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Digitale Transformation Mit Proaktivität zu Equipment-as-a-Service

| Autor: M. A. Benedikt Hofmann

Bei Coborn sollen intelligente Algorithmen dabei helfen, Vorhersagen über den Maschinenzustand zu treffen. So sollen unter anderem Equipment-as-a-Service-Modelle möglich werden.

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Coborn ist ein Spezialist für Geräte für die Polykristalldiamantindustrie sowie die Edelstein- und Naturdiamant-Werkzeugindustrie.
Coborn ist ein Spezialist für Geräte für die Polykristalldiamantindustrie sowie die Edelstein- und Naturdiamant-Werkzeugindustrie.
(Bild: Coborn)
  • Equipment-as-a-Service-Modelle werden erst durch vorhersagende Verfahren möglich.
  • Durch die deutliche größere Planbarkeit ist das Geschäftsmodell für den Hersteller wie auch für den Kunden von Vorteil.
  • Bei der Datensicherheit kommt es in diesem Zusammenhang nicht allein auf die Technik an. Die Menschen müssen sensibilisiert und geschult werden.
  • Für den Erfolg von Digitalisierungsprojekten sind die Überzeugung und das Commitment sowohl der Belegschaft als auch der Unternehmensführung besonders wichtig.

Man glaubt Steve Westlake wenn er das, was sein Unternehmen derzeit mit dem IIoT-Spezialisten Relayr betreibt, als ein bahnbrechendes Projekt bezeichnet. Westlake ist Geschäftsführer der Coborn Engineering Ltd, eines Lieferanten von Geräten für die Polykristalldiamant-Industrie sowie die Edelstein- und Naturdiamant-Werkzeugindustrie und sein Unternehmen hat sich gemeinsam mit seinem Partner das Ziel gesetzt, nicht weniger als eine wirklich vorausschauende Werkzeugmaschine zu entwickeln. „Wir bieten seit fünfzehn Jahren Ferndiagnosen über das Internet an“, so Westlake. „Die Technologie von Relayr ermöglicht es, dieses reaktive Modell in ein proaktives, prädiktives Modell umzuwandeln. Um diese so große Innovation, die einmal zum Industriestandard werden soll, zu erreichen, ist das Know-how beider Unternehmen erforderlich.“ Deshalb sprechen Coborn und Relayr auch von einer Partnerschaft und nicht von einer Händler-Kunden-Beziehung.

Um die angesprochene Proaktivität zu erreichen, setzen die beiden Unternehmen unter anderem auf Künstliche Intelligenz. Durch den Einsatz von KI-Analysen werden Maschinensensordaten in aussagekräftige Erkenntnisse umgewandelt, die helfen, anormales Verhalten zu erkennen und aus den verschiedenen Vorkommnissen zu lernen, um Anomalien vorherzusagen und so letztendlich Ausfallzeiten zu vermeiden. Sie dienen also der prädiktiven Analytik. „Die Basis der vorausschauenden Instandhaltung ist das Konzept der Proaktivität –die Wartung kann geplant werden, bevor die Maschine überhaupt ausfällt. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Geräte noch funktionieren, aber ein hohes Ausfallrisiko aufweisen“, ergänzt David Petrikat, Global Director of Marketing bei Relayr.

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Eine Weiterentwicklung des Geschäftsmodells

Coborn hat bisher wie die meisten anderen Werkzeugmaschinenhersteller nach dem traditionellen Capex-Modell gearbeitet und bietet somit seit vielen Jahren Finanzierungen auf eigenes Risiko an. Seit 15 Jahren bekommen die Kunden des Unternehmens darüber hinaus auch reaktive Ferndiagnostik über das Internet. „Wir sind ein maßgeblicher Bestandteil der Wertschöpfungskette der Diamantindustrie, und damit tragen wir die Verantwortung für die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Produkte, Prozesse und Lösungen“, bringt Westlake das Mindset seines Unternehmens auf den Punkt.

Vor diesem Hintergrund analysiert Coborn laufend, wie es den Wert, den die eigenen Lösungen den Kunden bieten, steigern kann. So entstand die Idee, ein Opex-Modell mit Vorhersagefähigkeit anzubieten. „Das schafft ein Einkaufsszenario, in dem sowohl der Käufer als auch der Verkäufer während der gesamten Vertragslaufzeit dieselben Ziele verfolgen“, so Westlake. Erst durch die Vorhersagefähigkeit wird es möglich, die Maschinenverfügbarkeit in jedem Fall zu garantieren. Und das wiederum versetzt Coborn in die Lage, seinen Kunden Equipment-as-a-Service anbieten zu können.

Bei den Kunden besteht durchaus noch Skepsis

Allerdings geben die Projektpartner auch ehrlich zu, dass noch lange nicht jeder Kunde für diese neuen Ideen bereit ist. Das bezieht sich unter anderem auf die Fähigkeit des Systems, das Versagen von Maschinen tatsächlich vorherzusagen. Auch Bedenken hinsichtlich Data Privacy und Data Security sind demnach bei vielen vorhanden. Nach Meinung von Westlake ist das aber ein natürlicher Begleiteffekt, wenn man Konzepte anbietet, die derart neu sind. Hier verweist er auch darauf, dass diese Technologie bereits in anderen Geschäftsfeldern erfolgreich eingesetzt wird und er deshalb überzeugt ist, dass sie sich auch in der Werkzeugmaschinenindustrie zum Standard entwickeln wird: „Es liegt in unserer Verantwortung, unseren Kunden den Nutzen dieses neuen Systems zu veranschaulichen.“

Empfehlenswert ist das Equipment-as-a-Service-Modell grundsätzlich für alle Anlagenhersteller, die neue Umsatzquellen generieren wollen, indem sie Maschinen als Dienstleistung anbieten, statt sie als Produkte zu verkaufen, und die auf diese Weise ihr Geschäftsmodell transformieren. Dadurch, dass die Planbarkeit deutlich vergrößert wird, ist dieses Geschäftsmodell für den Hersteller wie auch für den Kunden von Vorteil. Dabei entscheidet Petrikat zufolge nicht zuerst der Wert einer Maschine darüber, ob das Modell profitabel angewendet werden kann, sondern ihre Relevanz für die gesamte Wertschöpfungskette – und natürlich die Auswirkung auf die gesamte Produktion.

Sicherheit der Daten hat hohen Stellenwert

Ein wichtiger Aspekt in dem gesamten Prozess ist natürlich die Sicherheit der Daten. Das betrifft den Schutz der Daten während der Übertragung an ein Netzwerk oder ein Cloud-Speichergerät ebenso wie bei Daten im Ruhezustand und bei inaktiven Daten, die auf einem Gerät oder einem Netzwerk gespeichert sind. Um eine hohe Verfügbarkeit der eigenen Cloud-Plattform zu gewährleisten, setzt Relayr auf automatische Skalierung und umfangreiche Protokollierung und Überwachung sowie Audit Trails.

Aber Technologie allein kann die Sicherheit der Daten nicht garantieren, wie die Experten herausstellen. Deshalb ist die Sensibilisierung innerhalb der Organisation, zum Beispiel durch die Verwendung von Best-­Practice-Leitfäden und Schulungen aller Beteiligten, eine weitere wichtige Maßnahme. Ein regelmäßiger Penetrationstest mit verschiedenen Spezialisten hilft dem Unternehmen außerdem, die Cloud-Plattform zu sichern und den Kunden kontinuierlich Sicherheitsoptimierungen zu bieten. „Als ein Beispiel ist die Implementierung des Secure Software Development Lifecycle (SDLC) Frameworks zu nennen. Dank den Scannern in unserer Build Pipeline zur Schwachstellen-Erkennung können wir verhindern, dass Komponenten mit bekannten Schwachstellen eingesetzt werden“, ergänzt Petrikat.

Aktuell schließen die beiden Unternehmen die Entwicklung und Herstellung der ersten Testgeräte ab. Danach sollen in Zusammenarbeit mit einigen bestehenden Kunden Daten gesammelt werden, auf deren Basis die notwendigen Algorithmen und Dashboards entstehen. Außerdem entwickeln die Partner derzeit einen wirtschaftlichen wie auch technologischen Zukunftskurs und arbeiten an einer Lösung, die die Vermögenswerte von Coborn verbindet und das Unternehmen mit einer Anleitung für den Markteintritt unterstützt. Grundsätzlich – das betont Petrikat – ist es meist weniger die Technologie, die die wahre Herausforderung bei der Umsetzung eines solchen Projektes darstellt, als vielmehr die Festlegung der zu verfolgenden Strategie und die Definition des Business Outcomes, das durch die Projektumsetzung erreicht werden soll. Dabei unterstützt sein Unternehmen Coborn von Beginn der Zusammenarbeit an.

Das Projekt steht und fällt mit den Mitarbeitern

Auf die Frage, welche Tipps er anderen Unternehmen, die ihr Geschäft digitalisieren möchten, auf Basis seiner bisherigen Erfahrung geben würde, antwortet Westlake zunächst mit Blick auf die Mitarbeiter. Diese von der Bedeutung des Projekts zu überzeugen, war demzufolge nämlich der schwierigste Teil des gesamten Vorhabens. Auch das Verständnis dafür, wie wichtig es ist, den richtigen Partner für die Umsetzung zu gewinnen, war nicht von Anfang an da, wie er zugibt: „Zu Beginn hatten wir das Gefühl, einen Großteil selbst durchführen zu können. Die Diagnostik an unseren Maschinen war da bereits hervorragend, allerdings verfügen wir nicht über das Wissen, die Fähigkeit und auch die Kapazitäten, ein so komplexes, weitreichendes Projekt wie dieses allein zu realisieren.“

Dabei ist es wichtig, zu bedenken, dass es sich hier nicht nur um Technologien handelt. Viel mehr geht es darum, ein völlig neues Konzept in die globale Werkzeugmaschinen- und Diamantindustrie einzuführen. Auch den Projektumfang sollte man nicht unterschätzen – sowohl technisch, kommerziell als auch strategisch. Das erfordert Aufwand und Mitarbeit aller Unternehmensabteilungen. „Das bedeutet auch, dass es nicht ohne das hundertprozentige Commitment und Engagement des Vorstands und des Managements geht“, betont Westlake abschließend. „Der richtige Partner ist wirklich das A und O bei einem Vorhaben dieser Art.“

* Weitere Informationen zu den Firmen: https://de.coborn.com/ https://relayr.io/de/

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Über den Autor

M. A. Benedikt Hofmann

M. A. Benedikt Hofmann

Chefredakteur, MM MaschinenMarkt