhalten von einem dieser smarten, redegewandten Herren, die mit ständiger Suche nach Arbeitskräften ihr Geld verdienen. „Zerspanungsmechaniker“, sagt Prof. Gerhard Bosch, „werden mittlerweile von Headhuntern gesucht.“
Seit die Konjunktur in Deutschland wieder Schwung hat, werden erneut Klagen über den Fachkräftemangel laut. Bosch als Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen verfolgt die Debatte mit großem Interesse. Gleichzeitig aber auch mit Unbehagen. „Seit Beginn der 80er Jahre haben wir die Diskussion schon mindestens viermal geführt – und gelernt haben Politik und Unternehmen nur wenig.“
An Zahlen zur jüngsten Misere fehlt es nicht: Das Bundeswirtschaftsministerium hat errechnet, dass im vergangenen Jahr die Zahl von schwer oder gar nicht besetzbaren Stellen in technischen Berufen im sechsstelligen Bereich lag. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag geht davon aus, dass auch noch im Jahr 2010 innovativen Unternehmen mindestens 30 000 Ingenieure und Wissenschaftler fehlen werden.
Jeder Fachkräftemangel, konstatiert Bosch, war bisher absehbar. Denn wenn Ingenieure fehlen, hat das immer konjunkturelle Gründe. Durch Einstellungsstopp in schlechten wirtschaftlichen Zeiten werden Studienanfänger abgeschreckt, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Verfahrenstechnik zu studieren.
Ingenieurmangel war seit Jahren absehbar
Genau diese Absolventen fehlen vier bis fünf Jahre später, wenn die Konjunktur wieder anzieht und die Betriebe Verstärkung suchen. „Heute stellen Unternehmen Ingenieure ein, die wären vor einem Jahr noch nicht mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden“, weiß Dr. Willi Fuchs, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).
Die derzeitige Krise aber hat einen neuen – strukturellen – Hintergrund: Durch die Überalterung der Gesellschaft gehen immer mehr ältere Mitarbeiter in Rente, während nur wenige junge Fachkräfte nachrücken. Die OECD konstatiert, dass in Deutschland heute schon auf 100 Ingenieure über 55 Jahre nur 90 Jungakademiker kommen.
„Wichtiger als die kurzzeitige Krise ist daher die Frage, wie sich der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren entwickeln wird“, betonte Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan, Ende vergangenen Jahres vor der Wissenschaftspressekonferenz in Düsseldorf. Die Prognosen sind trübe: Schavans Ministerium hat berechnet, dass im Jahr 2014 bei konstantem Erwerbstätigkeitsniveau rund 60 000 Ingenieure fehlen werden.
Maschinenbauer tun zu wenig gegen den Ingenieurmangel
Ob alte oder neue Krise – eine Konstante ist nicht zu übersehen. „Unternehmen klagen immer nur, tun aber zu wenig, um das Problem zu beheben“, sagt Prof. Bernd Kriegesmann. Unternehmen hätten zwar gelernt, sich finanziell für Krisen abzusichern, personell aber würden sie das nicht tun, kritisiert der Vorstandsvorsitzende des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) an der Ruhr-Universität Bochum.
Oder anders gesagt: „Es ist überraschend, wenn Flugzeughersteller mit weit im Voraus erkennbaren Auftragsbeständen für die nächste Modellgeneration erst vor der anstehenden Montage darüber nachzudenken beginnen, wie denn die Personifizierung der Auftragsabwicklung aussehen könnte“, schreibt das IAI in einem neuen Positionspapier.
Wer glaubt, dass die Hochschulen ihre Ausbildung dem Markt anpassen, wird enttäuscht werden. „Unsere Hochschulen sind nicht dafür da, Spezialisten für bestimmte Aufgaben zu liefern“, konstatiert VDI-Direktor Fuchs.
Ausländische Fachkräfte können Ingenieurmangel nicht beheben
Auch die Hoffnung, dass ausländische Fachkräfte die Lücke schließen können, hat sich verflüchtigt. Derzeit arbeiten in Deutschland 26 000 ausländische Ingenieure – nur 5000 mehr als im Jahr 2000. „Die Green Card hat nicht funktioniert“, gesteht auch Ministerin Schavan mittlerweile zu.
Daher – darin sind sich viele Experten einig – führt der Ausweg nur über Selbsthilfe durch die Betriebe. Unternehmen sind gut beraten, nicht nur über einen Fachkräftemangel zu klagen, sondern selbst Anstrengungen zu unternehmen, um ihre Ausbildungsstrategien zu professionalisieren, schreibt das IAI.
Besonders schwierig ist die Entwicklung für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Die guten Absolventen werden von den Großunternehmen aufgesogen. Große tun sich außerdem leichter damit, an Schulen und Hochschulen, auf Messen und Jobbörsen frühzeitig Werbung für sich zu machen.
Kleine und mittlere Unternehmen können duale Studiengänge zur Ingenieurausbildung nutzen
Eine viel versprechende Möglichkeit gerade für KMU sind duale Studiengänge. In Zusammenarbeit mit Hochschulen und Berufsakademien werden Studenten gleichzeitig mit einem Ausbildungsvertrag des Betriebes ausgestattet „und verzahnen so die praktische Überlegenheit einer Ausbildung im dualen System mit der Theorie der Hochschule“, formuliert das IAI. Als Absolventen seien diese jungen Menschen nach vier Jahren Facharbeiter und Ingenieure – und sehr begehrt.
Diese kooperative Ingenieurausbildung (KIA) hat viele Vorteile: Sie bindet Studenten frühzeitig an den Betrieb und sichert langfristig den Ingenieurnachwuchs. Durch die berufsnahe Tätigkeit im Unternehmen sind kaum Einarbeitungszeiten notwendig. Solche Betriebe zeigen sich nicht zuletzt auch überregional als attraktive Arbeitgeber für hochqualifizierte Absolventen.
Doch obwohl KIA mehr Erfolg verspricht als alle politischen Bildungsoffensiven: 2007 gab es gerade mal 17500 Ausbildungsverhältnisse in dualer Ausbildung. Das entspricht 2,5% aller Ausbildungsverträge.
Zu wenig Eigeninitiative gegen Ingenieurmangel
„KMU sind es bisher nicht gewohnt, ihren Mangel an Fachkräften aus Eigeninitiative zu bekämpfen“, sagt Kriegesmann und hofft, dass sich mehr Betriebe des Mittelstands künftig auf Maßnahmen zur Selbsthilfe besinnen. Dazu gehört neben KIA auch eine konsequente Weiterbildung der Mitarbeiter. Oder die Bildung von regionalen Betriebspools, die beispielsweise gemeinsam einen Betriebskindergarten finanzieren.
Arbeitsmarktexperte Bosch fordert noch mehr: Unternehmen müssten ihre Einstellungspolitik verstetigen und vom Konjunkturzyklus unabhängig machen. Außerdem müssten sie lernen, in der Krise anders zu reagieren – indem sie Arbeitszeitkonten einführen, Überstunden abfeiern, Kurzarbeit verhängen. „Denn auf jeden Fall ist es besser, in der Krise Arbeitsstunden zu entlassen, und nicht Mitarbeiter.“
Christa Friedl ist Fachjournalistin in Krefeld.
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