Katastrophen wie die Covid-19-Pandemie zeigen auf, wie störungsanfällig globale Lieferketten sind. Digitale Technologie kann für Stabilität sorgen. Welche Rolle spielen hier Künstliche Intelligenz, Big Data und Co?
In der Digitalisierung des Beschaffungswesens liegt ein nicht zu unterschätzender Resilienz-Hebel für Unternehmen.
Geht das Zeitalter der Globalisierung zu Ende? Diese Frage stand in den letzten Jahren ganz oben auf der Agenda von Wirtschaftsführern aus aller Welt. Denn: Der Brexit oder der Handelskrieg zwischen den USA und China treiben die Segmentierung der Weltwirtschaft voran. Staaten schotten sich ab, Handelshemmnisse nehmen zu. In diesem, bereits angespannten Klima schlug obendrein COVID-19 mit voller Wucht zu. Die Pandemie behindert den weltweiten Warenverkehr zusätzlich oder stoppt ihn gleich ganz – und deckt schonungslos die Schwachstellen weltweiter Lieferketten auf.
Eine gemeinsame Umfrage des Supply Chain Management Beratungsunternehmen Abels & Kemmner und der Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Fertigung AWF legt nahe, dass europäische Unternehmen in der Folge wieder verstärkt auf europäische Lieferanten setzen: 82 Prozent der befragten Unternehmen erwarten diese Entwicklung. Der Weg für eine Neuordnung der globalen Lieferketten scheint geebnet.
In Zeiten globaler Unsicherheit werden die Attribute „Stabilität” und „Widerstandsfähigkeit” zu den neuen Leitlinien im Beschaffungswesen. Angesichts der Krise(n) setzt sich branchenübergreifend zunehmend die Erkenntnis durch, dass ausschließlich auf maximale Effizienz getrimmte Lieferketten den heutigen Anforderungen nicht mehr nachkommen. Denn der Fokus auf maximale Effizienz reduziert die Fähigkeit vieler Unternehmen, adäquat und schnell auf Risikoereignisse für Lieferketten zu reagieren. Zu verzahnt und komplex sind die Lieferketten heutzutage, zu viele Abhängigkeiten bei einigen wenigen Zulieferern bestehen in der Kette, zu wenige Alternativen sind etabliert. Hat nun ein Verkäufer Lieferschwierigkeiten, droht der Stillstand der gesamten Produktionskette.
Denn gemäß einer Umfrage des McKinsey Global Institute rechnen Unternehmen heute alle 3,7 Jahre mit schwerwiegenden Unterbrechungen der Lieferkette. Doch Widerstandsfähigkeit und Stabilität haben, je nach Branche, eine individuelle Bedeutung: Während den Automobilherstellern Anfang 2020 durch den Lockdown in Hubei ein gesamter Zulieferer-Hotspot wegbrach und Lieferengpässe drohten, beklagen aktuell viele verarbeitende Unternehmen etwa steigende Stahlkosten. Wie können Führungskräfte die richtigen Prioritäten setzen und wie helfen hier digitale Technologien?
Die Bausteine einer widerstandsfähigen Lieferkette
Im Allgemeinen versprechen sich Unternehmenslenker und Einkäufer von modernen, widerstandsfähigen Lieferketten eine höhere Flexibilität, eine schnellere Reaktionsfähigkeit und größere Agilität. Die Grundvoraussetzungen sind jedoch: transparente und diverse Lieferanten-Netzwerke.
Transparenz ist deshalb so wichtig, weil Unternehmen nur diejenigen Risiken mildern können, die Ihnen bekannt sind. Ein effektives Risikomanagement erfordert also einen umfangreichen Überblick in alle Interaktionen und Bewegungen, die im eigenen Lieferantennetzwerk stattfinden – quasi eine Vogelperspektive über das eigene Zulieferer-Geflecht und deren Wettbewerber. Natürlich gibt es in jeder Lieferkette blinde Flecken. Lieferanten geben nicht alle Informationen und Geschäftsgeheimnisse preis, manchmal lässt sich eine Komponente kaum bis zum Ursprung zurückverfolgen. Andererseits versuchen viele Unternehmen auch gar nicht erst, totale Transparenz zu schaffen und beschränken sich auf ihre direkten Zulieferer. So vernachlässigen sie jedoch mögliche Abhängigkeiten und Risiken, zum Beispiel durch schlechte Arbeitsbedingungen oder sensible Umweltverschmutzungen, die sich bereits weit vorne in der Lieferkette einschleichen können. Wenn sie von diesen überrascht werden, kann das kostspielige Folgen haben.
Ebenso wichtig wie ein 360-Grad Blick über das gesamte Beschaffungsnetzwerk ist die Diversifizierung der eigenen Lieferketten; sprich, Produkte von mehreren Zulieferern in mehreren Standorten produzieren zu lassen. Unternehmen mit breit aufgestellten Lieferketten sind der Konkurrenz im Falle von Naturkatastrophen oder geo-politischen Schwankungen immer einen Schritt voraus. Denn sie verringern das Risiko, dass ein einziger Lieferant in einer betroffenen Region ein essenzielles Nadelöhr darstellt. Beispielhaft illustriert am vorherigen Beispiel des Automobilzulieferer-Hotspots Hubei. In einer volatilen Weltwirtschaft benötigen Unternehmen ausreichend Optionen.
Stand: 08.12.2025
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Unternehmen wenden sich zunehmend an ihre Einkaufsteams, um Lieferrisiken einzuschätzen und den idealen Mix an Zulieferern für zunehmend turbulente Zeiten zu ermitteln. Um diesen gerecht zu werden, muss das Beschaffungswesen in seiner Art und Weise jedoch grundlegend überarbeitet werden. Excel-Tabellen, die vielerorts nach wie vor für die Darstellung des Lieferanten-Netzwerks genutzt werden, stoßen an die Grenzen ihrer Effektivität. Zu komplex und weitreichend sind Verbindungen innerhalb dieser Netzwerke heutzutage. Außerdem reichen alleine das Vertrauen der Einkäufer in persönliche Kontakte zu Lieferanten und die Suche via Google und Zulieferer-Messen nicht aus, um das eigene Lieferantennetzwerk überzeugend auszubauen. Und Recherchen nach neuen Lieferanten kosten Zeit – viel Zeit. Das noch immer weitgehend analoge Beschaffungswesen braucht digitale Lösungen: Und erhält diese nun dank Künstlicher Intelligenz (KI), Big Data und Data Analytics.
Künstliche Intelligenz bringt Licht ins Dunkel
KI bietet Unternehmen durch die kontinuierliche Analyse von Milliarden von Datenpunkten eine End-to-End-Markttransparenz. Das heißt: einen datenbasierten Rundumblick auf den gesamten Zulieferer-Markt und die Lieferkette von Anfang bis Ende. Unternehmen erhalten damit die Möglichkeit, vorausschauend zu planen und bestmöglich auf potenzielle Risiken zu reagieren. Die KI bietet einen handfesten Informationsvorsprung – nicht nur im Fall neuer Bedarfe im Einkauf, sondern auch, um Daten in bestehenden ERP-Systemen zu qualifizieren, alternative Lieferanten zu identifizieren und zusätzliche Informationen für Verhandlungen mit bestehenden und potenziellen Zulieferern bereitzustellen.
Gleichzeitig extrahiert die KI zusätzliche Daten von öffentlich zugänglichen Quellen, um bestehende Lieferanten-Netzwerke zu erweitern oder zu verifizieren. Zudem hilft ein ständiger Überblick – etwa die Überwachung von Bestandsbewegungen – über die gelagerten Materialien und Güter in Echtzeit, Bestellungen schnell nach unten oder oben zu skalieren: So kann man Nachschubprobleme, wie sie zu Beginn der Pandemie viele Hersteller geplagt haben, früh erkennen und vermeiden.
Diversifizierung: von der KI unterstützt, vom Menschen durchgeführt
Künstliche Intelligenz ermöglicht Beschaffungsteams den Zugriff auf den gesamten globalen Zulieferer-Markt. Vorher unerkannte und dennoch wettbewerbsfähige Lieferanten erscheinen so endlich auf dem Rader, neue Märkte werden erschlossen. Denn: Daten aus aller Welt können standardisiert miteinander verglichen werden. Auch, da die Technologie keine Sprachbarrieren kennt, wodurch Informationen verborgen bleiben können.
Stattdessen recherchiert die KI automatisiert und innerhalb kurzer Zeit Tausende von möglichen Lieferanten und stellt eine Shortlist mit genau denjenigen Lieferanten zusammen, die den vorher festgelegten Kriterien des Unternehmens entsprechen. Dabei wird die manuell so langwierige Scouting und Discovery Phase neuer Lieferanten von Monaten auf wenige Wochen oder sogar Tage verkürzt. Im Umkehrschluss können sich die Einkäufer auf Aufgaben konzentrieren, die menschliches Fachwissen und Fingerspitzengefühl benötigen: zum Beispiel die Analyse und Bewertung von Stück- und Versandkosten, Innovation und ökologischen sowie politischen Bedingungen.
Das „New Normal” meistern
Die Globalisierung wird nie ganz zu Ende gehen. Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen und Regierungen wechseln wird auch die Weltwirtschaft wieder angekurbelt, dann jedoch mit neuen Merkmalen. Die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, dass das Risiko global verteilter und langer Lieferketten viel größer ist, als wir dachten. Durch den Einsatz von KI können Beschaffungsteams intelligente und datenbasierte Entscheidungen treffen und sich so immer für den Notfall vorbereiten, auch wenn sie auf diesen gut verzichten könnten.
* Enno Lückel arbeitet als Vice President Sales bei Scoutbee.