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Digitale Transformation

Namur-Hauptsitzung 2017: Spannung(en) garantiert

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Als ein Beispiel hebt Dadhe die Inline-PAT heraus, die in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen und hat dazu beigetragen habe, auch ältere Prozesse fit zu machen. Inzwischen werde eine Detektion für einen breiteren Bereich benötigt. „Es werden Kontextmodelle benötigt, die mehr beschreiben als nur ein einzelnes Asset“. Am Know-how fehlt es seiner Meinung nach nicht. „Wir haben sehr gute Leute und das Interesse an der Digitalisierung ist in den vergangenen vier Jahren enorm in den Geschäftsbereichen gestiegen. Jetzt geht es darum, diesen Geist aufzugreifen und weiter zu führen“, so Dadhe.

Ausbildung 4.0: Nicht nur für den Nachwuchs

Wie die Erwartungen von Wirtschaftsvertretern mit den Vorstellungen von Auszubildenden und Ingenieuren im betrieblichen Arbeitskontext übereinstimmen und wie man die Motivation fördert, war Gegenstand einer Podiumsdiskussion. Hier berichteten Theo Fecher, bei Evonik verantwortlich für die Ausbildung, Dr. Matthias Fankhänel von der BASF, Dr. Gunter Kegel, VDE und Pepperl+Fuchs, und Katrin Locker, IG BCE, über ihre unterschiedlichen Erfahrungen in der Ausbildung und zum Thema Ingenieurmangel. Zentrale Erkenntnisse aus der Diskussion: Digitalisierung sei längst kein Thema mehr nur für den Mitarbeiter-Nachwuchs. Dieser reiche zahlenmäßig einfach nicht aus, um die digitalen Herausforderungen zu meistern.

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Intensive Schulungen müssten jeden Mitarbeiter im Unternehmen mitnehmen und befähigen. Digitale Kompetenz sei zukünftig unabdingbar, nur das wie, wurde nicht erläutert. Obwohl Großkonzerne wie BASF oder Evonik meist weniger Probleme haben, geeignete Nachwuchskräfte zu finden, kann die aktuelle Situation niemanden in der Branche zufrieden stellen. Denn, so die Einschätzung des VDE-Vorsitzenden Kegel, die Ingenieurslücke in der Ausrüsterindustrie nehme inzwischen bedrohliche Ausmaße an. „Und ohne ausreichend besetzte Zulieferbetriebe stoßen auch Chemiekonzerne irgendwann an ihre Grenzen“. Ein zusätzliches Dilemma sieht BASF-Manager Fankhänel auch in der abnehmenden Wertschätzung von Hardware versus Software bei den Jugendlichen. Fazit einer etwas breit angelegten Podiumsdiskussion: Die Bemühungen um den technischen Nachwuchs müssen deutlich steigen und auch Ausbildung muss sich ändern. Oder, wie es Evonik-Ausbilder Fechner formuliert: „Wir bekämpfen derzeit die Themen der Zukunft mit der Didaktik der Vergangenheit.“ Erkenntnisgewinn?

Offene Architekturen für die digitale Welt: Aber welche denn nun?

Schon lange vor den Tagen von Industrie 4.0 wurde die mangelnde Interoperabilität und gegenseitige Austauschbarkeit von Systemen als Herausforderung für die Prozessindustrie identifiziert. Während die Nachteile des daraus resultierenden Vendor Lock-In schon immer präsent waren, wird nach Einschätzung von Dr. Michael Krauss, BASF, der eingeschränkte Informationsaustausch durch die Schwierigkeit in der Umsetzung von 54.0 Anwendungsfällen verschärft kritisch betrachtet.

Daher wurden in den vergangenen zwei Jahren an verschiedenen Stellen mit Bezug zur Prozessindustrie Initiativen gestartet, um offene Architekturen und allgemeingültige Datenmodelle für Engineering, Betrieb und Maintenance zu schaffen. Ein Beispiel ist NOA (Namur Open Architecture), mit dem neue Räume geschaffen werden, um flexibel, offen und wirtschaftlich agieren zu können. Oder anders ausgedrückt: Es wurde eine Überholspur neben der Automatisierungspyramide geschaffen. Im Wesentlichen unterscheidet NOA zwischen der Kern-Automatisierung und einer offenen Systemwelt für Monitoring- und Optimierungsaufgaben. Die Daten der bisherigen Kern-Automatisierungswelt werden durch offene Schnittstellen wie OPC-UA in die Systemwelt für Monitoring- und Optimierungsaufgaben exportiert. Ziel von NOA ist es, die Nutzung innovativer Technologien zu ermöglichen, um die Wirtschaftlichkeit der Anlagen zu erhöhen. Noch 2018 wird es dazu eine Namur-Empfehlung geben.

Die Module Type Package (kurz MTP) Initiative zwischen NAMUR und ZVEI stellte Jörn Oprzynski vom ZVEI AK ‚Modulare Automation‘ vor. „Es geht darum, die verfahrenstechnische Wettbewerbsfähigkeit der Betreiber zu erhöhen, die von der Time-to-Market getrieben ist.“ Dies gelingt u.a. mit Numbering-Up statt mit Scale-Up. Seine Erkenntnis: „Die modulare Automation ist möglich, wenn man sich auf einen Standard einigt. Und dieser Standard ist der MTP, der kontinuierlich weiter entwickelt wird.“ Die modulare Automation folgt der Modularisierung der Anlagen und nicht umgekehrt. Auf der Achema 2018 sollen weitere Pakete zum MTP ergänzt werden, wie Diagnose oder Maintenance. Zudem soll die internationale Standardisierung vorangetrieben werden.

Der US-Energiekonzern Exxon Mobil wählte dagegen einen anderen Ansatz. Die Motivation dafür erklärte der Exxon Mobil Manager Donald Bartusiak: Mit den gewaltigen Migrationskosten einerseits, die der Konzern in den kommenden Jahren für den Großteil seiner Prozessleitsysteme aufbringen muss, anderseits mit einer Vielzahl von Neuinvestitionen. Gewaltige Größenordnungen, die bei Exxon Mobil für ein Umdenken sorgen. „ Wir haben grundsätzlich überlegt, wie wir eine offene, sichere, standard-basierte, interoperable Prozessautomatisierungsarchitektur schaffen können“, so Bartusiak. 2010 begann das Unternehmen mit einer umfangreichen Recherche und schaute sich auch in anderen Branchen um. Besondere Aspekte betrafen IT/OT Cyber-Securities Innovationen; IIoT, Wireless- und Cloud-Services waren ein weiterer Antrieb zum Wechsel. Als Ergebnis entstand unter dem Stichwort ‚Open Group‘ eine neue, vollständig offene Referenzarchitektur mit einem Echtzeit-Service-Bus, der die bisherige Struktur auf den Kopf stellt. Immerhin sieht Bartusiak MTP als eine dabei gute Ergänzung zum eigenen neuen Modell.

Immerhin: Seit Mitte 2017 gibt es Bestrebungen und Abstimmungen, um die verschiedenen Entwicklungen von NOA, MTP und Open Architecture zu harmonisieren und ein geschlossenes Bild daraus zu generieren. Auseinander driftende Systemlandschaften und Doppelarbeit soll so vermieden werden. Ob das gelingen kann, wird sich zeigen. Die verantwortlichen Namur-Mitglieder zeigten sich verhalten optimistisch.

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