Nachfrageschwankungen beherrschen
Das vom IPH betreute Projekt ,,Dynamik-Monitoring für Zulieferunternehmen" erhöht die Flexibilität. Zulieferunternehmen - insbesondere in der Automobilindustrie - leiden häufig unter dem unstetigen...
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Das vom IPH betreute Projekt ,,Dynamik-Monitoring für Zulieferunternehmen" erhöht die FlexibilitätZulieferunternehmen - insbesondere in der Automobilindustrie - leiden häufig unter dem unstetigen und unvorhersehbaren Nachfrageverhalten ihrer Kunden.Die angeforderten Stückzahlen verändern sich von heute auf morgen, die Angaben über zukünftige Bedarfe sind unsicher. Diese Dynamik der Nachfrage erschwert die Planung und verursacht zusätzlichen Aufwand. Gemeinsam mit Industriepartnern werden vom IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover Lösungsstrategien entwickelt, um den Schwankungen effizienter zu begegnen.Industrieunternehmen müssen, um zukünftig in einem turbulenten Umfeld erfolgreich agieren zu können, ihre Reaktionsfähigkeit und ihre Flexibilität erhöhen. Aus logistischer Sicht tragen zur Turbulenz neben steigender Variantenvielfalt vor allem gravierende und kurzfristige Änderungen der Bestellmengen oder -termine bei. Zulieferunternehmen in der Automobilindustrie erhalten die laufenden Bestellungen ihrer Kunden in der Regel als sogenannte Lieferabrufe. Diese Lieferabrufe werden meist in elektronischer Form übermittelt und enthalten neben der Anforderung des aktuellen Periodenbedarfs auch eine Vorausschau auf die zur erwartenden Bedarfe zukünftiger Perioden. Trotz eines langfristig gesehen gleichmäßigen Verbrauchs unterliegen diese Lieferabrufe kurzfristig größeren Mengenschwankungen und häufigen Änderungen. Mengenänderungen von bis zu 20% einen Tag vor der Auslieferung sind dabei keine Seltenheit. Unruhe und Kosten in der ProduktionDie möglichen Folgen dieser Nachfrageschwankungen schildert ein Projektpartner sehr anschaulich: ,,Das Problem für uns ist, dass uns die Kunden mit sehr großer Vorliebe Bedarfe, die gestern noch nicht im System waren, heute in den Rückstand setzen." Diese kurzfristigen Schwankungen erschweren die Produktionsplanung und -steuerung beim Zulieferer erheblich, zumal der Kunde häufig keine Über- oder Unterlieferungen toleriert. Kostspielige Überstunden, Eilaufträge und die Notwendigkeit des Einsatzes von Springern auf der einen Seite sowie zeitweilig unzureichende Kapazitätsauslastung oder überhöhte Bestände auf der anderen Seite sind als die wesentlichen Folgen zu nennen. Problematisch sind nicht nur die Anforderung an eine flexiblere Kapazitätsplanung, sondern auch an die eigene Beschaffung. Wie können sich Zulieferer verhalten, die von schwer zu beschaffenden Rohmaterialien abhängig sind? Ein Projektpartner erläutert: ,,Unsere Kunden geben uns einen ,forecast' auf ein Jahr. Die wöchentlichen Lieferabrufe sollten eigentlich vier Wochen im Voraus fixiert sein. Unsere Zulieferer benötigen jedoch eine Festlegung auf zwölf Wochen." So erfordern die Unregelmäßigkeiten der Nachfrage heute aufgrund der hohen Wiederbeschaffungszeiten noch unnötig hohe Bestände. Dynamik messen und visualisierenUm die Schwankungen besser beherrschen zu können, verfolgt das von der Stiftung Industrieforschung geförderte und vom IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover unter Beteiligung mehrerer Automobilzulieferer durchgeführte Projekt ,,Dynamik-Monitoring für Zulieferunternehmen (DynaMoZ)" einen dreistufigen Ansatz. Aufgabe des ersten Schritts, der Messung der Dynamik, ist eine qualitative und quantitative Beschreibung des Ist-Zustands bei den Industriepartnern des Projektes und in der Zulieferindustrie allgemein. Eine der Kernaufgaben des Projektes ist es, mit den neu zu definierenden Kennzahlen vor allem die Vorhersagegüte der Lieferabrufe zu bewerten. Darüber hinaus werden die definierten Kenngrößen visualisiert. Als Basis für die Visualisierung dienen das am Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) der Universität Hannover entwickelte Trichtermodell und die darauf basierenden Durchlaufdiagramme. In Bild 1 sind ein solches Durchlaufdiagramm und dessen wesentliche logistische Kenngrößen dargestellt.Aufbauend auf der jeweiligen Ausprägung der Nachfragedynamik werden Lösungsstrategien entwickelt, deren Ziel entweder die Glättung der Nachfrageschwankungen, eine Verbesserung der Vorhersagegüte oder eine erhöhte Agilität der Produktion sein kann. Entsprechend der jeweiligen Normstrategie werden konkrete Maßnahmen ausgewählt, welche die Verbesserung der Kommunikation zwischen Kunde und Lieferant zur Erhöhung der Planungsqualität, die Vereinbarung realistischer Rahmenverträge, eine differenzierte Lagerhaltungsstrategie, Instrumente zur Kapazitätsflexibilisierung oder die Verlagerung des Kundenentkopplungspunktes beinhalten können. Durch empirische Untersuchungen wurden zunächst in den Partnerunternehmen die logistischen Abläufe und die Geschäftsvorfälle von der letzten Produktionsstufe über das Fertigwarenlager bis hin zur Auslieferung analysiert. Parallel dazu wurden auf der Grundlage von Betriebsdaten logistische Kennzahlen berechnet. Bei der Auswertung der Lieferabrufe zeichnet sich ab, dass in allen untersuchten Unternehmen eine ähnliche Problematik vorliegt, die Ausprägung der Nachfragedynamik jedoch je nach Kunde oder Produkt stark variiert.Ausgehend von den ersten Forschungsergebnissen ist es möglich, die untersuchten Artikel mit Hilfe eines Portfolios zu charakterisieren (Bild 2). Zum einen variieren die vier zu betrachtenden Gruppen in der Güte der Vorhersage, die der Zulieferer von seinem Kunden erhält. Zum anderen dient die Messung der Verbrauchskonstanz - ähnlich einer XYZ-Analyse - als Unterscheidungsmerkmal. Aus der Kombination beider Kriterien ergibt sich das Portfolio, welches die Grundlage für die Ableitung von Normstrategien und Maßnahmen darstellt.Implementierung in ein Monitoring-SystemAufbauend auf diesen Forschungsresultaten wird im Projekt DynaMoZ ein Softwarewerkzeug erstellt, das die Anwendung der erarbeiteten Methoden in der Praxis ermöglicht. Dieses Monitoring-System wird die Zulieferunternehmen unterstützen, die entwickelten Methoden selbständig und kontinuierlich anzuwenden. Ein solches Monitoring-System ist dabei als eine Ergänzung zu den bereits vorhandenen Planungssystemen zu verstehen und dient der Unterstützung der Produktionsplanung und -steuerung. Im Sinne eines logistischen Frühwarnsystems gibt es darüber hinaus zeitnah Auskunft insbesondere über die Veränderung im Auftragseingang und bei den vom Kunden erwarteten Lieferfristen. Hieraus lassen sich frühzeitig Trendwechsel im Nachfrageverhalten erkennen und rechtzeitig Maßnahmen wie Kapazitätsanpassungen auslösen. Dadurch können kostspielige Überkapazitäten, besonders an Personal, sowie überhöhte Bestände an Rohmaterialien und Halbfertigwaren leichter vermieden werden.Mittelfristig eingesetzt, dient das Monitoring-System dazu, die Dynamik des kundenseitigen Nachfrageverhaltens vollständig und akkurat zu beschreiben. Durch die verbesserte Fähigkeit, veränderliche, dynamische Kundenanforderungen kostenoptimal zu befriedigen, lassen sich Kundenzufriedenheit und Kundenbindung signifikant verbessern und damit letztlich die Wettbewerbsfähigkeit und die Wirtschaftlichkeit der Zulieferunternehmen nachhaltig steigern.