„Fuck Zertifizierung“ – Interview mit Joachim Ramisch

Schluss mit diesem Unfug!

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Ein Zertifikat kann aber zum Beispiel helfen, an einen Auftrag heranzukommen…

Ramisch: … natürlich. Ein Konzernkunde etwa wird immer den zertifizierten Lieferanten bevorzugen. Umgekehrt gilt: Wenn Sie kein Zertifikat haben, aber ein überlegenes Patent oder sonst was, das es Ihnen ermöglicht, dauerhaft in hohem Maße günstiger als der Wettbewerb zu sein, fragt Sie keiner mehr nach einem Zertifikat.

Sie haben vor 15 Jahren das „Ascona-Projekt“ gestartet. Weshalb?

Ramisch: Die Galvanobranche war sehr gefragt, als damals in der Automobilindustrie sich ein Trend vom funktionalen zum kosmetischen Korrosionsschutz abzeichnete. Die Teile sollten ab da an also nicht mehr nur vor Korrosion geschützt werden, sondern ihr Aussehen gar nicht mehr verändern. So suchte man nach Wegen, nach den Korrosionstests die Teile wesentlich besser erscheinen zu lassen. Das gelingt dann am besten, wenn Sie den Test aushebeln, ihn „überlisten“.

Diese Sinnlosigkeit wollte ich nicht hinnehmen. Ein Korrosionstest hat die Aufgabe, Teile zu zerstören. Denn nur an der Zerstörung sieht man, was passiert ist. Wenn ich den Test aber auf den Kopf stelle, liefert er kein Ergebnis. Wenn Sie dem Salzsprühtest eine Oberfläche bieten, die er physikalisch nicht angreifen kann, macht dieser Test ja gar keinen Sinn. Genau in diese Richtung ging es aber.

Darauf hatte ich gedacht, ich mache einen Test, der real ist: Ich fuhr einen Opel Ascona über viele Jahre und beobachtete ihn. Fazit: Die Rostproblematik ist gar nicht so schlimm, wie von der Automobilindustrie behauptet. Da habe ich kein Geheimnis entdeckt, das kann man in jeder Werkstatt sehen. Das wussten die Leute der Automobilhersteller auch. Aber die Konzerne haben große Ingenieurabteilungen, die davon leben, dass sie Tests machen.

… ein Schwachpunkt wird von einer Lobby dramatisiert, um daraus Profit zu schlagen …

Ramisch: … das könnte man so sagen. Es ist eine Erscheinung, die in jedem Bereich auftritt. Im Arzneimittelgeschäft werden Krankheiten erfunden oder im Möbelgeschäft mittels neuen Trends Altes entwertet. In diesem Fall wurde die Korrosionsbedrohung dramatisiert. Grundsätzlich gilt bei solchen Phänomenen „Geschäft vor Fortschritt“. Und es macht keinen Sinn, gut funktionierende Dinge zu stoppen, nur um neue Produktionen anzukurbeln.

… eine ähnliche Erfahrung haben Sie mit der Verwendung von Borsäure in der Galvanotechnik gemacht …

Ramisch: … genau. Es ist unnötig, die bewährte Borsäure zu verdrängen. Ein kostengünstiges und umweltverträgliches Verfahren wird zu Unrecht in Verruf gebracht. Interessierte können übrigens über meine beiden Erfahrungen im Internet lesen.

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