ERP-Roundtable

Ob der Server in Deutschland oder Waikiki steht, ist völlig egal

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Stichwort Cloud Computing: Immer mehr Anwendungen werden über das Internet in einem Mietmodell angeboten. Gilt dieser Trend auch für ERP-Software?

Forscht: Cloud Computing wird irgendwann kommen, aber nach meiner Überzeugung nicht so bald. Laut Marktstudien interessieren sich aktuell 6% der Unternehmen dafür.

Bei der IT-Nutzung gibt es deutliche Unterschiede zwischen Europa und den USA. Die Akzeptanz von Google-Streetview ist ein einleuchtendes Beispiel für die verschiedenen Mentalitäten.

Eigentlich beharren Unternehmen stets auf der individuellen Anpassung ihrer Software. Denn ein Mittelständler unterscheidet sich nicht in der Ausstattung mit Werkzeugmaschinen vom Wettbewerber, sondern in seinen Prozessen, die wiederum in der Software abgebildet werden.

Rosenstiel: Das ist genau der Punkt. Der Mittelständler möchte, dass sein IT-System genauso flexibel ist wie seine Umwelt. Nahezu jeder Mittelständler hat heute Standorte im Ausland und muss permanent umstrukturieren. Ein ERP-System muss nicht nur Funktionen abdecken, sondern auch in der Lage sein, solche Veränderungen nachvollziehen zu können.

Cloud Computing wird zur Zeit unter Technikaspekten diskutiert, aber weniger hinsichtlich seiner Vorteile bei diesen Veränderungen. Wenn er ERP in der Cloud nutzt, braucht er sich um keine Updates zu kümmern und stets auswählen, welche Funktionen er nutzen will und welche Mitarbeiter unabhängig von ihren Standorten Zugriff bekommen.

Kutschenreiter: Aber die großen Anbieter wie Microsoft und SAP treiben Cloud Computing doch in der Hoffnung voran, dass die Kunden später nicht mehr den Anbieter wechseln können. Wenn jemand in zehn Jahren von SAP Business-by-Design weg will, weiß er gar nicht, wie seine Prozesse in der Software abgebildet wurden, weil die gewünschten Funktionen nur per Mausklick zusammengestellt wurden.

Ich gebe Herrn Forscht recht, irgendwann wird sich Cloud Computing durchsetzen, weil die jüngere Generation mit dem Internet aufgewachsen ist. Aber ich stimme ihm auch zu, dass es bei den Entscheidern im Augenblick schlecht ankommt, ihnen ein Produkt mit dem Hinweis zu empfehlen, das würden 20 andere Firmen ebenfalls einsetzen. Denn jeder Geschäftsführer legt Wert auf die Individualität seines Unternehmens.

Diese Geschäftsführer werden sich künftig noch stärker auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren. Sie werden sich auf den Standpunkt stellen „Ich bearbeite Blech oder baue Werkzeugmaschinen, aber ich bin nicht bereit, 50000 Euro für die IT auszugeben.“

Diese Entscheider werden ganz selbstverständlich erwarten, dass sie ihr ERP-System aus der Cloud bereitgestellt bekommen. Es ist für uns als Anbieter eine große Herausforderung, eine komplexe ERP-Software so zu designen, dass sie per Mausklick von Mittelständlern konfiguriert werden kann. Aber in diese Richtung wird sich der Markt entwickeln.

Forscht: Bei einer Reihe von Anwendungen ist es einfach sinnvoll, sie aus der Cloud zu betreiben. Das gilt etwa für die Compliance-Lösung, wo stets die aktuelle Gesetzgebung und Rechtsprechung eingepflegt werden muss. Ähnlich verhält es sich mit der Finanzbuchhaltung, in der die gerade gültigen Steuersätze in jedem einzelnen Land hinterlegt sein müssen, oder der Sicherheit, weil die Schutz vor Schadsoftware und Hackern ständige Updates nötig macht.

Ist ein Mix zwischen Anwendungen in der Cloud und im Unternehmen installierter Software möglich?

Forscht: Ja. Wir bieten eine bei der Compliance-Prüfung nach diesem Modell an. Wird im Kundensystem ein neuer Auftrag angelegt, wird die zugehörige Adresse via Webservice in unserem Rechenzentrum daraufhin geprüft, ob sie auf einer Sanktionsliste von UNO oder EU steht. Wenn der Kunde diese Listen selbst pflegen müsste, wäre dies ein enormer Aufwand und ein hohes strafrechtliches Risiko.

Kutschenreiter: Die Vernetzung mit Produkten anderer Anbieter in der Cloud wird der nächste Schritt sein. Dazu zählen alle üblichen Anwendungen auf mobilen Endgeräten wie Smartphones, Tablet PCs und I-Pads bis hin zu Newsservices von Spezialanbietern.

Unsere Branche wird sich für Anwendungen von Drittanbietern öffnen, die wir in unsere Pakete integrieren. Wir werden immer wieder aufs Neue entscheiden, was wir selbst entwickeln und wo es opportun ist, einen Partner zu integrieren, weil die Gesamtlösung für den Kunden attraktiv ist.

Bruckmaier: Wir müssen in der Lage sein, unsere Produkte so weit wie möglich in Softwaresysteme anderer Anbieter zu integrieren. Sei es, dass sie auf PCs installiert sind, sei es, dass sie in der Cloud oder als Managed Services von einem Dienstleister angeboten werden.

Die Entscheidung für ein ERP-System wird in der Zukunft nicht mehr davon abhängen, ob eine bestimmte Funktionalität erhalten ist, sondern ob ein vorab definierter Prozess damit darstellbar ist, der für die nächsten 15 Jahre die durchgängige Kommunikation mit Kunden und Lieferanten ermöglicht. Viele Mittelständler brauchen dafür ein hochkomplexes Konstrukt, etwa wenn ihre CAD- und PLM-Software eingebunden werden soll. Wir Systemhäuser werden daran gemessen werden, ob wir diese Anforderungen bewältigen.

Rosenstiel: Unsere Lösung ist tief in die Produktion integriert, das geht bis hin zur Maschinendatenerfassung. Die Anwender fragen sich immer mehr, welche Philosophie hinter einer ERP-Lösung steckt und inwieweit sie zu ihrer Geschäftsphilosophie passt. Viele unserer Kunden finden es zunächst einmal seltsam, sofort alle Funktionen angeboten zu bekommen, ohne dass zunächst ihr individuelle Bedarf abgefragt wird.

Auf der anderen Seite wissen die Anwender, dass sie stets den aktuellen Stand des Systems nutzen, in das die Erkenntnisse der gesamten Branche eingeflossen sind. Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem Wikipedia-Prinzip: Viele geben etwas hinzu und am Ende kommt ein besseres Produkt heraus.

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