Interview Pilz-Chefin Susanne Kunschert: die Überzeugungstäterin

Von Benedikt Hofmann 13 min Lesedauer

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MM Maschinenmarkt-Chefredakteur Benedikt Hofmann sprach mit Susanne Kunschert, geschäftsführende Gesellschafterin der Pilz GmbH & Co. KG., über Unternehmertum, Glaube und die Freude an der Verantwortung.

„Ich sehe auch die Betriebswirtschaft nicht im Konflikt mit dem Glauben. Im Gegenteil, die Betriebswirtschaft wird dadurch bereichert und auf eine feste Basis gestellt“, sagt Susanne Kunschert.(Bild:  Pilz)
„Ich sehe auch die Betriebswirtschaft nicht im Konflikt mit dem Glauben. Im Gegenteil, die Betriebswirtschaft wird dadurch bereichert und auf eine feste Basis gestellt“, sagt Susanne Kunschert.
(Bild: Pilz)

Susanne, das wird eine Premiere. Nicht nur für mich, sondern auch für dieses Medium. In 128 Jahren MM Maschinenmarkt gab es noch nie ein Interview in Du-Form. In diesem Fall habe ich mich aber entschieden, das zu tun. Denn in deinem Fall ist das Du mehr als eine Anrede. Es sagt sehr viel darüber aus, wie du tickst, und das ist nun mal das Ziel dieser Interviewserie: Entscheider in der Industrie und ihre Sichtweise auf Unternehmertum und ihre Rolle in der Gesellschaft vorzustellen. Und in deinem Fall ist die Nähe, die du sofort mit Menschen aufbaust, ein Charakterzug, ohne den das Bild mehr als unvollständig wäre.

Susanne Kunschert: Es freut mich, wenn du das so siehst und wahrnimmst. Diese Wirkung kommt, so denke ich, daher, dass es sich in meinem Fall nicht um ein heute so häufig genutztes Business-Du handelt. Es ist mein Glauben. Ich versuche, den Menschen zu sehen. Und wenn mir das gelingt, führt das für mich zu einer solchen Nähe, da passt das Sie dann einfach nicht mehr.

Auf das Thema Glauben werden wir später ganz sicher noch mal zurückkommen. Einsteigen möchte ich aber gerne mit der Frage, mit der ich jedes dieser Interviews beginne: Wie geht es deinem Unternehmen aktuell?

Uns geht es gut und dafür bin ich dankbar. Wir haben einen super Jahresabschluss hingelegt, und das trotz der anhaltenden Lieferschwierigkeiten. Vor diesem Hintergrund hatten alle immer das Gefühl, hinterher zu sein, nicht genug geben zu können und nicht auf dem Stand zu sein, auf dem sie sein müssten. Ein schlimmes Gefühl. Doch dann erreicht man einen solchen Jahresabschluss und sieht, dass so viel ausgeliefert wurde wie noch nie zuvor in der Firmengeschichte. So sieht man dann, dass das Ganze die Mühen wert war. Möglich ist das aber nur, weil wir die Gnade haben, über wirklich wunderbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verfügen, die resilient sind und sich auch über die ganzen letzten Jahre den Optimismus erhalten haben. Und das quer durch die Abteilungen und alle Länder. Da greift ein Rad in das andere und das macht uns so stark.

Aber ihr wart durchaus von den gestörten Lieferketten und fehlenden Materialien betroffen?

Sogar massiv, ja. Aber daran können wir ja nichts ändern und da hilft es auch nicht zu lamentieren. Wir mussten und müssen akzeptieren, dass es eben so ist, und das Beste draus machen. Wir alle finden, dass Jammern nur vergeudete Zeit ist, und stecken unsere Energie lieber in kreatives Denken. Und wenn am Ende dieser Bemühungen ein positives Ergebnis steht, ist das umso besser.

Du sprichst schon in diesen ersten Minuten viel über das Team und den besonderen Geist, der bei euch herrscht. Möglicherweise ist ein Grund dafür, dass ihr ein Familienunternehmen seid. Was bedeutet dir das, Familienunternehmerin zu sein?

Das bedeutet mir tatsächlich viel. Ganz zuvorderst, dass ich die Verantwortung für so viele Mitarbeitende tragen darf. Diese Verantwortung trage ich gerne und bin dankbar, dass ich einen Beruf haben darf, bei dem ich so viel positiv beeinflussen kann. Ich kann Dinge gestalten, eine Kultur prägen und das ist wirklich wunderbar. Zur Klarstellung muss ich aber sagen, dass wir, also mein Bruder Thomas, mit dem ich zusammen das Unternehmen führe, und ich, von unserer Mutter nicht zu Familienunternehmern erzogen wurden. Dieses Bild haben viele möglicherweise direkt vor Augen. Aber so war es nicht. Wir haben natürlich gesehen, dass unsere Mutter eine ganz grandiose Unternehmerin ist, die gestaltet und bewegt. Und die gerne arbeitet und Verantwortung trägt. Aber sie hat uns vor allem mit ihren christlichen Werten erzogen. Ihr war zuallererst wichtig, dass wir glücklich werden.

Also nicht die Familiendynastie, die wir alle aus Soap Operas kennen? Kein „du bist eine Pilz“?

Nein, ganz und gar nicht. Dafür aber viel „du bist ein wunderbarer Mensch, der sein Glück finden muss“. Meine Mutter war immer ganz klar darin, dass das Leben der Familienunternehmerin der Weg war, den sie für sich gewählt hat. In welche Richtung ich gehen möchte, das durfte ich entscheiden.

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Die Möglichkeit bestand also. Aber war es für dich denn tatsächlich einmal eine realistische Option, das Unternehmen deiner Familie nicht zu übernehmen?

Das war sogar sehr realistisch. Ich wusste eine ganze Zeit meines Lebens nicht, was ich beruflich machen möchte. Ich fand das Leben schon immer bunt und vielseitig und wollte erst entdecken, welche Begabungen ich habe. Während der Schulzeit war mir das noch keineswegs klar. Ich bin sehr froh, dass ich mir selbst die Zeit gegeben habe, zu erkennen, worin ich gut bin, wo Gott mich gesetzt hat.

Und dann hast du dich doch für ein Studium der Betriebswirtschaft entschieden …

Ja, diese Tür stand offen. Und das Fach ist interessant und ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt. Außerdem hätte ich damit auch immer noch eine Galerie leiten können ... Ich habe dann sehr schnell festgestellt, dass es eine sehr schöne Tür ist, die mir dort offensteht. Das Thema Personal hat mich direkt gefesselt und auch Finanzkennzahlen bereiten mir tatsächlich Freude.

Deine Karriere hast du dann aber nicht bei Pilz gestartet, oder?

Richtig. Ich habe meine ersten Schritte bei anderen Unternehmen gemacht. Es war für mich aber ein besonders wichtiger Moment, als ich dank meiner Bewertung und Zeugnisse mit Gewissheit sagen konnte, dass Pilz mich auch einstellen würde, wenn ich nicht die Tochter meiner Eltern wäre. Und dann hat irgendwann meine Mutter angerufen und gefragt, ob ich nun bei Pilz arbeiten möchte oder nicht. Und meine Antwort war: Ja, Mama, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wirklich klar war mir das aber tatsächlich erst in dem Moment, in dem sie mich gefragt hat.

Ich finde aber schon spannend, dass du dir so sicher warst, dass Pilz dich auch einstellen würde, wenn du irgendjemandes Tochter wärst. Woher hast du dieses Selbstvertrauen genommen?

Da hatte ich keine Zweifel. Ich hatte genügend Zeugnisse und Beurteilungen meiner Fähigkeiten erhalten. Zudem haben wir durch die Erziehung unserer Mutter ein großes Maß an Urvertrauen aufbauen dürfen. Ethik-Seminare bei Professor Baldur Kirchner während und nach meinem Studium haben auch viel dazu beigetragen, dass ich meine Persönlichkeit weiterentwickeln und stärken konnte.

Jetzt seid du und dein Bruder deiner Mutter also nachgefolgt und Geschäftsführer des Familienunternehmens geworden. Beeinflusst dieser Hintergrund, wie und welche Entscheidungen du triffst?

Ich als Mensch Susanne Kunschert würde immer auf dieselbe Weise entscheiden, egal in welchem Unternehmen ich tätig bin. Ich bin auch als Aufsichtsrätin und ehrenamtlich aktiv. In diesen Situationen bin ich nicht plötzlich ein anderer Mensch. Ich entscheide so, wie ich es für angemessen halte, für das Unternehmen und für die Situation.

Ich habe mir für Gespräche mit Familienunternehmern so schön eine Frage zu dem besonderen Druck, der damit einhergeht, zurechtgelegt. Aber schon in meinem letzten Gespräch wurde mir das recht deutlich verneint. Ich habe das Gefühl, dass auch du keinen besonderen Druck verspürst, das Vermächtnis der Familie weiterzuführen?

Nein, ich spüre keinen Druck. Es ist für mich auch keine Bürde, das Unternehmen weiterzuführen. Im Gegenteil, ich bin dankbar, dass ich dieses Vermächtnis habe, dass ich die Möglichkeit habe, hier zu arbeiten. Mein Bruder und ich durften ein gewachsenes Unternehmen übernehmen, ein internationales Unternehmen mit bestens funktionierenden Strukturen. Und auf dieser Basis dürfen wir es gemeinsam weiterentwickeln, das ist wundervoll.

Hat dieses entspannte Verhältnis zu der großen Verantwortung, die du trägst, auch mit der Tatsache zu tun, wie du erzogen wurdest?

Natürlich ist das ein Bestandteil. Es wurde eben nie zu meiner Bürde gemacht, sondern zu meinen Möglichkeiten. Das und mein Glaube, der mich nicht so denken lässt.

Pilz kann man sicher als typisches Familienunternehmen bezeichnen. Du bist als Unternehmenslenkerin allerdings alles andere als typisch, und das leider schon aufgrund deines Geschlechts. Wirkt sich, eine Frau zu sein, auf deine Arbeit und darauf, wie du wahrgenommen wirst, aus?

Bevor ich meine persönliche Antwort darauf gebe, muss man wissen, dass Pilz ja bereits davor von einer Frau, meiner Mutter, geführt wurde. Wenn ich durch mein Geschlecht schon eine außergewöhnliche Erscheinung bin, kann man sich vorstellen, wie die Situation zur Zeit meiner Mutter war. Ich fühle mich jedenfalls nicht anders behandelt, weil ich eine Frau bin. Ich bin beispielsweise Mitglied unterschiedlicher Gremien und hatte nie das Gefühl, dass ich dort anders behandelt werde oder meine Stimme weniger zählt. Ich mache da aber auch von meiner Seite keinen großen Unterschied. Mein Bruder Thomas ist ein paar Jahre älter und ich war schon früher häufig mit ihm und seinen Freunden unterwegs und auch im Studium hatte ich mindestens so viele männliche wie weibliche Freunde. Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich in einer Runde mit 20 Frauen oder 20 Männern ein Thema diskutiere. Auf das menschliche Miteinander kommt es an, das zählt.

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