Virtual Reality Potenziale von Engineering und Steuerung im virtuellen Raum

Von Stefanie Michel 5 min Lesedauer

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Das Industrial Metaverse ist als Begriff zwar eher von IT-Unternehmen geprägt, doch langsam erkennen auch Industrieunternehmen den Nutzen – wie beispielsweise Igus. Der Kunststoffspezialist schafft sein eigenes „Iguversum“ und will damit mehr ermöglichen als lediglich eine virtuelle Umgebung. Wir waren vor Ort.

Das Igus-Metaverse ist mehr als ein reine virtuelle Produktpräsentation. Sie soll für Vertrieb und Engineering neue Möglichkeiten aufzeigen, mit Kunden zu interagieren.(Bild:  Igus GmbH)
Das Igus-Metaverse ist mehr als ein reine virtuelle Produktpräsentation. Sie soll für Vertrieb und Engineering neue Möglichkeiten aufzeigen, mit Kunden zu interagieren.
(Bild: Igus GmbH)

Ich stehe auf einer Bohrplattform und blicke auf das Meer, auf die Inselwelt um mich herum: Die Sonne scheint, das Wasser bewegt sich nur ganz sachte. Eigentlich soll hier oben das Energiekettensystem E-Loop von Igus montiert werden, aber das funktioniert nicht. Eine Metallstrebe ist im Weg. Einen Blick nach unten wage ich lieber nicht, denn es ist steil, tief und wenig Platz zum Stehen. Wie komme ich nun wieder runter? Im Hintergrund sagt mir jemand: „Spring' einfach auf den Boden!“ Stimmt! Ich suche einen geeigneten Punkt über meinen Controller, drücke die entsprechende Taste und schon stehe ich neben meinem Guide wieder „auf festem Grund“.

Ausgestattet mit VR-Brille stecke ich mitten im „Iguversum“, dem Metaverse vom Kunststoffspezialisten Igus. Für mich ist es nicht das erste Mal, dass ich mich über Controller in virtuellen Welten zurechtfinde. Nachdem ich den Avatar meines Guides gefunden habe, folge ich ihm mit „großen Schritten“ (ich springe ihm eher hinterher) durch die Igus-Welt: Ich kann in einen Roboterarm schauen, mir in einem Minivan die Igus-Komponenten anzeigen lassen oder die 3D-Modelle der Energieketten erkunden.

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Vorhandene Möglichkeiten für die Industrie nutzen

Neu sind solche virtuellen Welten nicht. Bereits um 2017 und 2018 herum, nachdem die ersten autarken Virtual-Reality-(VR-)Brillen erhältlich waren, gab es Ideen, wie man diese Technik auch für die Industrie und den B2B-Markt nutzen könnte. Ab dieser Zeit konnte man sich im Autodesk VR Center of Excellence in München mit der Technik und den Möglichkeiten vertraut machen, Ford nutzte VR-Brillen zur Zusammenarbeit am Fahrzeugdesign mit weltweiten Teams und PTC zeigte mithilfe der Software Vuforia Augmented-Reality-Lösungen für die Fertigung und den Service. Man versprach sich viel – von der Kundenpräsentation bis hin zur virtuellen Zusammenarbeit – doch der wirkliche Durchbruch ließ auf sich warten. Für viele Unternehmen war und ist die Technik zu teuer, der Aufwand zu hoch, der Nutzen überschaubar.

Vertrieb in der virtuellen Realität

Inzwischen sind die VR-Brillen erschwinglich(er) und Vorreiter wie Igus arbeiten an neuen Einsatzmöglichkeiten für solche virtuellen Welten mit einem tatsächlichen Nutzen. Einen Vorgeschmack gab Igus bereits auf der IAA Transportation 2022 zum Thema Vertrieb: Im virtuellen Raum konnten schon Anwendungen erkundet werden, in denen die Iglidur-Gleitlager, die Drylin-Linearführungen und verschiedene Energieketten zum Einsatz kommen. Der Unterschied zu einem Katalog oder zu einer Broschüre: ein viel eindrucksvolleres Erleben. Für Geschäftsführer Frank Blase liegt hier viel Potenzial für den Vertrieb der Zukunft: „So könnten sich bei Kundenbesuchen Vertriebler und Kunden eine VR-Brille aufsetzen und ins Iguversum abtauchen. Studien zeigen: Es ist bis zu neunmal wahrscheinlicher, dass sich Kunden an Erlebnisse in der virtuellen Realität erinnern und so schneller verstehen.“

Per Augmented Reality können Kunden einen Röntgenblick ins Innere von Produkten und deren Mechanik werfen. Ein Beispiel hierfür ist die Energiekette der Serie Triflex TRX.(Bild:  Igus GmbH)
Per Augmented Reality können Kunden einen Röntgenblick ins Innere von Produkten und deren Mechanik werfen. Ein Beispiel hierfür ist die Energiekette der Serie Triflex TRX.
(Bild: Igus GmbH)

Per Augmented Reality (AR) ist zudem eine neue Form des digitalen Verkaufens möglich. In das Innere einer geschlossenen Energiekette zu blicken, war bisher kaum möglich. Mit AR lassen sich einige mechanische Prinzipien, die vor allem bei der Energiekette Triflex TRX besonders sind, ganz anders darstellen: Aktiviert der Mitarbeiter die Software auf seinem Smartphone über einen QR-Code auf der E-Kette, überlagert die Anwendung das Produkt auf dem Bildschirm mit einem animierten virtuellen Zwilling. So wird der Blick ins Innere der Kette auf die Mechanik möglich. Erklärungsbedürftige Produkte werden somit anschaulich und lebendig.

Das Iguversum als Baustein für die Automatisierung

Für Igus ist das aber erst der „Einstieg“. Zukünftig sollen beispielsweise Kunden, Ingenieure und Materialexperten als Avatare im digitalen Raum zusammenkommen und dort ganze Engineering-Projekte durchführen können – und zwar schneller als in der physischen Welt. Dank VR kann man den Auf- und Einbau von Produkten vorab simulieren. Die virtuelle Welt macht Probleme und effiziente Lösungen sofort sichtbar. Dann sollen solche Probleme wie das nicht montierbare Bauteil auf dem Bohrturm der Vergangenheit angehören.

Erleichterung im Engineering: Als Avatar sind Ingenieure gemeinsam mit dem Kunden in der Applikation.(Bild:  Igus GmbH)
Erleichterung im Engineering: Als Avatar sind Ingenieure gemeinsam mit dem Kunden in der Applikation.
(Bild: Igus GmbH)

Das Iguversum wird zukünftig aber auch ein weiterer Baustein im Bereich der Low Cost Automation sein, mit der Igus Automatisierungslösungen jedem zugänglich machen will – möglichst einfach. Mit dem Rebel sind bereits günstige Cobots für unter 4.000 Euro erhältlich. Kompatibles Zubehör wie Endeffektoren oder Kameras sind im RBTX-Marktplatz erhältlich. Doch wie soll der Cobot zum Einsatz kommen, wenn der Anwender keine Erfahrung in der Roboterprogrammierung hat?

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Bisher lässt sich dafür die Robot-Control-Software von Igus nutzen, die verschiedene Roboterkinematiken recht intuitiv programmiert und steuert. Zukünftig soll sich der Anwender mit seinem Avatar zusätzlich kostenlos in die VR-Welt einloggen und dort noch viel einfacher die Programmierung und Simulation vornehmen können. Interaktionen mit anderen – auch Igus-Mitarbeitern – geben Hilfestellung. In diesem Umfeld können auch Tutorials oder eine ganze Akademie zur Weiterbildung erstellt werden. Unternehmen bietet sich so die Möglichkeit, ihre Arbeitsumgebung sicherer und attraktiver zu gestalten.

„In der Zukunft werden wir sehen, wie die kollaborative Zusammenarbeit von Menschen im Metaverse und zum Beispiel die Steuerung von Robotern aus virtuellen Welten heraus die Art und Weise verändern, wie wir zusammenarbeiten“, ist sich Marco Thull, Senior Marketing Activist bei Igus, sicher. Ein Roboterprogrammierer muss dann nicht vor Ort im Unternehmen sitzen. Vielleicht trifft man ihn in Zukunft nur im Metaverse an und beauftragt ihn für eine konkrete Aufgabe. Das könnte eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein.

Den Igus-Cobot Rebel im Iguversum virtuell konfigurieren und aus der Ferne steuern: nur eine von vielen Möglichkeiten, um Robotikanwendern den Einstieg in die Low Cost Automation noch einfacher zu machen.(Bild:  Igus GmbH)
Den Igus-Cobot Rebel im Iguversum virtuell konfigurieren und aus der Ferne steuern: nur eine von vielen Möglichkeiten, um Robotikanwendern den Einstieg in die Low Cost Automation noch einfacher zu machen.
(Bild: Igus GmbH)

Mit VR und AR lassen sich beispielsweise auch komplette Automatisierungslösungen im virtuellen Raum planen, steuern und testen. Dadurch können Mitarbeiter aus der Ferne auf gefährliche oder unangenehme Arbeitsumgebungen zugreifen, ohne vor Ort zu sein – man denke nur an Müllsortierung oder Anwendungen unter Tage.

Erweiterung für andere Hersteller

In einer weiteren Stufe will Igus sein Metaverse um eine B2B-Plattform für andere Hersteller erweitern. Sie können dann ebenfalls Maschinen und Anlagen im virtuellen Raum präsentieren, sofern sie Bauteile vom Kunststoffspezialisten verwenden. Ein Megatrend, so das US-Marktforschungsunternehmen Gartner. Schon 2025 würden digitale Kanäle 80 Prozent der B2B-Vertriebsinteraktionen zwischen Lieferanten und Käufern abbilden. Zudem kann sich Igus vorstellen, kleinere Unternehmen bei der Realisierung eigener VR-Anwendungen als Dienstleister zu unterstützen.

„Wir begeben uns mit dem Iguversum auf einen neuen Weg des Präsentierens, Verkaufens und Engineering“, unterstreicht Blase. „Für viele ist das Metaverse noch Neuland. Auch wir wollen dazulernen und diesen Weg daher gemeinsam mit unseren Kunden gehen“, so Blase. Man will zu den „First Movern“ gehören und zeigen, welches Potenzial in diesen Technologien schlummert.

Igus auf der Hannover Messe 2023: Halle 17, Stand E26; hier können sich Interessierte selbst einen Eindruck von der VR-Welt verschaffen.

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